Im Nachtbus zur Schweinebucht, oder: warum man nicht viel haben muss, um etwas zu geben.

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Nach fünf Tagen des vergeblichen Wartens auf ein Ticket in Richtung Westen, habe ich endlich einen Bus aus Baracoa in Richtung Havanna bekommen.

Mittlerweile wünsche ich mir allerdings bereits, dem wäre nicht so gewesen.

Ich hatte zwar schon die ein oder andere schlimme Fahrt hinter mir, diese Busfahrt allerdings toppt alles.

Punkt 1:  Die Temperatur im Bus entspricht in etwa der eines Bofrost-Lieferwagens. Die Klimaanlage ist so niedrig gedreht, dass ich mir aus meinem Pulli und meinem Rucksack samt Inhalt einen wärmenden Kokon gebaut und mir aus einer Kuba-Flagge eine Art Turban gewickelt habe.

Wir sind in der verdammten Karibik. Ich sollte schwitzen und nackt sein.

Oder zumindest nicht frieren.

Punkt 2: Das Onboard-Entertainment, wie es auf Neu-Deutsch so schön heißt (zwei alte Fernseher, einer im vorderen,  einer im hinteren Teil des Buses), könnte ohne weiteres auch als Foltermethode in Guantanamo eingesetzt werden.

Der Lautsprecher über meinem Kopf ist auf volle Lautstärke aufgedreht und scheppert die gesamte Nacht vor sich hin, sodass an Schlaf nicht zu denken ist.

Die erste halbe Stunde läuft eine mexikanische Prank-Show in der ein Mann mit verschiedenen Horror-Kostümen Menschen erschreckt. Schließe ich die Augen höre ich daher nur Schreie und billige Sound-Effekte aus noch billigeren Gruselfilmen.

Es wird noch schlimmer, als direkt nach der Show ein Teeniefilm/Softporno gezeigt wird, dessen ersten fünf Minuten  aus einer expliziten Sexszene besteht, die der Busfahrer stur laufen lässt, obwohl mehrere kleine Kinder im Bus sitzen, die jetzt mit offenen Mündern den Bildschirm anstarren.

Schlechter kann es gar nicht werden, denke ich mir.

Dann kommt Boat Trip.

Absoluter Tiefpunkt in der Karriere von Oscar-Preisträger Cuba Gooding Jr. und einer der schlechtesten Filme aller Zeiten.

Ein Urteil, das ich ohne schlechtes Gewissen fällen kann.

Kurzzusammenfassung: Zwei Kumpels heuern auf einem Kreuzfahrtschiff an um Frauen aufzureißen. Der Haken an der Sache: Es ist eine Schwulen-Kreuzfahrt.

Schlimmer als Boat Trip jedenfalls kann es jetzt wirklich nicht mehr werden, denke ich mir, als der Abspann des Films nach einer gefühlten Ewigkeit über den Bildschirm flimmert.

Doch das Unterhaltungsprogramm der kubanischen Busagentur Viazul sollte mich ein letztes Mal eines besseren belehren.

Die nächsten drei Stunden läuft eine kubanische Live-Comedy-Show. Aufgenommen mit einem Handy. Ich sehe also ungefähr 40 verwackelte Comedians, die auf spanisch ihre Witze zum Besten geben, während die einzige Person im Bus, die außer mir noch wach ist und die einzige, die über die Witze lautstark lacht, die ältere Frau neben mir ist.

Einmal muss sie so laut lachen, dass sie sich an ihrem Essen verschluckt und fast erstickt. Ich klopfe ihr trotz ihrer nervtötenden Lache auf den Rücken, bis sie aufhört zu husten und sich direkt etwas neues zu essen in den Mund schiebt.

Punkt 3: Es gibt keine Toilette an Bord.

Punkt 4: Es gibt keine verdammte Toilette an Bord.

Irgendwann schlafe ich trotz der klirrenden Kälte, die mittlerweile in alle meine Knochen gezogen ist, dem dröhnenden Lautsprecher über meinem Kopf und der vollen Blase ein, nur um wenig später unsanft wieder geweckt zu werden.

Der Busfahrer rüttelt an meiner Schulter und signalisiert mir, meine Sachen zu nehmen und auszusteigen.

„Sind wir da?“ frage ich. Ich habe beschlossen, bevor ich wieder nach Havanna fahre, einige Tage an der Schweinebucht zu verbringen und habe den Fahrer gebeten, mir bescheid zu sagen, wenn wir angekommen sind.

„Si“, grummelt er.

Es ist stockdunkel, um mich herum schlafen alle, während im Fernsehen eine kubanische Seifenoper läuft und ich mir den Weg durch den engen Gang des Busses nach Draußen bahne.

Es ist kurz vor vier Uhr morgens und ich stehe mit meinem Rucksack in der Hand am Straßenrand vor einer wahrscheinlich vor Jahrzehnten verlassenen Tankstelle, die sich langsam in eine Ruine verwandelt, während ihr Verfall von einer flimmernden Straßenlaterne in das richtige Licht gesetzt wird.

Rund um mich herum staubige Felder.

Wo auch immer ich bin, das hier ist nicht die Schweinebucht.

Außer mir ist nur eine junge Frau mit ihrem kleinen Sohn ausgestiegen, die gerade ihren Vater angerufen hat, damit dieser sie abholen kann.

Die Frau spricht zwar so gut wie kein Englisch, aber ich versuche sie trotzdem zu fragen, wo wir sind.

”Schweinebucht?“, frage ich und zeige auf den Boden.

Sie schüttelt mit dem Kopf.

Na toll.

Ich krame eine Kuba-Karte aus meinem Rucksack und zeige sie ihr. Sie studiert sie einige Augenblicke und zeigt auf eine Stelle, mitten im Nirgendwo, rund 40 Kilometer nördlich des Punktes, an den ich eigentlich wollte.

Die Uhr hat mittlerweile längst vier geschlagen und weit und breit ist kein Auto, kein Bus, kein gar nichts zu sehen.

Naja, irgendwann wird schon jemand kommen, der mich mitnehmen kann, denke ich, schleppe meinen Rucksack in Richtung einer Bank neben der Tanke und lege mich hin.

Ich ziehe den kubanischen Flaggen-Turban, den ich immer noch auf dem Kopf trage, tiefer ins Gesicht, damit mich die grelle Laterne nicht allzu doll blendet und ich zumindest ein paar Stunden Schlaf bekomme, als mich jemand antippt. Die Mutter des Jungen steht über mir und sagt irgendetwas auf Spanisch, das ich nicht verstehe.

Sie versucht es erneut, dieses Mal in gebrochenem Englisch.

„Ist Winter! Du erfrieren. Tot!“, sagt sie mir mit eindringlichem Ton. Ihren kleinen Sohn hat sie in eine dicke Decke eingewickelt durch die man sehen kann, wie sehr er zittert.

Sie meint es furchtbar ernst, aber ich muss trotzdem lachen.

„Es sind immer noch knapp 20 Grad, ich werde nicht erfrieren, glaub mir. Es ist wärmer als im Bus“

So warm wird es bei uns in Norddeutschland normalerweise nicht einmal tagsüber.

Im Hochsommer.

Sie sagt, dass ich bei ihrer Familie übernachten soll. Ich bedanke mich für das liebe Angbot, lehne es allerdings trotzdem ab.

„Das ist wirklich nicht nötig. Ich möchte niemandem zur Last fallen und ich habe echt kein Problem damit, zwei oder drei Stunden hier auf der Bank zu schlafen, bis mich jemand zur Schweinebucht mitnehmen kann“, versuche ich ihr zu erklären.

Aber sie lässt nicht mit sich reden und ruft ihren Vater an, damit der noch ein Fahrrad-Taxi mehr bestellt.

Sie heißt Yaira.

Eine knappe viertel Stunde später kommen zwei Bicis, die kubanische Art des Rikschas, quietschend um die Ecke gebogen. Yairas Vater umarmt seine Tochter herzlich, drückt dann seinen Enkelsohn und begutachtet mich etwas misstrauisch. Er diskutiert etwas mit Yaira und obwohl ich nichts verstehe, ahne ich, das ich das Thema der Diskussion bin. Irgendwann kommt er auf mich zu und zeigt auf eins der Bicis, in das ich mich setzen soll.

Wir fahren etwa 20 Minuten durch die Nacht, bis wir in eine kleine Siedlung aus grauen, großen Häuserblocks kommen, auf deren Zentrum die beiden Fahrrad-Taxis zusteuern und schließlich vor einem der Blocks stehenbleiben.

Ihre Mutter steht verschlafen in der Tür und fällt ihrer Tochter und ihrem Enkelsohn um den Hals, bevor sie mich mit einem festen Händedruck begrüßt.

Die Wohnung besteht aus zwei kleinen Zimmern und einer winzigen Küche. Das eine Zimmer gehört Yaira, ihrem Mann, der gerade in Havanna ist, und ihrem Sohn, in dem zweiten schlafen Yairas Eltern und ihr kleiner Bruder.

Yaira deutet auf das Bett in ihrem Zimmer und stellt meinen Rucksack darauf.

„Und wo schlaft ihr?“, frage ich sie.

„Bei meinen Eltern“, antwortet sie nur.

„Kommt gar nicht in Frage“, sage ich, nehme meinen Rucksack vom Bett und bringe ihn in die Küche, wo ich ihn neben den Küchentisch stelle.

„Ich schlaf auf dem Fußboden. Das ist wirklich kein Problem. Ich bin euch super dankbar, dass ich nicht draußen schlafen muss“, versichere ich Yaira, aber sie lässt nicht mit sich reden und beginnt in ihrer Muttersprache auf mich einzureden.

Yairas Mutter kommt aus ihrem Zimmer und fragt, ob es ein Problem gibt. Die beiden reden kurz auf Spanisch und Yaira erklärt ihr die Situation, woraufhin die Mutter meinen Rucksack nimmt und ihn wieder auf das Bett im Zimmer stellt.

„Kein Problem“, sagt sie nur lächelnd und geht wieder in ihr Schlafzimmer.

„Nein, das geht wirklich nicht. Ich kann nicht zulassen, dass ihr zu fünft in einem Zimmer schlaft und ich wie ein König im anderen“, versuche ich Yaira klarzumachen.

Aber Yaira schüttelt nur mit dem Kopf.

Sie nimmt meine Hände, blickt mich durchdringend an und sagt nur ein Wort:

„Bitte“

Ich nicke.

Ich fühle mich zwar immer noch schlecht, wenn ich an die Familie im Nebenzimmer denke, aber jede weitere Diskussion hätte den gleichen Ausgang gehabt. Außerdem ist es mittlerweile fünf Uhr morgens.

Ich lasse mich ins Bett fallen.

Eine Art Sägemehl rieselt langsam wie bei  einer Sanduhr aus einer aufgeplatzten Naht der alten Matratze auf den Holzfußboden.

Im Hausflur hatten wir bei unserer Ankunft bereits einige Kakerlaken bei ihrem Mitternachts-Spaziergang überrascht, die verschreckt in verschiedene Mauerritzen huschten, als wir das Licht im Flur anmachten.

Ich befürchte, dass das leise Rascheln unterm Fenster ebenfalls nicht der Wind ist.

Aber ich fühle mich nicht unbehaglich. Es ist nicht schmutzig in dem Zimmer und in der Wohnung. Im Gegenteil. Selbst die Spielsachen des Kleinen sind ordentlich in einer Spielzeugkiste verstaut, einige vergilbte Familienfotos stehen in kitschigen Plastikbilderrahmen, penibel aufgereiht auf einem kleinen Regal  und die Kleider des Jungen liegen säuberlich zusammengenommen auf einem kleinen, blaulackiertem Kinderstuhl.

Am nächsten morgen werde ich von einem leisen Klappern und Stimmen aus der Küche geweckt.

Ich habe lange nicht mehr so gut geschlafen. Ich war erfüllt von einer tiefen Dankbarkeit, die mich sanft in den Schlaf hat gleiten lassen. Und die Übermüdung hat wahrscheinlich auch ihren Teil beigetragen.

Die ganze Familie sitzt am Küchentisch und die Mutter fordert mich mit einem Lächeln und einer einladenden Geste auf, mich zu ihnen zu setzen

Yaira steht auf und läuft in der Küche umher um mir einen Kaffee zu machen.

Ich frage sie, ob ich ihr irgendwie zur Hand gehen kann, aber sie signalisiert mir nur, mich hinzusetzen und bringt mir eine Minute später einen frisch gebrühten Kaffee und setzt sich wieder zu uns.

Wir verständigen uns mit Händen und Füßen und lachen viel. Ich könnte den ganzen Tag bei Yaira und ihrer Familie bleiben, habe mir aber vorgenommen früh in Richtung Schweinebucht zu kommen, da ich keine Ahnung habe, wie es vor Ort mit einer Unterkunft aussieht. Ich trinke also meinen Kaffee aus und beginne mich fertig zu machen.

Die Toilette hat keine eigene Spülung, sodass ich mit einem Becher zuerst Wasser aus dem Hahn im Flur holen muss, bevor ich aufs Klo gehe.

Ich schnüre meine Rucksack fest zu und begebe mich langsam in Richtung Tür.

Ich krame einen Schein aus meinem Portemonnaie und will ihm dem Vater geben, um mich zumindest etwas für alles was die Familie für mich getan hat zu revanchieren. Außerdem können sie das Geld sicherlich sehr gut gebrauchen.

Er allerdings ist zutiefst beleidigt von meinem Versuch, ihm Geld zu geben und winkt heftig kopfschüttelnd ab.

Yaira schiebt ihn zur Seite und drückt mir einen Zettel in die Hand.

„Das ist unsere Telefonnummer. Wenn du Hilfe brauchst, ruf uns an“

Ich umarme die Familie noch einmal und laufe zur Hauptstraße, wo mich nach knapp 20 Minuten ein Auto mit in Richtung Schweinebucht nimmt.

Ich bin immer noch von der Gastfreundschaft der mir völlig fremden Familie überwältigt, die mir zuteil wurde.

Ich stelle mir vor, wie die Geschichte wohl in Deutschland abgelaufen wäre, wenn jemand einen Typen wie mich schlafend auf einer Parkbank vorgefunden hätte.

Da ich mich außer mit einem ehrlichen Danke nicht bei der Familie revanchieren konnte, ist das einzige was ich tun kann, zu versuchen, es bei einem anderen Menschen wieder gut zu machen, der einmal in eine ähnlichen Situation steckt und dem ich durch solch eine vermeintlich simple Geste wie ein warmes Bett und eine Tasse Kaffee am Morgen helfen kann.

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Der Berg ruft, oder: Schwitzen Walrösser eigentlich beim Sex? (Kuba – Teil 6)

Baracoa, Guantanamo

Ich bin jetzt seit fünf Tagen in Baracoa. Geplant waren eigentlich zwei. Seit drei Tagen allerdings finde ich keine Möglichkeit, aus Baracoa wieder wegzukommen. Die Camiones, umgebaute LKWs, auf deren Ladefläche man zusammengepfercht mit 50 anderen Menschen günstig von A nach B kommt, schaffen es nicht über die Berge (siehe Teil 5) und die Busse, die damit die einzige Möglichkeit für mich bieten, aus Baracoa herauszukommen, sind restlos ausgebucht.

Für die nächsten zwei Wochen, wie die nette Dame am Ticketschalter mir versicherte.

Ich solle es trotzdem am frühen Morgen noch einmal versuchen, riet sie mir, da könne es sein, dass einer der Passagiere abspringe. Das ließe sich allerdings meist erst spontan sagen.

Seit drei Tagen packe ich also jeden Morgen um sechs Uhr meinen Rucksack, laufe die immer gleiche Strecke von meinem Casa zur Busstation, um zu fragen, ob noch Platz im Bus ist, was verneint wird, winke dem abfahrenden Bus in Richtung Santiago de Cuba hinterher, laufe den gleichen Weg zurück, und frage die Besitzerin der Unterkunft, ob ich noch eine Nacht bleiben kann.

Obwohl reichlich anstrengend, ist die Situation für mich weit weniger nervenaufreibend als sie vielleicht sein sollte.

Um ehrlich zu sein, habe ich sogar jedes Mal ein klein wenig die Hoffnung, dass der Bus erneut ausgebucht ist, da ich so eine Ausrede habe, noch einen Tag länger im wunderschönen Baracoa zu bleiben.

Selbst wenn der zeitliche Puffer, den ich mir ausgerechnet habe, um meinen Rückflug nicht zu verpassen mit jedem neuen Tag dünner wird.

Ich habe also einen weiteren Tag in dem kleinen Städtchen am Meer, bevor ich mich morgen früh wieder auf den Weg zum Ticketschalter der Busfirma mache.

Die Besitzerin des Casas in dem ich die letzten vier Nächte verbracht habe, erwartet mich bereits.

„Ich weiß wo es lang geht“, signalisiere ich ihr, laufe die Treppe an der Seite ihres Hauses hoch in das kleine Gästezimmer, werfe meinen Rucksack ab und mache mich auf den Weg zum Strand.

Etwas außerhalb des kleinen Ortes gibt es einen kleinen, verlassenen Nationalpark an der Küste, den Parque Majayara, den ich mir ansehen will.

Der Weg führt geradewegs über einen aus pechschwarzem Sand bestehenden Strand.

Ich bin völlig allein, abgesehen von zwei Kubanern, auf die ich nach einem knappen Kilometer treffe und die Kokosnüsse von einer der Palmen am Rand des Strandes pflücken. Ich gehe zu ihnen und frage sie, ob ich ihnen eine ihrer Kokosnüsse abkaufen kann. Sie nicken, begutachten den Haufen grüner Kokosnüsse vor sich einen Augenblick, suchen sich eine der Nüsse aus und öffnen sie mit einer Machete.

„Willst du noch einen Schuss Limette in deine Kokosnuss?“ fragt mich einer von ihnen.

Was für eine Frage.

Kurze Zeit später setze ich meinen Weg über den Strand mit einer dicken Kokosnuss, inklusive einem Schuss Limette, in der Hand fort.

 

 

Ich laufe weiter über den Strand, während ich den Rest meiner Kokosnuss austrinke, lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen und ignoriere die Sorge, dass ich schon wieder vergessen habe mich einzucremen.

Weiße Gischt schlägt an den  Strand, umspült meine Füße und fließt langsam durch den schwarzen Sand zurück, bis sich das Spiel mit der nächsten Welle wiederholt.

Der Strand verläuft irgendwann in einen kleinen von Palmen, Farnen und bunten Blumen gesäumten Weg durch eine immer Dschungel-artiger werdende Landschaft.

Ich treffe nach ein paar Minuten auf einen etwas älteren Kubaner, der den gleichen Weg geht wie ich und mir lächelnd zunickt.

Wir kommen ins Gespräch und er erzählt mir, dass er Lehrer an einer Schule im Ort ist. Er will schwimmen gehen und fragt mich, ob ich ihn begleiten möchte.

Klar.

Er hat einige Narben im Gesicht, einen Goldzahn und einen Gesichtsausdruck, als hätte er die letzten Nächte durchgemacht.

Umso mehr ich mit ihm rede, umso weniger glaube ich ihm, dass er wirklich Lehrer ist, was mir allerdings auch relativ egal ist. Er ist nett und sieht so aus, als ob hinter seiner rauen Schale ein liebenswerter Kern steckt.

Er stellt sich als Manuel vor.

Wie ich bald herausfinde, gehen wir zum Schwimmen nicht an den Strand, sondern zu einem unterirdischen See in einer Tropfsteinhöhle.

Klingt doch gut, denke ich mir und frage Manuel, wo denn diese Höhle sei.

„Dahinter“, sagt er und zeigt auf einen Berg, der sich vor uns in einiger Entfernung auftürmt.

„Und wie kommen wir da herum?“, frage ich ihn.

„Gar nicht. Die Höhle befindet sich auf einem Privatgrundstück. Gehört ’nem Kumpel von mir. Das heißt wir müssen erst einmal auf den Berg rauf zu seiner Hütte und von dort aus dann auf der anderen Seite runter zur Höhle“, antwortet Manuel.

Als wäre meine Frage der Auslöser gewesen, wird der Weg plötzlich steiler.

Und steiler.

Immer weiter geht es bergauf. Meter für Meter, Kilometer für Kilometer.

Ich schnaufe wie ein Walross beim Geschlechtsverkehr und schwitze, sofern Walrösser schwitzen können, auch wie eins.

„Ich brauch ’ne Pause“, signalisier ich Manuel, aber der alte Mann ist gnadenlos.

„Wir sind gleich da“, sagt er zum mittlerweile sechsten Mal.

Dieses Mal hat er sogar recht. Vor uns hängt ein in die Jahre gekommenes Gartentor etwas schief in seinen Angeln. Dahinter steht zwischen Palmen eine kleine Hütte.

Auf der winzigen, selbstgezimmerten Veranda der Hütte sitzt ein älter Mann mit einer dicken Zigarre im Mund, der uns zuwinkt, als er Manuel erkennt.

Wir setzen uns zu ihm und er lacht freudig, als er erfährt, dass ich Deutscher bin. Wie sich herausstellt, hat er in den 70ern einige Zeit in Leipzig gearbeitet und gelebt.

Er fragt mich, ob ich auch aus der DDR komme, woraufhin ich ihm erkläre, dass die Mauer schon seit ein paar Jahren Geschichte ist, und wir jetzt ein gemeinsames Land sind, was er mit einem Kopfnicken zur Kenntnis nimmt, an seiner Zigarre zieht und uns fragt, ob wir einen Tee wollen.

 

Der Tee tut gut und ich bin nach der kurzen Verschnaufpause bereit für den Abstieg zur Höhle.

Eine improvisierte Treppe, die aus Steinen, Stöckern und den Wurzeln der Bäume besteht, die am Berghang wachsen,  führt uns die gleiche Höhe, die wir gerade mühsam heraufgekraxelt sind, auf der anderen Seite des Bergs wieder hinunter.

Unten angekommen stehen wir vor einem Haufen Felsbrocken in deren Mitte ein Loch ist. Die Höhle.

Manuel signalisiert mir hineinzuklettern und kramt eine alte Taschenlampe aus seinem Rucksack, die wahrscheinlich genau so alt ist wie Fidel Castro.

Ich geh voraus. Zehn Meter, zwanzig Meter. Die Steine werden immer glitschiger und die Höhle immer dunkler. Das Licht von der Oberfläche kommt in dieser Tiefe nicht mehr an und das Relikt, das Manuel eine Taschenlampe nennt, hat den Namen „Lampe“ wahrlich nicht verdient.

Und wo soll jetzt der See sein?, frage ich mich und stehe im gleichen Moment mit einem Fuß im Wasser.

Das Wasser des kleinen unterirdischen Sees ist so klar und die Oberfläche so spiegelglatt, dass ich den ganzen verdammten See nicht gesehen habe.

Scheiße, ich habe gar keine Badehose mit, denke ich mir, als Manuel kurz darauf nackt an mir vorbeiläuft und langsam ins Wasser steigt.

Ok, Badehose scheint nicht so wichtig zu sein.

Ich tue es ihm gleich und steige ebenfalls ins Wasser. Es ist frisch, aber nicht kalt und so sauber, dass das spärliche Licht der Taschenlampe ausreicht, um bis auf den Grund des kleinen Sees zu scheinen. Ich entdecke einige bleiche, fast weiße, Höhlenfische die zwischen mir und Manuel schwimmen.

Manuel grinst mich an.

Mir wird kurz bewusst, dass ich gerade allein mit einem nackten, alten Mann in einem Loch, 30 Meter unter der Erde sitze, schüttle den Gedanken allerdings schnell wieder ab und schenke meine Aufmerksamkeit  stattdessen wieder den kleinen weißen Fischen, die um mich herum schwimmen.

Manuel sagt irgendetwas auf Spanisch, das ich nicht verstehe.

Wahrscheinlich ein Witz, denn er lacht plötzlich so laut, dass die ganze Höhle vom Echo seiner Stimme erfüllt ist. Ich lache etwas gekünstelt mit und merke am schmerzhaften Ziehen in meinem Gesicht, dass ich einen ganz schönen Sonnenbrand habe.

Wir planschen noch etwas in dem kleinen See herum, bevor wir uns erfrischt wieder an den Aufstieg machen.

Als wir wieder oben auf dem Berg angekommen sind, ist von der Erfrischung bereits nicht mehr übrig.

Wir gehen wieder zurück zur Veranda der kleinen Hütte und setzen uns abermals zu dem Opa, der immer noch genüsslich an seiner Zigarre zieht.

Wir trinken eine weitere Tasse Tee mit ihm, verabschieden uns und machen uns wieder auf den Weg zurück, wobei sich am Horizont einige hundert Meter unter uns das Meer ausbreitet.

»Was  für ein Ausblick«, sage ich zu Manuel.

»Ist ok, aber wenn du einen wirklich guten Ausblick haben willst, müssen wir noch ein Stückchen weiter bergauf«, sagt er mir und deutet auf einen schmalen, felsigen Trampelpfad, der vom Hauptweg abzweigt und ohne ersichtliches Ende steil bergauf geht.

Er wartet meine Reaktion gar nicht erst ab, sonder nickt kurz, biegt auf den Pfad ab und beginnt den Aufstieg. Er signalisiert mir, ihm zu folgen, als ich zunächst keine Anstalten mache, hinter ihm her zu laufen. Ich werfe noch einen letzten, wehmütigen Blick auf den Weg bergab zurück zum Strand, dann beginne ich ebenfalls den Aufstieg.

Schritt für Schritt geht es den steilen Hang hinauf, immer in der Angst, dass ich auf den Geröll den Halt verliere und mir das Genick breche.

Meine Gedanken sind abermals bei kopulirenden Walrössern und der Frage, ob die voluminösen Tiere dabei schwitzen oder nicht.

Gerade, als ich Manuel fragen will, ob wir nicht doch noch einmal den Ausblick weiter unten ausprobieren sollen, hört die Steigung auf.

Der Gipfel.

Wir haben es tatsächlich geschafft.

 

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Vor mir breitet sich die gesamte Bucht der Bahía de Miel aus, an deren Ufer sich in einiger Entfernung die Häuser von Baracoa aneinanderreihen.

Ich bin mir relativ sicher, dass ich mich auf dem höchsten Punkt befinde, auf dem je ein Ostfriese gestanden hat. So ungefähr muss sich Reinhold Messner gefühlt haben, als er zum ersten Mal auf dem Gipfel des Nanga Parbat im westlichen Himalaya gestanden hat.

Mein Triumphgefühl wird nicht einmal geschwächt, als eine übergewichtige, englische Touristin in Bermuda-Shorts und mit einer Coca-Cola Flasche in der Hand mit ihrem ebenfalls übergewichtigen Kind neben mir ans Geländer tritt, die den Aufstieg anscheinend in Flip Flops gemeistert haben und die wesentlich fitter aussehen als ich.
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Ich genieße noch etwas den Ausblick, bevor Manuel und ich den Abstieg beginnen.

Unterwegs zeigt Manuel mir alles was er über die hiesige Flora und Fauna weiß. Ich verstehe nicht viel, aber er gibt mir allerhand zu essen, das er an irgendwelchen Büschen, Bäumen oder auch auf dem Boden findet. Mangos, Kaffeebohnen, Passionsfrüchte und allerhand Obst, das ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen habe und das es mit Sicherheit in keinem Supermarkt in Deutschland zu kaufen gibt.

Er reicht mir eine aufgeplatzte, faustgroße Frucht, die vor uns auf dem Boden liegt und aus deren Innern eine weiße, cremige Flüssigkeit läuft. Eine ganze Reihe Ameisen hat sich bereits daran gemacht, die Fruch mit ihrer süßen Fruchtcreme zu plündern. Manuell schnippst sie mit dem Finger herunter, reicht mir die Frucht und signalisiert mir sie zu probieren.

Sie schmeckt tatsächlich ganz gut. Eigenartig, aber gut.

Ich stoße auf etwas, das ich für einen Kern halte und beiße vorsichtig drauf.

Es knackt und der fruchtige Geschmack wird von einem ätzenden Chitin-Geschmack überlager, der sich leicht brennend über meine Zunge legt.

Jap… er hat nicht alle Ameisen erwischt.

Im nächsten Teil:

Im Nachtbus zur Schweinebucht

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Planlos durch Guantanamo, oder: Kakaotrinken in Zeiten der Cholera (Kuba – Teil 5)

5. Januar, Baracoa/Guantanamo

„Guantanamo“. Als ich den Namen in verwitterten Buchstaben auf dem rostigen Ortsschild der Stadt sehe, habe ich plötzlich ein mulmiges Gefühl im Bauch. Zu viele schreckliche Berichte und verwackelte Bilder von Menschen mit Säcken über dem Kopf flackerten bereits durch die Medien, als dass es nicht so wäre.


Das Städtchen selbst wirkt indessen völlig unbeeindruckt vom Grund seiner traurigen Berühmtheit. Kinder spielen mit einer zertretenen Cola-Dose Fußball auf der Straße, ein älterer Mann mit Strohhut fährt mit seiner bis zur Belastungsgrenze der Achse beladenen Pferdekutsche holpernd über die Straße und ein überdimensionales Propaganda-Banner am Ortseingang zeigt „El Comandante“ Fidel Castro und seine Mannen zu Zeiten der Revolution, die Gewehre stolz in die Luft gestreckt, während die kubanische Flagge dezent in den Hintergrund retuschiert wurde.

Ich drücke meine Nase an die verdreckten Scheiben des Busses und halte Ausschau nach irgendwelchen ausgebrochenen Häftlingen, die sich in ihren orangefarbenen Jumpsuits durch die Büsche der Vorstadt schlagen. Vergebens.

Ich befinde mich auf dem Weg nach Baracoa.

Das kleine Hafenstädtchen liegt so versteckt hinter den grünen Bergen der Guantanamo-Provinz am östlichsten Zipfel der Insel, dass es, wenn auch kein Geheimtipp, so doch zumindest ein wenig beachteter Flecken Erde der Insel ist. Wenn auch nicht wegen seiner touristischen Belanglosigkeit, sondern lediglich aufgrund der Erschwerlichkeit des Anfahrtswegs. Busverbindungen dorthin gibt es erst seit ein paar Jahren , da die alten Busse  bis dato schlicht nicht genügend Pferdestärken hatten, um es über die steilen Bergkämme zu schaffen. Und noch immer stöhnen die Dieselmotoren der Busse unter Anstrengung, während sie sich Stunde um Stunde schaukelnd die Serpentinen und Bergkämme hoch kämpfen. Auch meiner ist hier keine Ausnahme.

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Da ich meinen Reiseführer eher als Schreibunterlage für Postkarten benutze, denn als wirkliches Nachschlagewerk, weiß ich (wie die meiste Zeit bisher in Kuba) nicht, was mich auf der anderen Seite der Berge erwartet. Mein einziges Ziel ist, dass ich keines habe. Denn ich habe mir schnell abgewöhnt in irgendeiner Weise vorausschauend zu reisen, da mir die nicht vorhandene kubanische  Zeitökonomie, das Wetter, ausgebuchte Busse, Autopannen oder meine eigene Schusseligkeit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Und wenn man, wie ich, von vornherein keinen Plan hat, kann dieser auch nicht schiefgehen. Ganz einfach, eigentlich.

Über Baracoa weiß ich lediglich das, was ich einige Tage vorher von einem bekifften kubanischen Rastsafari gehört habe. Dass es „ganz schön cool“ sein soll, wie er es ausrückte. Was mich etwas verunsicherte, war, dass er auch Dinge wie IPhones, Cheeseburger, das flackernde Licht der Straßenlaterne unter der  wir zusammen bei einem Cuba Libre saßen und eigentlich alles über das wir uns unterhielten „ganz schön cool“ fand.

Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit im viel zu stark klimatisierten Bus den Hafen von Baracoa passiere, der Busfahrer auf den geschotterten Vorplatz der Bushaltestelle fährt und ich leicht unterkühlt meinen Rucksack schultere, frage ich den Fahrer beim Aussteigen daher, ob es irgendetwas gibt, das ich mir nicht entgehen lassen sollte.

„Hmm… Du solltest Kakao trinken gehen. Ziemlich guter Kakao in Baracoa. Den besten, wenn du mich fragst“, murmelt er mir entgegen.

Ein Kulturprogramm nach meinem Geschmack, auch wenn ich ernsthaft bezweifele, dass der Kakao besser sein wird, als der meiner kubanischen Mutti (Siehe Teil 4).

Vor dem Parkplatz der Busfirma steht eine kleine, runzlige Frau, die mich mit eisernem Blick fixiert, während ich unweigerlich auf sie zusteuere, da sie sich mitten in den schmalen Ausgang gestellt hat.

Sie winkt mir zu und deutet mir an ihr zu folgen, während sie irgendetwas mit ihrem zahnlosen Mund brabbelt. Für eine Drogendealerin schätze sich sie rund 50 Jahre zu alt ein. Obwohl es sehr gut sein könnte, dass sie Al Capone noch persönlich aus seiner Zeit in Havanna kannte. Sie will mir daher bestimmt ein Zimmer vermieten, denke ich.

Aus Ermangelung jeglicher Spanischkenntnisse nicke ich einfach nur und folge ihr. Meine Intuition hat mich nicht getäuscht und ich habe tatsächlich eine Bleibe gefunden. Ich bedanke mich bei ihr, werfe meinen Rucksack aufs Bett und beschließe, mich direkt auf die Suche nach einem Kakao zu machen.

Ein kurzer Geruchstest unter den Achseln bewegt mich allerdings dazu, zunächst mein Hemd zu wechseln.

Ich greife nach dem nächstbesten Oberteil in meinem Rucksack, rieche daran und beschließe, mein aktuelles Hemd doch noch etwas anzulassen, während ich mir die Tränen aus den Augen wische.


Baracoas „Zentrum“ ist, wie erwartet, sehr übersichtlich. Ein Marktplatz, eine kleine Straße mit einer Post, einer Handvoll Bars, zwei oder drei kleine Restaurants und ein Kunst-Laden der furchtbar schrille Bilder von alten, amerikanischen Autos, nackten Kubanerinnen und Che Guevara verkauft sowie ein kleines Geschäft in dem man den gesamten Rest erwerben kann, also alles was man nicht essen, trinken oder sich an die Wand hängen kann.


Ich steuere auf das erstbeste Café zu.

An der linken Seite des Gebäudes hängt eine tanzende Kakaobohne. Das baumelnde Schild Schild über dem Eingang, auf dem in bunten Buchstaben „Casa del Cacao“ steht, ziert ein abstraktes rundliches Ding, das ich, ohne mich zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen, ebenfalls als Kakaobohne einstufen würde.

Ich betrete das Innere des Casa del Cacao und fühle mich direkt wie in der Erwachsenen-Version von Willy Wonkas Schokoladenfabrik. Kitschige bunte Bilder von Kakaobohnen in allen erdenklichen Variationen hängen an der Wand, während der wissbegierige Gast auf einigen Schautafeln alles über die Kakao-Herstellung lernen kann.

Der Name des Casa del Cacao ist eindeutig Programm.

„Einen Kakao hätte ich gerne“, sage ich freundlich über die Theke gebeugt und schieb der Bedienung einen Schein über den Tresen.

„Haben wir nicht“, grummelt mir die Frau unfreundlich entgegen.

Ich stutze kurz und wiederhole meinen Wunsch, da ich annehme, dass mich die Bardame einfach nicht richtig verstanden hat, doch werde direkt unterbrochen.

„Haben wir nicht, hab ich doch gesagt. Probier es beim Casa del Chocolate“, sagt sie mir noch unfreundlicher.

Auch im Casa del Chocholate, das es nicht weniger dezent mit seinem kakaobezogenen Interieurs hält, als das Casa dem Cacai, hält der Name eindeutig nicht, was er verspricht. Kakao? Nada!

Ich solle es im Schokoladen-Laden auf der anderen Straßenseite probieren.

Auch hier erlange ich schnell erschreckende Gewissheit: keine Schokolade, kein Kakao.

Der Besitzer des schokoladenlosen Schokoladen-Ladens, erklärt mir allerdings endlich den Grund für die Kakao-Knappheit von Kubas vermeintlicher Kakao-Hauptstadt: Cholera.

Ich war bis dato der Auffassung gewesen, dass die Cholera in der heutigen Zeit nur noch als Aufmacher für historische Liebesdramen benutzt wird, aber keine mehr real-existierende Gefahr für Leib, Leben und Kakao darstellt. Cholera ist doch so was von 19. Jahrhundert…

Aber anscheinend ist dem nicht so und die kubanische Regierung hat als Zwangsmaßnahme den sofortigen Ausschankstopp für Kakaogetränke angeordnet, um der akut grassierenden Krankheit Einhalt zu gebieten.

„Scheiße… dann hätte ich gerne eine Cola“, sage ich.

»Cola ist auch aus. Aber ich kann dir einen Cocktail machen. Für Mojitos oder Caipirinha haben wir alles da«, sagt der Barkeeper und zeigt auf einen großen Haufen frischer Pfefferminze neben sich, der neben einem Berg an Limetten liegt. Dahinter steht genügend Rum, um mich für den Rest des Urlaubs meinen Wunsch nach Kakao vergessen lassen sollte.

Ich nicke resignierend.

Diese Insel will mich einfach nicht nüchtern lassen.

Im nächsten Teil:

Der Berg ruft, oder: Schwitzen Walrösser eigentlich beim Sex?

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Jakobsweg Teil 2 – Eine Pizza zum Jakobsweg, bitte, oder: Fear & Loathing in den Fröruper Bergen.

TAG 3 – Von Flensburg nach Sieverstedt, 20 Kilometer

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Von Flensburg sind es 3127 Kilometer bis nach Santiago de Compostela.

0,28 Prozent davon habe ich also bereits geschafft, denke ich nicht ohne Stolz, als ich auf den Sankelmarker See kurz hinter Flensburg blicke.

Zeit für eine Verschnaufpause.

Bei mir sind Praktikant Amed Sherwan und der Straßenmusiker Per Kruse, den ich für den nächsten Teil meiner Zeitungs-Serie über diesen Pilger-Trip interviewe.

Per ist nicht nur ein großartiger Musiker (Siehe hier), sondern vor einigen Jahren auch 800 Kilometer auf dem spanischen Jakobsweg gelaufen. Und das ohne einen Pfennig Erspartes.

„Ich wollte mir selbst beweisen, dass es möglich ist von meiner Musik zu überleben, denn ich habe während der Zeit nur von Straßenmusik gelebt. Ich bin mit knapp 40 Euro in der Tasche gestartet und hatte 2,50 Euro, als ich drei Monate später wieder in Flensburg stand“, erzählt der gebürtige Kopenhagener.

In größeren Städten die auf seinem Weg lagen, hat er dafür jeweils zwei Tage Halt gemacht, um genug Geld zu erspielen, damit er die vier bis fünf Wandertage bis in die nächste Stadt um die Runden kam.

Wir sitzen in einem kleinen Café nahe des Sees, während Per uns von seinen Erlebnissen auf dem Jakobsweg erzählt und den Menschen, die er dort getroffen hat.

„Man hat sofort ein Gemeinschaftsgefühl, denn alle laufen ja auf ein gemeinsames Ziel zu. Selbstverständlich mit unterschiedlicher Motivation, aber die Tatsache, dass man den Jakobsweg läuft, erzeugt sofort eine Art Solidarität. Auch wenn man im normalen Leben nie etwas miteinander zu tun haben würde“, sagt er.

Eine dieser Begegnungen war ein Kanadier, den Per über einige Tage verteilt immer wieder traf. So auch, als gerade eine Pause auf dem Weg einlegte. „Wir haben einige Zeit geredet und irgendwann hat er sich plötzlich geöffnet und mir erzählt, dass er sieben Jahre lang seine Frau betrogen hatte. Er musste jetzt nach Hause und geradestehen und hatte tierische Angst seine Frau, seinen Job und seine Karriere zu verlieren. Wie sich herausstellte, war er Priester“, erzählt Kruse.

Anschließend ist der Kanadier weitergelaufen. „Ich habe meine Sachen gepackt und wollte auch weiter, aber auf einmal war mein Gepäck so schwer, als hätte seine Geschichte meine komplette Energie geraubt. Ich bin einen Kilometer gelaufen und auf einmal kam mir eine Melodie in den Kopf. Ich habe mich hingesetzt und zwanzig Minuten später war ein Lied fertig. Und auf einmal war auch mein Gepäck wieder leichter, als hätte sich irgendwas in mir wieder gelöst“, sagt er. So schnell er konnte lief er dem Kanadier hinterher, in der Hoffnung ihn irgendwie einzuholen und tatsächlich kam der Priester im nächsten Dorf um die Ecke.

„Dann habe ich ihm das Lied vorgespielt, denn es war ja nicht mein Lied, sondern ich habe es ja für ihn geschrieben. Er sank auf die Knie und es flossen einige Tränen, aber am Ende fühlte auch er sich befreit“, erzählt Per.

(Video: Dennis Kater)

Per ist einer der Menschen, die in ihrem Leben schon so viel erlebt haben, dass es eigentlich für zwei reicht.

Er hat so eine klare, differenzierte Weltanschauung, dass ich jedes Mal mein Leben auf den Kopf stellen will, wenn ich mit ihm geredet oder einfach nur ein Bier getrunken habe.

Er selbst hat sich von fast allem materiellen Hab und Gut losgesagt. Was er noch hat, passt in einen Rucksack, eine kleine Tasche und einen Gitarrenkoffer.

Mein ganzer Kram hat beim letzten Umzug noch nicht mal in einen Sprinter gepasst.

Tasche, Rucksack und Gitarrenkoffen stehen neben ihm, während wir Kaffee trinken und uns die Sonne auf den Bauch scheinen lassen.

„Das ist ein unheimlich befreiendes Gefühl, sich loszumachen. Umso mehr Besitz man anhäuft, umso mehr Verpflichtungen gehen damit einher. Es gibt leider heute viel zu viele Leute die unglücklich sind, aber die wenigsten Menschen können sich eine Auszeit leisten, auch wenn sie diese bräuchten“, sagt Kruse.

Er hat sich vorgenommen, sich Zeit zu nehmen bis er 50 ist, um herauszufinden, wie er wirklich leben möchte. Dafür hat er noch zwei Jahre und will in dieser Zeit den Jakobsweg noch einmal laufen, zehn Jahre nach dem erste Mal.

„Was gefehlt hat, war Zeit. Ich war zwar sieben Wochen auf dem Jakobsweg unterwegs, aber ich hätte auch sieben Jahre laufen können. Allerdings musste ich wegen einer neuen Wohnung zu einem bestimmten Datum wieder in Flensburg sein. Dieses Mal mache ich es ohne Zeitdruck. Ich will so viel mitbekommen wie möglich. Das letzte Mal hatte ich das Gefühl, dass ich eine Menge verpasst habe“, sagt er.

Apropos Zeitdruck. Wenn wir nicht langsam weiterlaufen, kommen wir nicht mehr vor dem Dunkelwerden in Sieverstedt an, unserem nächsten Ziel auf dem Weg, denke ich mir.

Amed und ich verabschieden uns von Per und laufen weiter in Richtung Süden.

Amed wollte eigentlich nur ein harmloses Schulpraktikum bei meiner Zeitung machen. Zwei Wochen hineinschnuppern ins Journalistenleben. Und nun läuft er neben mir, Rucksack auf dem Rücken, Blasen an den Füßen, einmal quer durch Schleswig-Holstein.

Vom Zeitungs- zum Pilger-Praktikanten.

Ich hab eine Bescheinigung an seine Schule geschickt, in der ich geschrieben habe, dass wir ihn noch zwei Wochen länger benötigen. Warum, habe ich vorsichtshalber weggelassen.

Es geht abermals über kleine Feldwege und entlang von Landstraßen durch die südschleswigsche Natur.

Kurz hinter Oeversee biegen wir, wie uns die Pilger-Wegweiser am Wegesrand geheißen, in die Fröruper Berge ab.

Wir treffen zunächst eine Gruppe Camper aus dem Ruhrgebiet, die zwar keine Ahnung zu haben scheinen, wo sie selbst sind, uns aber trotzdem meinen erklären zu müssen, wo wir lang gehen sollten. Unser Problem ist, dass wir auf sie gehört haben. Der Wald wird schnell immer dichter, der Pfad auf dem wir uns durch ihn hindurchschlagen immer unwegsamer.

Irgendwann hören die Wegzeichen auf und der Weg selbst tut es ihnen kurz darauf nach.

Wir sind in einer Sackgasse gelandet.

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Egal welchen Spaziergänger oder Jogger wir anschließend fragen, wo wir lang müssen, wir werden meist in genau die Richtung wieder zurückgeschickt aus der wir gerade kamen.

Es ist ein wahres Labyrinth und statt vernünftigen Schildern auf denen vernünftige Richtungsangaben stehen wie „Sieverstedt diese Richtung“ oder zumindest „Raus aus diesem Scheiß-Wald diese Richtung“ zeigen die Schilder nur verschiedene Symbole wie Schmetterlinge, Eulen oder Frösche, die anscheinend für verschiedene Wanderrouten stehen. Wo diese Routen allerdings hinführen steht nirgends.

Welcher verdammte Waldorf-Pädagoge hatte diese großartige Idee?

Ich bekomme fast schon einen Hass auf die Eulen und Schmetterlinge, die mich schadenfroh von den Wegschildern anzugrinsen scheinen, während ich wieder und wieder aus verschiedenen Richtungen an ihnen vorbeilaufe.

Als ich kurz davor bin Amed vorzuschlagen, dass wir einfach in den Fröruper Bergen schlafen und unser Glück aus ihnen herauszufinden am nächsten Tag noch einmal versuchen sollten, treffen wir auf ein Pärchen mit Hund, das tatsächlich zu wissen scheint, wo wir sind, und, viel wichtiger, wie wir aus diesem Wald herauskommen. Wir schildern ihnen kurz unser Leid und sie fangen an zu schmunzeln.

„Das ist ja witzig. Wir haben letztes Jahr schon einmal eine Pilgerin getroffen, die nach Lübeck wollte und sich in den Fröruper Bergen verlaufen hat. Wir haben sie hier herumirrend gefunden, als es schon begann dunkel zu werden. Sie hatte danach so die Nase voll, dass sie in Tarp den Zug nach Lübeck genommen hat“, erzählt der Mann. Ich kann die Dame sehr gut nachvollziehen.

„Aber keine Sorge, wie zeigen euch den Weg. Ist eigentlich ganz einfach“, sagt er.

Als wir es endlich aus dem Fröruper Labyrinth herausgefunden haben, bekommen wir langsam Hunger. Dann uns fällt auf, dass wir gar nichts wirklich Essbares mithaben, da wir uns eigentlich im nächsten Ort mit Lebensmitteln eindecken wollten.

„Wir könnten einen Pizza bestellen. ‚Einmal zum Jakobswegs, bitte'“, schlägt Amed vor.
Ich müssen beide laut lachen. Mit jedem Schritt allerdings, in dem mir mein Magen weiter in die Kniekehlen sinkt, kommt mir Idee besser vor.

Irgendwann kommen wir zur Schutzhütte in der wir schlafen wollen. Drei Wände, ein Dach, nach vorne offen.

Rundherum Wald und keine Möglichkeit weit und breit, etwas zu Essen zu bekommen.

Wir werden verhungern, denke ich mir.

Als mein Arbeitskollege Volker mich aus Sieverstedt in genau dem Moment anruft, in dem ich gerade überlege, ob man Tannennadeln essen kann und mich fragt, ob Amed und ich nicht zum Grillen vorbeikommen wollen,  schicke ich kurz ein Stoßgebet an alle Götter die mir einfallen.

Ein Wunder!

Auf dem Jakobsweg!

„Ich weiß ja nicht, ob ihr unbedingt in der Hütte im Wald zu schlafen wollt, aber ihr könnt auch hier pennen. Kommt einfach vorbei“, sagt Volker am Telefon.

„Bier hab ich kalt gestellt“, ergänzt er.

 

Halleluja!!

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Die Teile 3 bis 10 folgen… irgendwann..

 

 

Jakobsweg Teil 1 – Nordisches Flachland statt spanisches Hochland, oder: Immer diese Pilgeranfänger

Ich bin dann mal weg – im kerkelingschen Sinn. Auf dem Jakobsweg. Nicht durch das spanische Hochland führt mich der Camino allerdings, sondern mitten durch das süddänische und norddeutsche Flachland. 14 Tage und 225 Kilometer von Rødekro/DK bis Lübeck. Hierin unterscheide ich mich von meinem Pilger-Vorbild Hape.

Und das ganze auch noch beruflich. Für die Zeitung, für die ich arbeite, soll ich jeden Tag Reportagen von meiner Pilgertour liefern, über die Leute, die ich auf meinem Weg treffe und über die Orte die ich passiere.

Streng genommen ist jeder Weg, der zur Kathedrale von Santiago de Compostela in Spanien führt, ein Jakobsweg – sogar die A7. Dennoch haben sich über die Jahrhunderte bestimmte Routen gebildet, die von Pilgern aus der ganzen Welt genutzt werden, um ihr Ziel im Herzen Galiciens zu erreichen. Die Via Jutlandica ist der nördlichste deutsche Jakobsweg. Er verbindet historische Pilgerrouten in Dänemark, Schweden und Norwegen mit dem spanischen Camino de Santiago und schlägt so die Brücke zwischen Skandinavien und Santiago de Compostela.

Als ich einen letzten Blick auf meine Route werfe und den Weg, der vor mir liegt, beschleicht mich das leichte Gefühl, dass ich mir mal wieder zu viel aufgehalst habe.

TAG 1 –  Von Rødekro bis Kliplev, 18 Kilometer

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Meine Pilgertour beginnt am Bahnhof von Rødekro.
Ich atme noch einmal tief ein. Die Wanderstiefel sind am Vortag frisch eingefettet worden und versprühen immer noch einen starken Duft von Schuhfett. Der Rucksack wird ein letztes Mal festgezurrt, ich gehe im Kopf noch einmal durch, ob ich wirklich alles von Aspirin bis Zahnpasta dabei habe. Habe ich natürlich nicht.

Fuck.

Ich habe sowohl meine Kulturtasche, als auch meinen Beutel mit Medikamenten und Blasenpflastern in Flensburg vergessen.

Egal, wird schon passen, denke ich mir und laufe los.

Die ersten Schritte auf dem Jakobsweg.

Bis jetzt keine Erleuchtung.

Kommt vielleicht noch.

Es geht zunächst durch den Ortskern von Rødekro, wo sich im 70er-Jahre-Fertigbau-Charme gebaute Häuschen aneinanderreihen und einige vereinzelte Supermärkte und Pizzabäcker abwechseln, bevor mir das erste Zeichen mit dem Wort „Pilgerroute“, signalisiert, von der Hauptstraße herunter auf einen kleinen Waldweg abzubiegen.

Das Rauschen der Autos wird leiser und wird von Zwitschern der Vögel abgelöst.
An der Kirche von Rise treffe ich meinen ersten Pilger-Kollegen. Gänzlich in grüner Wachstracht gekleidet, mit einem großen Schlappgut auf dem Kopf, einem langen Wanderstab in der Hand, einem stattlichen Bierbauch und einem mächtigen, grauen Bart, sieht er aus, als wäre er von einer Alm in Tirol ausgebrochen.

Ich frage ihn wohin er pilgert. „Soweit die Füße tragen. Vielleicht bis Norwegen, mal schauen“, sagt er und zuckt mit den Schultern.

Er erzählt mir, dass er vor kurzem einen Motorradunfall hatte und die ganze Pilgertour trotz mehrerer Schrauben und Metallplatten an seiner Wirbelsäule macht. Ich bin kurz sprachlos. Das ganze Gespräch dauert nur etwa eine Minute, dann gehen der Alm-Öhi und ich in getrennte Richtungen auseinander. Er in Richtung Norden, ich in Richtung Süden.
Binnen weniger Augenblicke ist auch das letzte Haus hinter mir verschwunden und vor mir liegen nur noch weite Felder und Wiesen.

Für die nächsten Stunden ist nichts zu hören, als das Singen der Vögel und das gelegentliche Blöken einer Kuh.

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TAG 2 – Kliplev bis Flensburg, 21 Kilometer

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Ich hatte eigentlich gedacht, dass meine Wanderschuhe genügend eingelaufen seien. Das war ein Trugschluss. Es kann natürlich auch sein, dass ich die falschen Socken gekauft habe. Oder ich habe einfach merkwürdige Füße. Jedenfalls schmerzen diese mittlerweile so sehr, dass ich beim Aufstehen kurz wieder in mein Bett zurückgesunken bin, nachdem ich meine Beine zuvor schwungvoll aus diesem heraus bewegt habe.

In der Herberge in der ich die erste Nacht meiner Pilger-Tour verbracht habe, ist in einem alten Bauernhof mitten im Nirgendwo, außerhalb von Kliplev untergebracht. Ich sitze am Frühstückstisch mit zwei älteren Damen, die mich sorgenvoll angucken, als ich mir mit schmerzverzerrtem Gesicht die Füße reibe. „Neue Schuhe“, erkläre ich ihnen.

„Hast du sie dir zu groß gekauft?“, fragt mich die kleinere der beiden. „Ne, ne. Die passen genau“, antworte ich.

Die beiden ziehen synchron die linke Augenbraue hoch, grinsen und tauschen einen Blick aus der sagt: „Typisch, immer diese Anfänger.“

Wanderschuhe müsse man immer zwei Nummern zu groß kaufen, da die Füße während des Wanders anschwellen, erklären sie mir. Sie müssten es wissen, wie sie mir kurz danach beteuern, denn sie sind sowohl den Camino in Spanien, als auch den gesamten Ochsenweg durch Dänemark gepilgert. „Ich glaube, wir können dir helfen“, sagt die eine, steht auf, kommt mit einer Tasche voller Medikamente wieder und fordert mich auf, ihr meine Füße zu zeigen.

„Müssen wir amputieren?“, frage ich. Die beiden Pilger-Omas lachen. „Blasenpflaster reichen, glaube ich“, sagt die eine, greift in ihre Hausapotheke und holt zwei große Pflaster heraus.

Dann gibt sie mir noch zwei Stücke Watteverband mit und erklärt mir, dass ich die Stücke in den Fersenbereich meiner Socken stopfen soll, bevor ich loswandere.

Ich bedanke mich und tue wie mir geheißen. Die Watte hilft tatsächlich und sorgt für eine gute, zusätzliche Polsterung, sodass ich meinen Weg nach Flensburg fortsetzen kann.

Zumindest am Anfang.

Dann fangen meine Füße wieder an zu brennen.

Die Schmerzen werden mit jedem Schritt schlimmer.

Ich mache eine Pause, ziehe vorsichtig meine Schuhe aus und begutachte meine Füße.

Meine Socken haben sich mittlerweile rot verfärbt.

Ich wickle die blutigen Verbände ab und lege aus Ermangelung an neuem Verbandszeug Tempo-Taschentücher auf die wunden Stellen, bevor ich meine Socken wieder vorsichtig anziehe.

Schritt für Schritt laufe ich weiter und gebe dabei Geräusche von mir, die klingen, als würde ich versuchen, mir eine Ananas in den Arsch zu schieben.

Die Stunden ziehen dahin, während ich das Gefühl habe, mich überhaupt nicht von der Stelle zu bewegen.

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Gerade, als der Gedanke, mich einfach in ein Gebüsch am Straßenrand zu legen und zu sterben immer verlockender wird, sehe ich das Ortseingangsschild Flensburgs vor mir.

Ich schleppe mich die Förde entlang.

Der erste Gang in Flensburg gilt Bens Fischhütte am Flensburger Museumshafen.

Ich sinke erschöpft auf dem alte Bollwerk des Stegs vor der Fischbude nieder, lasse mich vom Wind berieseln, schauen den alten Holzschiffen im Hafen dabei zu, wie sie gemächlich hin und her schaukeln und beiße genüsslich in mein Fischbrötchen.

Besser als Sex.

Als ich aufgegessen habe, führt mich mein zweiter Gang direkt in die nächste Apotheke, wo ich mich mit so vielen Blasenpflastern eindecke, dass sie wahrscheinlich bis Santiago reichen würden.

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In nächsten Teil:

Eine Pizza zum Jakobsweg, bitte, oder: Fear & Loathing in den Fröruper Bergen.

The Star-Spangled Boxershorts, oder: Warum man immer kontrollieren sollte, ob man seinen Schlüssel dabei hat, bevor man die Tür zuzieht.

Flensburg, Sonntag, 6 Uhr morgens.
Irgend etwas zwickt an meiner Nase.

Ich blinzle schlaftrunken und sehe direkt in die Augen meines Hundes Polli, der auf meinem Bauch steht und mich schwanzwedelnd anblickt, während er mir abermals in die Nase beißt.

„Musst du pinkeln?“, frage ich ihn. Er beißt mir noch mal in die Nase.

Ich interpretiere das als „Ja“.

Ohne wirklich die Augen zu öffnen, steige ich aus dem Bett in meine Schlappen, klemme den Hund unter meinen Arm und zieh die Tür hinter mir zu um Polli die Treppen herunter in den Garten zu lassen.

Dann bin ich schlagartig wach.

„Fuck“, denke ich nur, während das Geräusch des einrastenden Türschlosses durch den Hausflur hallt und ich den Türknauf immer noch in der Hand halte.

In meinem Kopf höre ich die weit entfernten Worte meiner Freundin: „Ich hab dir meinen Schlüssel hier hingelegt“, hat sie mir vor einer Viertelstunde auf ihrem Weg zur Arbeit mitgeteilt, was ich zwar im Halbschlaf mitbekommen, aber mental nicht wirklich verarbeitet habe. Meinen eigenen Schlüssel hatte ich Tags zuvor bei der Arbeit vergessen.

„Fuck“, rufe ich, während Polli mich erschrocken anguckt.

Ich blicke erst zu Polli, dann zur Tür und dann an mir runter. Ich habe weder ein Handy dabei noch eine Hose an. Nur eine Boxershorts, die aussieht wie eine Amerikaflagge.

Fuck, fuck, fuck.

Ich gehe im Kopf meine Möglichkeiten durch, wie ich wieder in die Wohnung komme ohne die Tür einzutreten.

a) Zur Arbeit meiner Freundin gehen.

Fällt flach, da ich keine Hundeleine habe und ich Polli nicht durch ganz Flensburg tragen kann. Außerdem habe ich immer noch keine Hose an und sie keinen Schlüssel. Den habe ich. Und der liegt in der Wohnung.

b) Ich könnte einen meiner Kollegen anrufen, damit er mir meinen Schlüssel aus der Schublade meines Schreibtisches holt und vorbeibringt.

Fällt ebenfalls flach, da alle meine Kollegen schlafen, es Sonntag ist und ich alle ihre Nummern in meinem Handy gespeichert habe, das auf meinem Nachtisch liegt.

c) Ich könnte bei einem meiner Nachbarn klingeln um zu fragen, ob ich den Schlüsseldienst anrufen könnte, was allerdings teuer wird.

d) Ich könnte mich einfach auf den Boden setzen und weinen und hoffen, dass sich alles von selbst klärt.

Letzteres scheint mir in diesem Moment am Rationalsten, aber ich beschließe trotzdem zuerst bei meinen Nachbarn zu klingeln.

Es bereitet mir beinahe physische Schmerzen am Sonntagmorgen um kurz nach sechs Uhr morgens bei meinen Nachbarn zu klingeln, von denen ich noch nicht einmal weiß, wie sie mit Vornamen heißen.

Mit zusammengekniffenen Augen drücke ich auf den Klingelknopf der Wohnung unter uns, in der ein junges Pärchen mit ihrem Baby wohnt, während das schrille Geräusch der Klingel durch das ansonsten ruhige Innere der Wohnung dringt.

Meine Nachbarin macht mir im Schlafanzug und mit zerzausten Haaren die Tür auf.

„Tut mir wahnsinnig leid, dass ich euch wecken musste, aber ich hab mich ausgeschlossen als ich mit dem Hund raus wollte und jetzt wollte ich fragen, ob ich von euch aus den Schlüsseldienst anrufen kann“, sage ich.

„Ach Scheiße. Ja klar, kein Problem, der Kleine ist gerade erst eingeschlafen, von daher war ich eh noch wach“, antwortet sie mitleidig lächelnd.

„Ich hoffe, ich hab ihn nicht geweckt“, sage ich und bekomme ein schlechtes Gewissen.

„Nene, wenn er erst einmal schläft, dann schläft er zum Glück auch“, sagt sie und man sieht ihr an, dass sie diese Nacht wahrscheinlich noch nicht allzu viel Schlaf hatte.

Ich höre das leise aber vehemente Schreien aus dem Schlafzimmer im gleichen Augenblick wie sie und sehe wie ihr Wunsch auf etwas Ruhe vor ihren Augen zerbricht. Zerstört von einem Typ in Boxershorts mit einem Hund auf dem Arm.

Sie drückt mir ihr Handy in die Hand und sagt mir, dass ich bis der Schlüsseldienst kommt bei ihr in der Küche warten kann, während sie zurück ins Schlafzimmer geht, um ihr Baby zu beruhigen.

Nach etwa einer Stunde, in der ich versucht habe auf dem unbequemsten Hocker der Welt zu schlafen, einem Möbelstück, das wahrscheinlich in Guantanamo ein ideales Gerät für den Schlafentzug der Gefangenen abgeben würde, klingelt es.

„Warum gehst du nicht an dein scheiß Handy, Mann?“, ist das erste, was der Typ vom Schlüsseldienst zu mir sagt.

„Sorry, war nicht mein Handy, sondern das von der Nachbarin“, sage ich zu ihm, während er mir nach oben zu meiner Wohnungstür folgt. Er guckt sich die Tür kurz an, kramt in seiner Werkzeugkiste, holt ein Stück Plastik heraus, schiebt es auf Höhe des Türknaufs in die Ritze zwischen Tür und Rahmen und die Tür springt mit einem leichten Klacken auf. Der ganze Prozess dauert vielleicht drei Sekunden.

„Vierhunzwansich Euro“, nuschelt er.

„24? Das geht ja voll klar“, sage ich.

„Nene, Sportfreund. 420“, berichtigt er mich.

Ich merke wie mir das Blut kribbelnd in den Kopf schießt und mir wird kurz schwindelig.

„420 Euro? Dein Ernst?“

»Teures Gassigehen, wa?«, lacht er.

Ich gucke ihn einfach nur an und meine Augen scheinen so viel Abscheu auszusprühen, dass er sich verlegen, meinem Blick ausweichend, umdreht und plötzlich krampfhaft so tut, als würde er etwas in seinem Werkzeugkoffer suchen.

Er dreht sich wieder um.

„Jetzt mal unter uns, du darfst keinen Schlüsseldienst holen, lass das privat machen“

„Sorry, aber die professionellen Einbrecher in meinem Freundeskreis sind gerade alle im Urlaub“, sage ich pampig und kann noch nicht ganz glauben, dass mich die Aktion gerade 420 Euro gekostet hat.

Er nickt und blickt mich wieder an.

„Hmm… das war nicht dein Handy, mit dem du angerufen hast, ne?“

Ich schüttle den Kopf.

„Das heißt, wenn mein Chef jetzt darauf anruft, würdest du gar nicht rangehen, ne?“

Ich schüttle abermals mit dem Kopf.

„Dann hast du mich auch nie gesehen. Wir fahren jetzt zum nächsten Bankautomaten, du gibst mit 150 Tacken und die Sache ist gegessen. Deal?“

Ich nicke.

Er nickt ebenfalls.

Wir nicken beide noch einmal und ich folge ihm zu seinem Auto. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass er das schon die ganze Zeit geplant hatte.

Ich weis nicht, ob ich mich freuen soll, dass ich fast 300 Euro spare oder ärgern, weil ich diesem Gauner trotzdem noch 150 Euro geben muss. Meine Gedanken sind so aufgewühlt, dass ich erst im Auto merke, dass ich immer noch keine Hose anhabe.

„Willst du dir nicht noch etwas anziehen?“ fragt er mich und guckt an mir herunter.

Ich werfe ihm einen erneuten bösen Blick zu, der ihm nahe bringen soll, dass er sich gefälligst um seinen eigenen Scheiß kümmern soll.

„Fahr einfach“, sage ich und zeige in Richtung Bank. Mittlerweile füllen sich die Straßen mit Menschen, die zum Einkaufen oder zur Arbeit fahren.

150 Euro. Ich versuche nicht daran zu denken, was ich alles damit hätte machen können und was er jetzt stattdessen damit für seine drei Sekunden Arbeit tut.

Er blickt mich noch einmal an ohne loszufahren und sein Blick sagt „Dir ist klar, dass du gleich auf Boxershorts am Bankautomaten stehen musst“, aber in diesem Augenblick wäre es mir auch egal, wenn ich nackt über den Supermarktparkplatz ins Foyer der Sparkasse spazieren müsste.

„Fahr einfach“, sage ich noch mal und kontrolliere ob ich meinen Schlüssel auch dabei habe.

Von Engeln, Teufeln und dem (wahrscheinlich) besten Kakao Kubas, oder: Darf ich Mama zu dir sagen? (Kuba – Teil 4)

Die folgenden Ereignisse spielen 2 Stunden nach dem letzten Blogeintrag

25. Dezember, Santa Clara/Kuba

Ich habe keine Minute geschlafen. Als ich endlich den Weg ins Bett gefunden habe, hat dieses sich so stark gedreht, dass ich wieder aufstehen musste und stattdessen unter die Dusche gegangen bin.

Auch das hat die Gesamtsituation nicht wirklich verbessert, denn mit einem Kater zu Duschen ist ungefähr so, wie einem Verdurstenden in der Wüste ein Glas Wasser anzubieten. Es lindert zwar kurz den Schmerz, zögert aber das unausweichliche Ende nur ein Stück weiter hinaus.

Es kommt also wie es kommen muss: gerade als ich den letzten Schluck meines Frühstückskaffee zu mir nehme und mich in dem trügerischen Gefühl wäge, den Kater durch die erfrischende Dusche und die Zunahme von Elektrolyten durch ein leicht angebranntes Spiegelei besiegt zu haben, schlägt das Arschloch mit seiner geballten, rücksichtslosen Stärke zurück.

Mir ist so schlecht, dass ich kotzen könnte und ich bin so fertig, das mir selbst das zu viel ist.

Meine Augen brennen und sind von dicken Tränensäcken untermalt, als ich durch die Sonne zu unserem Treffpunkt am Marktplatz von Santa Clara gehe. Debs und Sophie winken mir von weitem zu. Die beiden tragen Sonnenbrillen und wirken dadurch um einiges frischer als ich.

Die rudimentären Kommuniktionsversuche der sonst mehr als redefreudigen Britinnen lassen allerdings erahnen, dass der Schein trügt.

Chantal und Patrick, ein holländisches Pärchen, das sich mit uns das Taxi teilt, steht bei ihnen und blickt uns mitleidig an.

Ich muss mich auf den Bordstein setzen, als sich, wie so oft bisher in Kuba, unser Zeitplan durch eine Aneinanderreihung unvorhersehbarer, aber dennoch irgendwie erwartbarer, Ereignisse um einiges nach hinten verschiebt.

Das Taxi, das wir am Vortag bestellt haben, taucht nicht auf, ein Kubaner der uns versprochen hat uns deshalb eine bessere und viel günstigere Alternative zu organisieren, ist seit einiger Zeit verschwunden und von Sophie, die sich irgendwann auf den Weg gemacht hat, um auf eigene Faust ein Gefährt zu organisieren, fehlt ebenfalls jede Spur.

Dann, etwa 45 Minuten später, sind sie plötzlich alle gleichzeitig da.

Der Taxifahrer vom Vortag entschuldigt sich, dass es sich verspätet hat und erklärt das ganze mit einer Autopanne, die Alternative schneidet ihm das Wort ab und versucht uns davon zu überzeugen, dass er trotzdem besser und billiger ist, und Sophie winkt uns aus dem Beifahrerfenster eines Autos von der anderen Straßenseite zu, unbeeindruckt davon, das sie damit der dritte Konkurrent im Rennen ist.

Wir entscheiden uns für Taxi Nr. 1, da wir ihm streng genommen zuerst zugesagt haben und steigen nacheinander durch die klapprigen Türen des Oldtimers.

Wir verlassen die Stadt und befinden uns innerhalb weniger Minuten inmitten grüner Hügel und Bergkämme durch die sich eine geschotterte, mit Schlaglöchern übersäte Straße schlängelt.

Der alte Motor unseres Fortbewegungsmittel röhrt und ächzt, während er sich die Steigungen hochkämpft, als wolle er uns beweisen, dass er es noch drauf hat, noch nicht zum alten Eisen gehört, sich von seiner jüngeren Konkurrenz nicht in die Ecke verweisen lassen will.

 

 

Ich blicke in den Seitenspiegel. Langsam bekomme ich wieder etwas Farbe ins Gesicht.  Die Tränensäcke sind allerdings nicht merklich besser geworden.

Ich krame meine Sonnenbrille aus meiner Tasche, setze sie auf und blicke abermals in den Spiegel.

Jap.

Besser.

Durch die kleinen Lautsprecherboxen des Wagens scheppert kubanische Musik, Haste que se seque el Malecón von Jacob Forever, ein Stück, der mich bereits seit meiner Ankunft verfolgt, egal ob in den kleinen Bars an Havannas Hafenpromenade (von der das Lied seinen Namen hat), im Club, im Bus oder wie nun im Taxi.

Die Sonne scheint durch die vom Alter beschlagenen Fenster, der Fahrtwind wirbelt durchs Innere des Autos und langsam verwandelt sich die Katerstimmung in eine entspannte Müdigkeit, die mich meine Umwelt endlich in dem Maße genießen lässt, in dem sie es verdient.

Wir machen einige kleine Pausen, erkunden die Umgebung, spazieren durchs Grüne und machen Selfies mit unserem Oldtimer, während wir uns Stück für Stück durch immer kurvenreichere Straßen auf unser Ziel Trinidad im Süden Kubas zubewegen.

 

27. Dezember, Trinidad/Kuba

Ich verbringe viel Zeit mit Mery, der älteren Dame der das Casa gehört in dem ich seit drei Tagen wohne, und ihrer Hündin Hama, die in Hundejahren wahrscheinlich noch älter ist als ihr Frauchen.

Wir reden viel. Sie erzählt mir von der Rolle Trinidads während der Kolonialzeit und den Zuckerplantagen rund herum und ich erzähle ihr von Flensburgs Geschichte als Rumstadt und dem, was ich mir von der Führung durch das Flensburger Rum-Museum habe merken können, die ich mal vor Ewigkeiten gemacht habe. Wirklich viel ist nicht hängen geblieben, da ich die Führung eigentlich nur wegen der anschließenden Verköstigung mitgemacht habe.

Mery ist klein und zierlich aber konträr zu ihrem äußeren Erscheinungsbild resolut und drahtig. Sie ist gebildet und interessiert. Ihr Gesicht ist durchzogen von kleinen Fältchen, durch die sie mich mit wachen Augen anblickt. Ich schließe sie sofort ins Herz, nicht zuletzt, da sie es sich zur Aufgabe gemacht zu haben scheint, mich so lange mit kubanischem Essen mästen, bis ich platze.

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„Kannst du mich bitte adoptieren?, sage ich, nachdem sie mir wie jeden Morgen ein opulentes Frühstück mit gebratenem Omelette, frisch gepresstem Orangensaft, Obst und dem wahrscheinlich besten Kakao der Welt gezaubert hat.

Sie lacht.

Warum lacht sie?

„Nein, nein. Leider nicht. Aber ich kann dir noch einen Kakao machen“, antwortet sie.

„Das ist auch ok“, sage ich und versuche mir meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.

 

 

Abends

Tagsüber sitze ich meist in einer kleinen Strandbar namens Grill Caribe zwischen der Stadt und den großen Stränden, die für meinen Geschmack zu überfüllt und zu touristisch sind, schreibe Tagebuch, lese in Zeitschriften, die ich mir aus irgendwelchen Foyers größerer Hotels geklaut habe, trinke Mojitos, esse Meeresfrüchte und lasse mir die Sonne auf den Bauch scheinen. Abends treffe ich mich dann in der Regel mit Debs, Sophie, Patrick und Chantal und ein paar andren Leuten, esse mehr Meeresfrüchte und trinke weitere Mojitos.

Das Leben könnte wahrlich schlechter sein.

Wir stehen auf dem Treppenförmigen Platz des Casa de la Músíca, bestückt mit einigen Drinks und schauen einer Sängerin auf einer Bühne in der Mitte der Stufen zu, deren Stimme so hoch und schrill ist, dass ich froh bin einen Plastikbecher in der Hand zu haben, da Gläser bei dieser Frequenz höchstwahrscheinlich zerspringen würden.

Ich blicke auf die Uhr. Es ist schon wieder kurz nach elf. Ich säufze. Nicht, dass ich müde oder auf meinen Schönheitsschlaf bedacht wäre, aber Mery hat mir den Haustürschlüssel nicht anvertraut, da sie wahrscheinlich annimmt, dass ich ihn in meiner Schusseligkeit sofort verlieren würde. Eine weitere Gemeinsamkeit, die sie mit meiner echten Mutter hat.

Ich solle einfach klingeln, dann würde sie sofort die Tür aufmachen, hat sie mir versichert. Das glaube ich ihr zwar sofort, aber ein schlechtes Gewissen hätte ich doch, wenn ich sie aufwecken müsste und beschließe daher, mich von den anderen zu verabschieden und den Heimweg anzutreten.

Gerade als ich mich verabschieden will, sehe ich wie Andy, der Engländer mit dem wir unser Weihnachts-Armageddon gefeiert hatten, aus der Menge auftaucht und lächelnd auf uns zukommt.

Ich bin leicht verwirrt, da ich Andy eigentlich etwa 300 Kilometer weiter nördlich vermutet hätte, aber bestimmt nicht hier. (Siehe letzter Teil)

Er winkt uns mit einem Drink in der Hand zu und im gleichen Augenblick bekomme ich die düstere Vorahnung, dass es ein langer Abend werden könnte.

„Dude, was machst du denn hier?“, sage ich, als er sich endlich seinen Weg durch die Menge gebahnt hat und uns umarmt.

„Naja, den ganzen Tag am Strand liegen war einfach nicht so meins, da dachte ich, komme ich zu euch und gucke, was ihr so treibt“, sagt er.

Ich erkläre Andy, dass ich liebend gerne mit ihm feiern würde, aber leider nachhause muss, da ich Mery nicht wecken will.

„Ach komm, ist sie doch selbst schuld wenn sie dir den Schlüssel nicht gibt. Außerdem brauchen Menschen in dem Alter so gut wie keinen Schlaf. Bis du kommst, ist die bestimmt schon wieder hellwach“, sagt Andy. Er ist wie ein kleines Teufelchen, das auf meiner Schulter sitzt und mir zweifelhafte Ratschläge gibt.

Das Problem ist: es wirkt.

Ich bin zwar noch nicht wirklich zu einhundert Prozent überzeugt, doch mit jedem weiteren Mojito, werden die Argumente des Andy-Teufelchens auf meiner Schulter plausibler.

Ich sehe vor meinem geistigen Auge, wie sich meine guten Absichten heulend in die Ecke verkriechen, während Teufels-Andy mit ausgestrecktem Mittelfinger hinter ihnen herfliegt und anschließend triumphierend wieder auf meiner Schulter Platz nimmt.

„Mery schläft bestimmt sowieso schon längst, wecken hätte ich sie daher so oder so müssen. Da spielt die Uhrzeit also keine Rolle“, versuche ich mir einzureden.

Meine düstere Vorahnung hat sich, wie erwartet, erfüllt. Vier Stunden später stehe ich an der Bar und stoße mit Teufels-Andy auf meiner Schulter auf die grandiose Idee an, meine guten Vorsätze in den Wind zu schlagen. Ich kämpfe mich, beladen mit einer Riege Bier, durch die Menge zurück zu den anderen.

Als ich wieder bei der Gruppe ankomme, sehe ich, wie der echte Andy und Debs sich in den Armen liegen und küssen.

„Schön“, denke ich mir und male mir in meinem Kopf bereits aus, wie wir uns alle im nächsten Sommer auf ihrer Hochzeit am Strand von Brighton wiedersehen und über diesen Moment kubanischer Leidenschaft sinnieren.

(Spoiler: Es sollte bei einem One Night Stand bleiben)

Langsam nimmt die Party ein Ende. Die meisten sind bereits nach hause gegangen und auch Andy und Debs verabschieden sich.

Teufels-Andy ist mittlerweile ebenfalls von meiner Schulter verschwunden und stattdessen ist das schlechte Gewissen zurückgekehrt, da gleich eine arme alte Frau ihren altersschwachen Körper aus dem Bett bewegen muss, um einem betrunkenen, stinkenden Typen (mir) die Tür zu öffnen.

„Ich glaub ich schlafe heute auf der Terrasse“, sage ich zu Sophie und den anderen.

„Ach was, jetzt wo Debs bei Andy schläft, ist ihr Bett frei. Du kannst gerne bei uns schlafen, wenn du deine „Mutti“ nicht aufwecken willst“

Ich nehme ihr großzügiges Angebot sofort dankbar an. Hinzu kommt, dass beiden direkt um die Ecke wohnen.

Als wir in ihrer Wohnung angekommen sind, zeigt Sophie auf ein leerstehendes Bett an der linken Seite des Zimmers,  ich schmeiße mich drauf und schlafe sofort ein, nur um zwei Stunden später unsanft vom penetranten Piepen meines Handy-Weckers aus meinen Träumen gerissen zu werden.

Wie ich dieses Geräusch hasse.

Ich setzte mich aufrecht hin, schüttle kurz das benommene Gefühl aus meinem Kopf, schnüre meine Schuhe zu, verabschiede mich von Sophie, sage ihr, dass sie Debs lieb grüßen soll und schleiche aus dem Zimmer, um keinen der anderen Hausbewohner zu wecken.

Im Wohnzimmer werde ich bereits vom Besitzer des Casas empfangen, der mit einem Kaffee in der Hand am Küchentisch sitzt, mich mit einem hämischen Grinsen mustert und mir zuzwinkert.

„Es ist nichts passiert“, versuche ich ihm zu erklären.

„Si, si“, sagt er spöttisch und zwinkert mir abermals zu.

Egal…

Schlaftrunken laufe ich durch die engen Schotterstraßen des Ortes. Vorbei an kleinen Häuschen und an einem Bäcker, der in einer Wellblechhütte frisches Brot verkauft und vor dessen Fenster sich eine große Menschentraube bildet.

Ich klopfe an Merys Tür. Sie ist schon wach, trägt aber trotzdem noch ihr rosafarbenes Nachthemd und ihre mit Rüschen verschönerte Nachthaube in passendem Farbton.

„Gute Nacht gehabt?“,  fragt sie süffisant grinsend, zieht eine Augenbraue hoch und  mustert mich.

„Ja, war lustig. Wir haben einen Kumpel wiedergetroffen und waren mit ihm feiern. Ich hab dann bei einer Freundin übernachtet, weil sie noch ein Bett frei hatte und ich dich nicht wecken wollte“, erzähle ich.

„Ah, bei einer Señorita“, lacht sie.

„Ja, aber es ist nicht so wie du denkst. Ich wollte dich einfach nicht aufwecken“, versuche ich ihr zu erklären.

„Si, si“, sagt sie nur, in einem Ton der alles sagt, aber nicht, dass sie mir meine Geschichte ernsthaft abkauft.

„Ehrlich! Es ist nichts passiert. Ich hab eine Freundin, verdammt“

„Si, si“, sagt Mery nochmals unbeeindruckt und ihr Ton wird noch sarkastischer.

„Ach, ich geh duschen“

„Ich mache dir Frühstück. Du brauchst sicher eine Stärkung, nach so einer „Nacht“, oder?“, sagt sie, wobei sie das Wort Nacht mit ihren kleinen, schrumpeligen Händen in Anführungszeichen setzt.

„Was? Ich…. aber….“, sage ich leicht verzweifelt, bevor ich ihr ein resignierendes „ok“ entgegengrummele und ins Badezimmer gehe.

„Machst du mir auch Kakao?“ rufe ich Mery aus der Dusche zu.

„Si, si“, antwortet sie nur.

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Im nächsten Teil:

Planlos durch Guantanamo

Der Ruf der Aale bei Facebook

(Fotos: Lennart Adam)