Von Engeln, Teufeln und dem (wahrscheinlich) besten Kakao Kubas, oder: Darf ich Mama zu dir sagen? (Kuba – Teil 4)

Die folgenden Ereignisse spielen 2 Stunden nach dem letzten Blogeintrag

25. Dezember, Santa Clara/Kuba

Ich habe keine Minute geschlafen. Als ich endlich den Weg ins Bett gefunden habe, hat dieses sich so stark gedreht, dass ich wieder aufstehen musste und stattdessen unter die Dusche gegangen bin.

Auch das hat die Gesamtsituation nicht wirklich verbessert, denn mit einem Kater zu Duschen ist ungefähr so, wie einem Verdurstenden in der Wüste ein Glas Wasser anzubieten. Es lindert zwar kurz den Schmerz, zögert aber das unausweichliche Ende nur ein Stück weiter hinaus.

Es kommt also wie es kommen muss: gerade als ich den letzten Schluck meines Frühstückskaffee zu mir nehme und mich in dem trügerischen Gefühl wäge, den Kater durch die erfrischende Dusche und die Zunahme von Elektrolyten durch ein leicht angebranntes Spiegelei besiegt zu haben, schlägt das Arschloch mit seiner geballten, rücksichtslosen Stärke zurück.

Mir ist so schlecht, dass ich kotzen könnte und ich bin so fertig, das mir selbst das zu viel ist.

Meine Augen brennen und sind von dicken Tränensäcken untermalt, als ich durch die Sonne zu unserem Treffpunkt am Marktplatz von Santa Clara gehe. Debs und Sophie winken mir von weitem zu. Die beiden tragen Sonnenbrillen und wirken dadurch um einiges frischer als ich.

Die rudimentären Kommuniktionsversuche der sonst mehr als redefreudigen Britinnen lassen allerdings erahnen, dass der Schein trügt.

Chantal und Patrick, ein holländisches Pärchen, das sich mit uns das Taxi teilt, steht bei ihnen und blickt uns mitleidig an.

Ich muss mich auf den Bordstein setzen, als sich, wie so oft bisher in Kuba, unser Zeitplan durch eine Aneinanderreihung unvorhersehbarer, aber dennoch irgendwie erwartbarer, Ereignisse um einiges nach hinten verschiebt.

Das Taxi, das wir am Vortag bestellt haben, taucht nicht auf, ein Kubaner der uns versprochen hat uns deshalb eine bessere und viel günstigere Alternative zu organisieren, ist seit einiger Zeit verschwunden und von Sophie, die sich irgendwann auf den Weg gemacht hat, um auf eigene Faust ein Gefährt zu organisieren, fehlt ebenfalls jede Spur.

Dann, etwa 45 Minuten später, sind sie plötzlich alle gleichzeitig da.

Der Taxifahrer vom Vortag entschuldigt sich, dass es sich verspätet hat und erklärt das ganze mit einer Autopanne, die Alternative schneidet ihm das Wort ab und versucht uns davon zu überzeugen, dass er trotzdem besser und billiger ist, und Sophie winkt uns aus dem Beifahrerfenster eines Autos von der anderen Straßenseite zu, unbeeindruckt davon, das sie damit der dritte Konkurrent im Rennen ist.

Wir entscheiden uns für Taxi Nr. 1, da wir ihm streng genommen zuerst zugesagt haben und steigen nacheinander durch die klapprigen Türen des Oldtimers.

Wir verlassen die Stadt und befinden uns innerhalb weniger Minuten inmitten grüner Hügel und Bergkämme durch die sich eine geschotterte, mit Schlaglöchern übersäte Straße schlängelt.

Der alte Motor unseres Fortbewegungsmittel röhrt und ächzt, während er sich die Steigungen hochkämpft, als wolle er uns beweisen, dass er es noch drauf hat, noch nicht zum alten Eisen gehört, sich von seiner jüngeren Konkurrenz nicht in die Ecke verweisen lassen will.

 

 

Ich blicke in den Seitenspiegel. Langsam bekomme ich wieder etwas Farbe ins Gesicht.  Die Tränensäcke sind allerdings nicht merklich besser geworden.

Ich krame meine Sonnenbrille aus meiner Tasche, setze sie auf und blicke abermals in den Spiegel.

Jap.

Besser.

Durch die kleinen Lautsprecherboxen des Wagens scheppert kubanische Musik, Haste que se seque el Malecón von Jacob Forever, ein Stück, der mich bereits seit meiner Ankunft verfolgt, egal ob in den kleinen Bars an Havannas Hafenpromenade (von der das Lied seinen Namen hat), im Club, im Bus oder wie nun im Taxi.

Die Sonne scheint durch die vom Alter beschlagenen Fenster, der Fahrtwind wirbelt durchs Innere des Autos und langsam verwandelt sich die Katerstimmung in eine entspannte Müdigkeit, die mich meine Umwelt endlich in dem Maße genießen lässt, in dem sie es verdient.

Wir machen einige kleine Pausen, erkunden die Umgebung, spazieren durchs Grüne und machen Selfies mit unserem Oldtimer, während wir uns Stück für Stück durch immer kurvenreichere Straßen auf unser Ziel Trinidad im Süden Kubas zubewegen.

 

27. Dezember, Trinidad/Kuba

Ich verbringe viel Zeit mit Mery, der älteren Dame der das Casa gehört in dem ich seit drei Tagen wohne, und ihrer Hündin Hama, die in Hundejahren wahrscheinlich noch älter ist als ihr Frauchen.

Wir reden viel. Sie erzählt mir von der Rolle Trinidads während der Kolonialzeit und den Zuckerplantagen rund herum und ich erzähle ihr von Flensburgs Geschichte als Rumstadt und dem, was ich mir von der Führung durch das Flensburger Rum-Museum habe merken können, die ich mal vor Ewigkeiten gemacht habe. Wirklich viel ist nicht hängen geblieben, da ich die Führung eigentlich nur wegen der anschließenden Verköstigung mitgemacht habe.

Mery ist klein und zierlich aber konträr zu ihrem äußeren Erscheinungsbild resolut und drahtig. Sie ist gebildet und interessiert. Ihr Gesicht ist durchzogen von kleinen Fältchen, durch die sie mich mit wachen Augen anblickt. Ich schließe sie sofort ins Herz, nicht zuletzt, da sie es sich zur Aufgabe gemacht zu haben scheint, mich so lange mit kubanischem Essen mästen, bis ich platze.

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„Kannst du mich bitte adoptieren?, sage ich, nachdem sie mir wie jeden Morgen ein opulentes Frühstück mit gebratenem Omelette, frisch gepresstem Orangensaft, Obst und dem wahrscheinlich besten Kakao der Welt gezaubert hat.

Sie lacht.

Warum lacht sie?

„Nein, nein. Leider nicht. Aber ich kann dir noch einen Kakao machen“, antwortet sie.

„Das ist auch ok“, sage ich und versuche mir meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.

 

 

Abends

Tagsüber sitze ich meist in einer kleinen Strandbar namens Grill Caribe zwischen der Stadt und den großen Stränden, die für meinen Geschmack zu überfüllt und zu touristisch sind, schreibe Tagebuch, lese in Zeitschriften, die ich mir aus irgendwelchen Foyers größerer Hotels geklaut habe, trinke Mojitos, esse Meeresfrüchte und lasse mir die Sonne auf den Bauch scheinen. Abends treffe ich mich dann in der Regel mit Debs, Sophie, Patrick und Chantal und ein paar andren Leuten, esse mehr Meeresfrüchte und trinke weitere Mojitos.

Das Leben könnte wahrlich schlechter sein.

Wir stehen auf dem Treppenförmigen Platz des Casa de la Músíca, bestückt mit einigen Drinks und schauen einer Sängerin auf einer Bühne in der Mitte der Stufen zu, deren Stimme so hoch und schrill ist, dass ich froh bin einen Plastikbecher in der Hand zu haben, da Gläser bei dieser Frequenz höchstwahrscheinlich zerspringen würden.

Ich blicke auf die Uhr. Es ist schon wieder kurz nach elf. Ich säufze. Nicht, dass ich müde oder auf meinen Schönheitsschlaf bedacht wäre, aber Mery hat mir den Haustürschlüssel nicht anvertraut, da sie wahrscheinlich annimmt, dass ich ihn in meiner Schusseligkeit sofort verlieren würde. Eine weitere Gemeinsamkeit, die sie mit meiner echten Mutter hat.

Ich solle einfach klingeln, dann würde sie sofort die Tür aufmachen, hat sie mir versichert. Das glaube ich ihr zwar sofort, aber ein schlechtes Gewissen hätte ich doch, wenn ich sie aufwecken müsste und beschließe daher, mich von den anderen zu verabschieden und den Heimweg anzutreten.

Gerade als ich mich verabschieden will, sehe ich wie Andy, der Engländer mit dem wir unser Weihnachts-Armageddon gefeiert hatten, aus der Menge auftaucht und lächelnd auf uns zukommt.

Ich bin leicht verwirrt, da ich Andy eigentlich etwa 300 Kilometer weiter nördlich vermutet hätte, aber bestimmt nicht hier. (Siehe letzter Teil)

Er winkt uns mit einem Drink in der Hand zu und im gleichen Augenblick bekomme ich die düstere Vorahnung, dass es ein langer Abend werden könnte.

„Dude, was machst du denn hier?“, sage ich, als er sich endlich seinen Weg durch die Menge gebahnt hat und uns umarmt.

„Naja, den ganzen Tag am Strand liegen war einfach nicht so meins, da dachte ich, komme ich zu euch und gucke, was ihr so treibt“, sagt er.

Ich erkläre Andy, dass ich liebend gerne mit ihm feiern würde, aber leider nachhause muss, da ich Mery nicht wecken will.

„Ach komm, ist sie doch selbst schuld wenn sie dir den Schlüssel nicht gibt. Außerdem brauchen Menschen in dem Alter so gut wie keinen Schlaf. Bis du kommst, ist die bestimmt schon wieder hellwach“, sagt Andy. Er ist wie ein kleines Teufelchen, das auf meiner Schulter sitzt und mir zweifelhafte Ratschläge gibt.

Das Problem ist: es wirkt.

Ich bin zwar noch nicht wirklich zu einhundert Prozent überzeugt, doch mit jedem weiteren Mojito, werden die Argumente des Andy-Teufelchens auf meiner Schulter plausibler.

Ich sehe vor meinem geistigen Auge, wie sich meine guten Absichten heulend in die Ecke verkriechen, während Teufels-Andy mit ausgestrecktem Mittelfinger hinter ihnen herfliegt und anschließend triumphierend wieder auf meiner Schulter Platz nimmt.

„Mery schläft bestimmt sowieso schon längst, wecken hätte ich sie daher so oder so müssen. Da spielt die Uhrzeit also keine Rolle“, versuche ich mir einzureden.

Meine düstere Vorahnung hat sich, wie erwartet, erfüllt. Vier Stunden später stehe ich an der Bar und stoße mit Teufels-Andy auf meiner Schulter auf die grandiose Idee an, meine guten Vorsätze in den Wind zu schlagen. Ich kämpfe mich, beladen mit einer Riege Bier, durch die Menge zurück zu den anderen.

Als ich wieder bei der Gruppe ankomme, sehe ich, wie der echte Andy und Debs sich in den Armen liegen und küssen.

„Schön“, denke ich mir und male mir in meinem Kopf bereits aus, wie wir uns alle im nächsten Sommer auf ihrer Hochzeit am Strand von Brighton wiedersehen und über diesen Moment kubanischer Leidenschaft sinnieren.

(Spoiler: Es sollte bei einem One Night Stand bleiben)

Langsam nimmt die Party ein Ende. Die meisten sind bereits nach hause gegangen und auch Andy und Debs verabschieden sich.

Teufels-Andy ist mittlerweile ebenfalls von meiner Schulter verschwunden und stattdessen ist das schlechte Gewissen zurückgekehrt, da gleich eine arme alte Frau ihren altersschwachen Körper aus dem Bett bewegen muss, um einem betrunkenen, stinkenden Typen (mir) die Tür zu öffnen.

„Ich glaub ich schlafe heute auf der Terrasse“, sage ich zu Sophie und den anderen.

„Ach was, jetzt wo Debs bei Andy schläft, ist ihr Bett frei. Du kannst gerne bei uns schlafen, wenn du deine „Mutti“ nicht aufwecken willst“

Ich nehme ihr großzügiges Angebot sofort dankbar an. Hinzu kommt, dass beiden direkt um die Ecke wohnen.

Als wir in ihrer Wohnung angekommen sind, zeigt Sophie auf ein leerstehendes Bett an der linken Seite des Zimmers,  ich schmeiße mich drauf und schlafe sofort ein, nur um zwei Stunden später unsanft vom penetranten Piepen meines Handy-Weckers aus meinen Träumen gerissen zu werden.

Wie ich dieses Geräusch hasse.

Ich setzte mich aufrecht hin, schüttle kurz das benommene Gefühl aus meinem Kopf, schnüre meine Schuhe zu, verabschiede mich von Sophie, sage ihr, dass sie Debs lieb grüßen soll und schleiche aus dem Zimmer, um keinen der anderen Hausbewohner zu wecken.

Im Wohnzimmer werde ich bereits vom Besitzer des Casas empfangen, der mit einem Kaffee in der Hand am Küchentisch sitzt, mich mit einem hämischen Grinsen mustert und mir zuzwinkert.

„Es ist nichts passiert“, versuche ich ihm zu erklären.

„Si, si“, sagt er spöttisch und zwinkert mir abermals zu.

Egal…

Schlaftrunken laufe ich durch die engen Schotterstraßen des Ortes. Vorbei an kleinen Häuschen und an einem Bäcker, der in einer Wellblechhütte frisches Brot verkauft und vor dessen Fenster sich eine große Menschentraube bildet.

Ich klopfe an Merys Tür. Sie ist schon wach, trägt aber trotzdem noch ihr rosafarbenes Nachthemd und ihre mit Rüschen verschönerte Nachthaube in passendem Farbton.

„Gute Nacht gehabt?“,  fragt sie süffisant grinsend, zieht eine Augenbraue hoch und  mustert mich.

„Ja, war lustig. Wir haben einen Kumpel wiedergetroffen und waren mit ihm feiern. Ich hab dann bei einer Freundin übernachtet, weil sie noch ein Bett frei hatte und ich dich nicht wecken wollte“, erzähle ich.

„Ah, bei einer Señorita“, lacht sie.

„Ja, aber es ist nicht so wie du denkst. Ich wollte dich einfach nicht aufwecken“, versuche ich ihr zu erklären.

„Si, si“, sagt sie nur, in einem Ton der alles sagt, aber nicht, dass sie mir meine Geschichte ernsthaft abkauft.

„Ehrlich! Es ist nichts passiert. Ich hab eine Freundin, verdammt“

„Si, si“, sagt Mery nochmals unbeeindruckt und ihr Ton wird noch sarkastischer.

„Ach, ich geh duschen“

„Ich mache dir Frühstück. Du brauchst sicher eine Stärkung, nach so einer „Nacht“, oder?“, sagt sie, wobei sie das Wort Nacht mit ihren kleinen, schrumpeligen Händen in Anführungszeichen setzt.

„Was? Ich…. aber….“, sage ich leicht verzweifelt, bevor ich ihr ein resignierendes „ok“ entgegengrummele und ins Badezimmer gehe.

„Machst du mir auch Kakao?“ rufe ich Mery aus der Dusche zu.

„Si, si“, antwortet sie nur.

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Der Ruf der Aale bei Facebook

(Fotos: Lennart Adam)

Jakobsweg Teil 2 – Eine Pizza zum Jakobsweg, bitte, oder: Fear & Loathing in den Fröruper Bergen.

TAG 3 – Von Flensburg nach Sieverstedt, 20 Kilometer

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Von Flensburg sind es 3127 Kilometer bis nach Santiago de Compostela.

0,28 Prozent davon habe ich also bereits geschafft, denke ich nicht ohne Stolz, als ich auf den Sankelmarker See kurz hinter Flensburg blicke.

Zeit für eine Verschnaufpause.

Bei mir sind Praktikant Amed Sherwan und der Straßenmusiker Per Kruse, den ich für den nächsten Teil meiner Zeitungs-Serie über diesen Pilger-Trip interviewe.

Per ist nicht nur ein großartiger Musiker (Siehe hier), sondern vor einigen Jahren auch 800 Kilometer auf dem spanischen Jakobsweg gelaufen. Und das ohne einen Pfennig Erspartes.

„Ich wollte mir selbst beweisen, dass es möglich ist von meiner Musik zu überleben, denn ich habe während der Zeit nur von Straßenmusik gelebt. Ich bin mit knapp 40 Euro in der Tasche gestartet und hatte 2,50 Euro, als ich drei Monate später wieder in Flensburg stand“, erzählt der gebürtige Kopenhagener.

In größeren Städten die auf seinem Weg lagen, hat er dafür jeweils zwei Tage Halt gemacht, um genug Geld zu erspielen, damit er die vier bis fünf Wandertage bis in die nächste Stadt um die Runden kam.

Wir sitzen in einem kleinen Café nahe des Sees, während Per uns von seinen Erlebnissen auf dem Jakobsweg erzählt und den Menschen, die er dort getroffen hat.

„Man hat sofort ein Gemeinschaftsgefühl, denn alle laufen ja auf ein gemeinsames Ziel zu. Selbstverständlich mit unterschiedlicher Motivation, aber die Tatsache, dass man den Jakobsweg läuft, erzeugt sofort eine Art Solidarität. Auch wenn man im normalen Leben nie etwas miteinander zu tun haben würde“, sagt er.

Eine dieser Begegnungen war ein Kanadier, den Per über einige Tage verteilt immer wieder traf. So auch, als gerade eine Pause auf dem Weg einlegte. „Wir haben einige Zeit geredet und irgendwann hat er sich plötzlich geöffnet und mir erzählt, dass er sieben Jahre lang seine Frau betrogen hatte. Er musste jetzt nach Hause und geradestehen und hatte tierische Angst seine Frau, seinen Job und seine Karriere zu verlieren. Wie sich herausstellte, war er Priester“, erzählt Kruse.

Anschließend ist der Kanadier weitergelaufen. „Ich habe meine Sachen gepackt und wollte auch weiter, aber auf einmal war mein Gepäck so schwer, als hätte seine Geschichte meine komplette Energie geraubt. Ich bin einen Kilometer gelaufen und auf einmal kam mir eine Melodie in den Kopf. Ich habe mich hingesetzt und zwanzig Minuten später war ein Lied fertig. Und auf einmal war auch mein Gepäck wieder leichter, als hätte sich irgendwas in mir wieder gelöst“, sagt er. So schnell er konnte lief er dem Kanadier hinterher, in der Hoffnung ihn irgendwie einzuholen und tatsächlich kam der Priester im nächsten Dorf um die Ecke.

„Dann habe ich ihm das Lied vorgespielt, denn es war ja nicht mein Lied, sondern ich habe es ja für ihn geschrieben. Er sank auf die Knie und es flossen einige Tränen, aber am Ende fühlte auch er sich befreit“, erzählt Per.

(Video: Dennis Kater)

Per ist einer der Menschen, die in ihrem Leben schon so viel erlebt haben, dass es eigentlich für zwei reicht.

Er hat so eine klare, differenzierte Weltanschauung, dass ich jedes Mal mein Leben auf den Kopf stellen will, wenn ich mit ihm geredet oder einfach nur ein Bier getrunken habe.

Er selbst hat sich von fast allem materiellen Hab und Gut losgesagt. Was er noch hat, passt in einen Rucksack, eine kleine Tasche und einen Gitarrenkoffer.

Mein ganzer Kram hat beim letzten Umzug noch nicht mal in einen Sprinter gepasst.

Tasche, Rucksack und Gitarrenkoffen stehen neben ihm, während wir Kaffee trinken und uns die Sonne auf den Bauch scheinen lassen.

„Das ist ein unheimlich befreiendes Gefühl, sich loszumachen. Umso mehr Besitz man anhäuft, umso mehr Verpflichtungen gehen damit einher. Es gibt leider heute viel zu viele Leute die unglücklich sind, aber die wenigsten Menschen können sich eine Auszeit leisten, auch wenn sie diese bräuchten“, sagt Kruse.

Er hat sich vorgenommen, sich Zeit zu nehmen bis er 50 ist, um herauszufinden, wie er wirklich leben möchte. Dafür hat er noch zwei Jahre und will in dieser Zeit den Jakobsweg noch einmal laufen, zehn Jahre nach dem erste Mal.

„Was gefehlt hat, war Zeit. Ich war zwar sieben Wochen auf dem Jakobsweg unterwegs, aber ich hätte auch sieben Jahre laufen können. Allerdings musste ich wegen einer neuen Wohnung zu einem bestimmten Datum wieder in Flensburg sein. Dieses Mal mache ich es ohne Zeitdruck. Ich will so viel mitbekommen wie möglich. Das letzte Mal hatte ich das Gefühl, dass ich eine Menge verpasst habe“, sagt er.

Apropos Zeitdruck. Wenn wir nicht langsam weiterlaufen, kommen wir nicht mehr vor dem Dunkelwerden in Sieverstedt an, unserem nächsten Ziel auf dem Weg, denke ich mir.

Amed und ich verabschieden uns von Per und laufen weiter in Richtung Süden.

Amed wollte eigentlich nur ein harmloses Schulpraktikum bei meiner Zeitung machen. Zwei Wochen hineinschnuppern ins Journalistenleben. Und nun läuft er neben mir, Rucksack auf dem Rücken, Blasen an den Füßen, einmal quer durch Schleswig-Holstein.

Vom Zeitungs- zum Pilger-Praktikanten.

Ich hab eine Bescheinigung an seine Schule geschickt, in der ich geschrieben habe, dass wir ihn noch zwei Wochen länger benötigen. Warum, habe ich vorsichtshalber weggelassen.

Es geht abermals über kleine Feldwege und entlang von Landstraßen durch die südschleswigsche Natur.

Kurz hinter Oeversee biegen wir, wie uns die Pilger-Wegweiser am Wegesrand geheißen, in die Fröruper Berge ab.

Wir treffen zunächst eine Gruppe Camper aus dem Ruhrgebiet, die zwar keine Ahnung zu haben scheinen, wo sie selbst sind, uns aber trotzdem meinen erklären zu müssen, wo wir lang gehen sollten. Unser Problem ist, dass wir auf sie gehört haben. Der Wald wird schnell immer dichter, der Pfad auf dem wir uns durch ihn hindurchschlagen immer unwegsamer.

Irgendwann hören die Wegzeichen auf und der Weg selbst tut es ihnen kurz darauf nach.

Wir sind in einer Sackgasse gelandet.

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Egal welchen Spaziergänger oder Jogger wir anschließend fragen, wo wir lang müssen, wir werden meist in genau die Richtung wieder zurückgeschickt aus der wir gerade kamen.

Es ist ein wahres Labyrinth und statt vernünftigen Schildern auf denen vernünftige Richtungsangaben stehen wie „Sieverstedt diese Richtung“ oder zumindest „Raus aus diesem Scheiß-Wald diese Richtung“ zeigen die Schilder nur verschiedene Symbole wie Schmetterlinge, Eulen oder Frösche, die anscheinend für verschiedene Wanderrouten stehen. Wo diese Routen allerdings hinführen steht nirgends.

Welcher verdammte Waldorf-Pädagoge hatte diese großartige Idee?

Ich bekomme fast schon einen Hass auf die Eulen und Schmetterlinge, die mich schadenfroh von den Wegschildern anzugrinsen scheinen, während ich wieder und wieder aus verschiedenen Richtungen an ihnen vorbeilaufe.

Als ich kurz davor bin Amed vorzuschlagen, dass wir einfach in den Fröruper Bergen schlafen und unser Glück aus ihnen herauszufinden am nächsten Tag noch einmal versuchen sollten, treffen wir auf ein Pärchen mit Hund, das tatsächlich zu wissen scheint, wo wir sind, und, viel wichtiger, wie wir aus diesem Wald herauskommen. Wir schildern ihnen kurz unser Leid und sie fangen an zu schmunzeln.

„Das ist ja witzig. Wir haben letztes Jahr schon einmal eine Pilgerin getroffen, die nach Lübeck wollte und sich in den Fröruper Bergen verlaufen hat. Wir haben sie hier herumirrend gefunden, als es schon begann dunkel zu werden. Sie hatte danach so die Nase voll, dass sie in Tarp den Zug nach Lübeck genommen hat“, erzählt der Mann. Ich kann die Dame sehr gut nachvollziehen.

„Aber keine Sorge, wie zeigen euch den Weg. Ist eigentlich ganz einfach“, sagt er.

Als wir es endlich aus dem Fröruper Labyrinth herausgefunden haben, bekommen wir langsam Hunger. Dann uns fällt auf, dass wir gar nichts wirklich Essbares mithaben, da wir uns eigentlich im nächsten Ort mit Lebensmitteln eindecken wollten.

„Wir könnten einen Pizza bestellen. ‚Einmal zum Jakobswegs, bitte'“, schlägt Amed vor.
Ich müssen beide laut lachen. Mit jedem Schritt allerdings, in dem mir mein Magen weiter in die Kniekehlen sinkt, kommt mir Idee besser vor.

Irgendwann kommen wir zur Schutzhütte in der wir schlafen wollen. Drei Wände, ein Dach, nach vorne offen.

Rundherum Wald und keine Möglichkeit weit und breit, etwas zu Essen zu bekommen.

Wir werden verhungern, denke ich mir.

Als mein Arbeitskollege Volker mich aus Sieverstedt in genau dem Moment anruft, in dem ich gerade überlege, ob man Tannennadeln essen kann und mich fragt, ob Amed und ich nicht zum Grillen vorbeikommen wollen,  schicke ich kurz ein Stoßgebet an alle Götter die mir einfallen.

Ein Wunder!

Auf dem Jakobsweg!

„Ich weiß ja nicht, ob ihr unbedingt in der Hütte im Wald zu schlafen wollt, aber ihr könnt auch hier pennen. Kommt einfach vorbei“, sagt Volker am Telefon.

„Bier hab ich kalt gestellt“, ergänzt er.

 

Halleluja!!

 

 

Jakobsweg Teil 1 – Nordisches Flachland statt spanisches Hochland, oder: Immer diese Pilgeranfänger

Ich bin dann mal weg – im kerkelingschen Sinn. Auf dem Jakobsweg. Nicht durch das spanische Hochland führt mich der Camino allerdings, sondern mitten durch das süddänische und norddeutsche Flachland. 14 Tage und 225 Kilometer von Rødekro/DK bis Lübeck. Hierin unterscheide ich mich von meinem Pilger-Vorbild Hape.

Und das ganze auch noch beruflich. Für die Zeitung, für die ich arbeite, soll ich jeden Tag Reportagen von meiner Pilgertour liefern, über die Leute, die ich auf meinem Weg treffe und über die Orte die ich passiere.

Streng genommen ist jeder Weg, der zur Kathedrale von Santiago de Compostela in Spanien führt, ein Jakobsweg – sogar die A7. Dennoch haben sich über die Jahrhunderte bestimmte Routen gebildet, die von Pilgern aus der ganzen Welt genutzt werden, um ihr Ziel im Herzen Galiciens zu erreichen. Die Via Jutlandica ist der nördlichste deutsche Jakobsweg. Er verbindet historische Pilgerrouten in Dänemark, Schweden und Norwegen mit dem spanischen Camino de Santiago und schlägt so die Brücke zwischen Skandinavien und Santiago de Compostela.

Als ich einen letzten Blick auf meine Route werfe und den Weg, der vor mir liegt, beschleicht mich das leichte Gefühl, dass ich mir mal wieder zu viel aufgehalst habe.

TAG 1 –  Von Rødekro bis Kliplev, 18 Kilometer

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Meine Pilgertour beginnt am Bahnhof von Rødekro.
Ich atme noch einmal tief ein. Die Wanderstiefel sind am Vortag frisch eingefettet worden und versprühen immer noch einen starken Duft von Schuhfett. Der Rucksack wird ein letztes Mal festgezurrt, ich gehe im Kopf noch einmal durch, ob ich wirklich alles von Aspirin bis Zahnpasta dabei habe. Habe ich natürlich nicht.

Fuck.

Ich habe sowohl meine Kulturtasche, als auch meinen Beutel mit Medikamenten und Blasenpflastern in Flensburg vergessen.

Egal, wird schon passen, denke ich mir und laufe los.

Die ersten Schritte auf dem Jakobsweg.

Bis jetzt keine Erleuchtung.

Kommt vielleicht noch.

Es geht zunächst durch den Ortskern von Rødekro, wo sich im 70er-Jahre-Fertigbau-Charme gebaute Häuschen aneinanderreihen und einige vereinzelte Supermärkte und Pizzabäcker abwechseln, bevor mir das erste Zeichen mit dem Wort „Pilgerroute“, signalisiert, von der Hauptstraße herunter auf einen kleinen Waldweg abzubiegen.

Das Rauschen der Autos wird leiser und wird von Zwitschern der Vögel abgelöst.
An der Kirche von Rise treffe ich meinen ersten Pilger-Kollegen. Gänzlich in grüner Wachstracht gekleidet, mit einem großen Schlappgut auf dem Kopf, einem langen Wanderstab in der Hand, einem stattlichen Bierbauch und einem mächtigen, grauen Bart, sieht er aus, als wäre er von einer Alm in Tirol ausgebrochen.

Ich frage ihn wohin er pilgert. „Soweit die Füße tragen. Vielleicht bis Norwegen, mal schauen“, sagt er und zuckt mit den Schultern.

Er erzählt mir, dass er vor kurzem einen Motorradunfall hatte und die ganze Pilgertour trotz mehrerer Schrauben und Metallplatten an seiner Wirbelsäule macht. Ich bin kurz sprachlos. Das ganze Gespräch dauert nur etwa eine Minute, dann gehen der Alm-Öhi und ich in getrennte Richtungen auseinander. Er in Richtung Norden, ich in Richtung Süden.
Binnen weniger Augenblicke ist auch das letzte Haus hinter mir verschwunden und vor mir liegen nur noch weite Felder und Wiesen.

Für die nächsten Stunden ist nichts zu hören, als das Singen der Vögel und das gelegentliche Blöken einer Kuh.

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TAG 2 – Kliplev bis Flensburg, 21 Kilometer

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Ich hatte eigentlich gedacht, dass meine Wanderschuhe genügend eingelaufen seien. Das war ein Trugschluss. Es kann natürlich auch sein, dass ich die falschen Socken gekauft habe. Oder ich habe einfach merkwürdige Füße. Jedenfalls schmerzen diese mittlerweile so sehr, dass ich beim Aufstehen kurz wieder in mein Bett zurückgesunken bin, nachdem ich meine Beine zuvor schwungvoll aus diesem heraus bewegt habe.

In der Herberge in der ich die erste Nacht meiner Pilger-Tour verbracht habe, ist in einem alten Bauernhof mitten im Nirgendwo, außerhalb von Kliplev untergebracht. Ich sitze am Frühstückstisch mit zwei älteren Damen, die mich sorgenvoll angucken, als ich mir mit schmerzverzerrtem Gesicht die Füße reibe. „Neue Schuhe“, erkläre ich ihnen.

„Hast du sie dir zu groß gekauft?“, fragt mich die kleinere der beiden. „Ne, ne. Die passen genau“, antworte ich.

Die beiden ziehen synchron die linke Augenbraue hoch, grinsen und tauschen einen Blick aus der sagt: „Typisch, immer diese Anfänger.“

Wanderschuhe müsse man immer zwei Nummern zu groß kaufen, da die Füße während des Wanders anschwellen, erklären sie mir. Sie müssten es wissen, wie sie mir kurz danach beteuern, denn sie sind sowohl den Camino in Spanien, als auch den gesamten Ochsenweg durch Dänemark gepilgert. „Ich glaube, wir können dir helfen“, sagt die eine, steht auf, kommt mit einer Tasche voller Medikamente wieder und fordert mich auf, ihr meine Füße zu zeigen.

„Müssen wir amputieren?“, frage ich. Die beiden Pilger-Omas lachen. „Blasenpflaster reichen, glaube ich“, sagt die eine, greift in ihre Hausapotheke und holt zwei große Pflaster heraus.

Dann gibt sie mir noch zwei Stücke Watteverband mit und erklärt mir, dass ich die Stücke in den Fersenbereich meiner Socken stopfen soll, bevor ich loswandere.

Ich bedanke mich und tue wie mir geheißen. Die Watte hilft tatsächlich und sorgt für eine gute, zusätzliche Polsterung, sodass ich meinen Weg nach Flensburg fortsetzen kann.

Zumindest am Anfang.

Dann fangen meine Füße wieder an zu brennen.

Die Schmerzen werden mit jedem Schritt schlimmer.

Ich mache eine Pause, ziehe vorsichtig meine Schuhe aus und begutachte meine Füße.

Meine Socken haben sich mittlerweile rot verfärbt.

Ich wickle die blutigen Verbände ab und lege aus Ermangelung an neuem Verbandszeug Tempo-Taschentücher auf die wunden Stellen, bevor ich meine Socken wieder vorsichtig anziehe.

Schritt für Schritt laufe ich weiter und gebe dabei Geräusche von mir, die klingen, als würde ich versuchen, mir eine Ananas in den Arsch zu schieben.

Die Stunden ziehen dahin, während ich das Gefühl habe, mich überhaupt nicht von der Stelle zu bewegen.

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Gerade, als der Gedanke, mich einfach in ein Gebüsch am Straßenrand zu legen und zu sterben immer verlockender wird, sehe ich das Ortseingangsschild Flensburgs vor mir.

Ich schleppe mich die Förde entlang.

Der erste Gang in Flensburg gilt Bens Fischhütte am Flensburger Museumshafen.

Ich sinke erschöpft auf dem alte Bollwerk des Stegs vor der Fischbude nieder, lasse mich vom Wind berieseln, schauen den alten Holzschiffen im Hafen dabei zu, wie sie gemächlich hin und her schaukeln und beiße genüsslich in mein Fischbrötchen.

Besser als Sex.

Als ich aufgegessen habe, führt mich mein zweiter Gang direkt in die nächste Apotheke, wo ich mich mit so vielen Blasenpflastern eindecke, dass sie wahrscheinlich bis Santiago reichen würden.

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In nächsten Teil:

Eine Pizza zum Jakobsweg, bitte, oder: Fear & Loathing in den Fröruper Bergen.

The Star-Spangled Boxershorts, oder: Warum man immer kontrollieren sollte, ob man seinen Schlüssel dabei hat, bevor man die Tür zuzieht.

Flensburg, Sonntag, 6 Uhr morgens.
Irgend etwas zwickt an meiner Nase.

Ich blinzle schlaftrunken und sehe direkt in die Augen meines Hundes Polli, der auf meinem Bauch steht und mich schwanzwedelnd anblickt, während er mir abermals in die Nase beißt.

„Musst du pinkeln?“, frage ich ihn. Er beißt mir noch mal in die Nase.

Ich interpretiere das als „Ja“.

Ohne wirklich die Augen zu öffnen, steige ich aus dem Bett in meine Schlappen, klemme den Hund unter meinen Arm und zieh die Tür hinter mir zu um Polli die Treppen herunter in den Garten zu lassen.

Dann bin ich schlagartig wach.

„Fuck“, denke ich nur, während das Geräusch des einrastenden Türschlosses durch den Hausflur hallt und ich den Türknauf immer noch in der Hand halte.

In meinem Kopf höre ich die weit entfernten Worte meiner Freundin: „Ich hab dir meinen Schlüssel hier hingelegt“, hat sie mir vor einer Viertelstunde auf ihrem Weg zur Arbeit mitgeteilt, was ich zwar im Halbschlaf mitbekommen, aber mental nicht wirklich verarbeitet habe. Meinen eigenen Schlüssel hatte ich Tags zuvor bei der Arbeit vergessen.

„Fuck“, rufe ich, während Polli mich erschrocken anguckt.

Ich blicke erst zu Polli, dann zur Tür und dann an mir runter. Ich habe weder ein Handy dabei noch eine Hose an. Nur eine Boxershorts, die aussieht wie eine Amerikaflagge.

Fuck, fuck, fuck.

Ich gehe im Kopf meine Möglichkeiten durch, wie ich wieder in die Wohnung komme ohne die Tür einzutreten.

a) Zur Arbeit meiner Freundin gehen.

Fällt flach, da ich keine Hundeleine habe und ich Polli nicht durch ganz Flensburg tragen kann. Außerdem habe ich immer noch keine Hose an und sie keinen Schlüssel. Den habe ich. Und der liegt in der Wohnung.

b) Ich könnte einen meiner Kollegen anrufen, damit er mir meinen Schlüssel aus der Schublade meines Schreibtisches holt und vorbeibringt.

Fällt ebenfalls flach, da alle meine Kollegen schlafen, es Sonntag ist und ich alle ihre Nummern in meinem Handy gespeichert habe, das auf meinem Nachtisch liegt.

c) Ich könnte bei einem meiner Nachbarn klingeln um zu fragen, ob ich den Schlüsseldienst anrufen könnte, was allerdings teuer wird.

d) Ich könnte mich einfach auf den Boden setzen und weinen und hoffen, dass sich alles von selbst klärt.

Letzteres scheint mir in diesem Moment am Rationalsten, aber ich beschließe trotzdem zuerst bei meinen Nachbarn zu klingeln.

Es bereitet mir beinahe physische Schmerzen am Sonntagmorgen um kurz nach sechs Uhr morgens bei meinen Nachbarn zu klingeln, von denen ich noch nicht einmal weiß, wie sie mit Vornamen heißen.

Mit zusammengekniffenen Augen drücke ich auf den Klingelknopf der Wohnung unter uns, in der ein junges Pärchen mit ihrem Baby wohnt, während das schrille Geräusch der Klingel durch das ansonsten ruhige Innere der Wohnung dringt.

Meine Nachbarin macht mir im Schlafanzug und mit zerzausten Haaren die Tür auf.

„Tut mir wahnsinnig leid, dass ich euch wecken musste, aber ich hab mich ausgeschlossen als ich mit dem Hund raus wollte und jetzt wollte ich fragen, ob ich von euch aus den Schlüsseldienst anrufen kann“, sage ich.

„Ach Scheiße. Ja klar, kein Problem, der Kleine ist gerade erst eingeschlafen, von daher war ich eh noch wach“, antwortet sie mitleidig lächelnd.

„Ich hoffe, ich hab ihn nicht geweckt“, sage ich und bekomme ein schlechtes Gewissen.

„Nene, wenn er erst einmal schläft, dann schläft er zum Glück auch“, sagt sie und man sieht ihr an, dass sie diese Nacht wahrscheinlich noch nicht allzu viel Schlaf hatte.

Ich höre das leise aber vehemente Schreien aus dem Schlafzimmer im gleichen Augenblick wie sie und sehe wie ihr Wunsch auf etwas Ruhe vor ihren Augen zerbricht. Zerstört von einem Typ in Boxershorts mit einem Hund auf dem Arm.

Sie drückt mir ihr Handy in die Hand und sagt mir, dass ich bis der Schlüsseldienst kommt bei ihr in der Küche warten kann, während sie zurück ins Schlafzimmer geht, um ihr Baby zu beruhigen.

Nach etwa einer Stunde, in der ich versucht habe auf dem unbequemsten Hocker der Welt zu schlafen, einem Möbelstück, das wahrscheinlich in Guantanamo ein ideales Gerät für den Schlafentzug der Gefangenen abgeben würde, klingelt es.

„Warum gehst du nicht an dein scheiß Handy, Mann?“, ist das erste, was der Typ vom Schlüsseldienst zu mir sagt.

„Sorry, war nicht mein Handy, sondern das von der Nachbarin“, sage ich zu ihm, während er mir nach oben zu meiner Wohnungstür folgt. Er guckt sich die Tür kurz an, kramt in seiner Werkzeugkiste, holt ein Stück Plastik heraus, schiebt es auf Höhe des Türknaufs in die Ritze zwischen Tür und Rahmen und die Tür springt mit einem leichten Klacken auf. Der ganze Prozess dauert vielleicht drei Sekunden.

„Vierhunzwansich Euro“, nuschelt er.

„24? Das geht ja voll klar“, sage ich.

„Nene, Sportfreund. 420“, berichtigt er mich.

Ich merke wie mir das Blut kribbelnd in den Kopf schießt und mir wird kurz schwindelig.

„420 Euro? Dein Ernst?“

»Teures Gassigehen, wa?«, lacht er.

Ich gucke ihn einfach nur an und meine Augen scheinen so viel Abscheu auszusprühen, dass er sich verlegen, meinem Blick ausweichend, umdreht und plötzlich krampfhaft so tut, als würde er etwas in seinem Werkzeugkoffer suchen.

Er dreht sich wieder um.

„Jetzt mal unter uns, du darfst keinen Schlüsseldienst holen, lass das privat machen“

„Sorry, aber die professionellen Einbrecher in meinem Freundeskreis sind gerade alle im Urlaub“, sage ich pampig und kann noch nicht ganz glauben, dass mich die Aktion gerade 420 Euro gekostet hat.

Er nickt und blickt mich wieder an.

„Hmm… das war nicht dein Handy, mit dem du angerufen hast, ne?“

Ich schüttle den Kopf.

„Das heißt, wenn mein Chef jetzt darauf anruft, würdest du gar nicht rangehen, ne?“

Ich schüttle abermals mit dem Kopf.

„Dann hast du mich auch nie gesehen. Wir fahren jetzt zum nächsten Bankautomaten, du gibst mit 150 Tacken und die Sache ist gegessen. Deal?“

Ich nicke.

Er nickt ebenfalls.

Wir nicken beide noch einmal und ich folge ihm zu seinem Auto. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass er das schon die ganze Zeit geplant hatte.

Ich weis nicht, ob ich mich freuen soll, dass ich fast 300 Euro spare oder ärgern, weil ich diesem Gauner trotzdem noch 150 Euro geben muss. Meine Gedanken sind so aufgewühlt, dass ich erst im Auto merke, dass ich immer noch keine Hose anhabe.

„Willst du dir nicht noch etwas anziehen?“ fragt er mich und guckt an mir herunter.

Ich werfe ihm einen erneuten bösen Blick zu, der ihm nahe bringen soll, dass er sich gefälligst um seinen eigenen Scheiß kümmern soll.

„Fahr einfach“, sage ich und zeige in Richtung Bank. Mittlerweile füllen sich die Straßen mit Menschen, die zum Einkaufen oder zur Arbeit fahren.

150 Euro. Ich versuche nicht daran zu denken, was ich alles damit hätte machen können und was er jetzt stattdessen damit für seine drei Sekunden Arbeit tut.

Er blickt mich noch einmal an ohne loszufahren und sein Blick sagt „Dir ist klar, dass du gleich auf Boxershorts am Bankautomaten stehen musst“, aber in diesem Augenblick wäre es mir auch egal, wenn ich nackt über den Supermarktparkplatz ins Foyer der Sparkasse spazieren müsste.

„Fahr einfach“, sage ich noch mal und kontrolliere ob ich meinen Schlüssel auch dabei habe.

Die Jungs aus der Altbau-WG: AnnenMayKantereit, Live in Flensburg

Flensburg – Donnerstag, 7. April 2016

Donnerstagabend, 20.30 Uhr. Vier schlaksige Jungs mit wuseligen Haaren betreten die Bühne des ausverkauften Max unter tosendem Applaus. AnnenMayKantereit heißen sie. AnnenMayKantereit, das sind Sänger Henning May, Gitarrist Christopher Annen, Schlagzeuger Severin Kantereit und Bassist Malte Huck. Letzterer stieß leider zu spät dazu, um im Bandnamen aufzutauchen.
Als der schüchtern zu Boden oder in die Luft guckende Frontmann nach den ersten Takten anfängt zu singen, merkt, wer die Band noch nicht kennt: da steckt mehr dahinter, als die Optik zunächst vermuten lässt. Mit markanter Reibeisenstimme über eingängigen Indie-Folk-Pop-Rhythmen, gräbt die Band von Beginn des Konzertes an tief in der Herzschmerz-Schublade. Gefühlvolle Balladen im Stil von Element of Crime oder Rio Reiser wechseln sich ab mit tanzbaren Pop-Songs der Marke Mumford & Sons.
Die Kölner spielten bereits in ausverkauften Hallen bevor sie überhaupt ein richtiges Album auf dem Markt hatten, zählt man das eigenproduzierte Debüt nicht mit, das mittlerweile nur noch zu Sammlerpreisen bei Ebay erhältlich ist.
Ihr erstes professionell aufgenommenes Album »Alles nix konkretes« katapultierte die Band auf Anhieb auf Platz 1 der deutschen Charts. Und obwohl das Album erst Ende März erschien, wurden sämtliche Texte auch in Flensburg lautstark und textsicher mitgesungen.
Die pseudo-lyrischen Ergüsse einiger deutschsprachiger Kolleginnen und Kollegen findet man bei ihren Songs nicht. Statt inhaltsloser Wort-Geschwülste sind die Texte schnörkellos, fast schon schlicht, spielen nicht in irgendwelchen Traumwelten sondern in Altbau-WGs und auf der Straße, sind ehrlich und authentisch. Und das mögen die Fans. AnnenMayKantereit spielen Lieder für ihre Zielgruppe, die sich, mit einigen Ausnahmen, alters- und gesellschaftsmäßig irgendwo zwischen dem Abitur und dem vierten Semester des Lehramtsstudiums befindet. Wer sich dort wiederfindet, oder vor nicht allzu langer Zeit in dieser Gruppe zuhause fühlte, erkennt bekannte Situationen, geteilten Schmerz, in den Liedern, die May mit tiefer Stimme von der Bühne ins Publikum singt, mal am Klavier, mal stehend, die Arme am Körper herunterbaumelnd, als wüsste er nicht so wirklich wohin damit.
Er singt von Liebe und Freundschaft, nicht von Liebe à la Pretty Woman, eher von der Jugendliebe von nebenan.
So ist am Ende auch das Konzert eine bodenständige Wohlfühl-Show, ohne Rockstar-Einlagen auf der Bühne und verschwitzte Tanz-Mobs im Publikum. Stattdessen stehen vier Mittzwanziger mit Schlabber-Shirts und Turnschuhen vor einer Menge Indie-Mädchen mit Blumenstirnbändern, die sie anhimmeln, Typen an der Bar, die sich nicht anmerken lassen wollen, wie geil sie die Musik in Wahrheit finden und einigen Pärchen, die sich verliebt in den dunkleren Ecken der Disko in den Armen liegen.
Aber das ist ja auch ok.

Der Ruf der Aale bei Facebook

(Old School in gedruckter Form erschien der Artikel am Sonnabend, dem 9. März 2016 in der Flensborg Avis)

Ich, der Tanz-Nazi, oder: Eskalation, Exzess und Extravaganz einer kubanischen Weihnacht (Kuba – Teil 3)

Die folgenden Ereignisse spielen 24 Stunden nach dem letzten Blogeintrag 

24. Dezember, Remedios/Kuba

„Ach, Weihnachten ist schon schön. Die Ruhe, die Muße und Behaglichkeit. Nicht wahr, Kuba?“, frage ich die Karibikinsel.

„Fuck You!“, sagt Kuba und schmeißt mir seinen gesammelten Wahnsinn um die Ohren.

Ich blute an meinem linken Bein, meine Lunge brennt und es manifestieren sich zwei Fragen in meinem Kopf:

  1. Wo bin ich hier gelandet?
    Und
  2. Wie komme ich hier wieder raus?

Was ich damit sagen will, ist, dass Weihnachten da wo ich gerade bin nicht aus trautem Beisammensein und kitschigen Weihnachtsgedichten besteht, sondern weitestgehend in drei Phasen zu unterteilen ist: Rum, Weltuntergang, mehr Rum.

Doch gehen wir etwas zurück:

Es ist Heiligabend, ich sitze auf der mit rosa Blümchen bestickten und mit Rüschen verzierten Tagesdecke meines Bettes und habe Fieber. Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Schwindel, das ganze Programm.

„Es ist Weihnachten, reiß dich zusammen, verdammt!“, versuche ich mir einzureden. Außerdem bin ich in zehn Minuten verabredet.

Ich schmeiße also alle Pillen, Kapseln  und Tinkturen ein, die mir aus meiner Kulturtasche entgegen fallen, verzichte auf die Zäpfchen und spüle alles mit einem Schluck Rum herunter. Santa Claus, ich bin bereit, denke ich, wuchte mich aus dem Bett und mache mich auf den Weg.

Ich treffe mich mit drei Briten, Andy, Debs und Sophie vor dem Hotel Santa Clara Libre. Ich habe die drei heute morgen vor dem Ticketschalter des lokalen Busbahnhofs getroffen, da sie wie ich keine Busticket mehr aus der Stadt bekommen haben. Das allerdings ist ein Problem, das ich nach hinten verschoben habe. Zuerst ging es mir darum, irgendwie nach Remedios zu kommen, einer Kleinstadt, die sich einmal im Jahr in das Epizentrum vorweihnachtlichen Irrsinns und Chaos verwandelt. So wurde mir zumindest gesagt.

Las Parrandas de Remedios heißt das Spektakel, von dem ich zwar schon von einigen Seiten etwas gehört habe, zuletzt von einer Gruppe betrunkener kubanischer Baseballfans in Havanna, unter dem ich mir aber nicht wirklich etwas vorstellen kann.

Wieder einmal wurde ich über die genauen Einzelheiten im Unklaren gelassen, was der Vehemenz der Überredungskunst es mir nichtsdestotrotz auf keinen Fall entgehen lassen zu dürfen, allerdings keinen Abklang tat.

„You HAVE to go to Remedios! You HAVE to!

„Ok, why?“

„It’s crazy!“

„Cool. Crazy sounds good. How crazy?“

„Really fucking crazy, man“

Das war es dann meistens auch schon an Infos.

„Weißt du, was uns da erwartet?“, frage ich Andy, als ich mich hinter ihm auf die Rückback unseres Taxis schmeiße.

„Ne, hab nur gehört, dass es ganz schön crazy werden soll“

„Hab ich auch gehört. Mal schauen, was passiert. Wenn es scheiße ist, können wir ja wieder abhauen“

Da es nachts keine Busse zurück nach Santa Clara gibt, sämtliche Betten in Remedios belegt zu sein scheinen und die Chancen auf ein Taxi zurück wahrscheinlich bei Null liegen, blieb uns nichts anderes übrig, als ein Taxi für den gesamten Abend zu buchen. Für zwanzig Euro pro Person haben wir also einen persönlichen Chauffeur bis zwei Uhr morgens.

Ich lehne mich zurück und warte, dass die Schmerzmittel ihren Dienst antreten. Die Fahrt dauert etwa 40 Minuten und ich bin schnell eingedöst.

Als ich die Augen wieder öffne, höre ich schon von Weitem das dumpfe Dröhnen von Musik und ein monotones Brummen wie aus einem Bienenstock, das von hunderten, wenn nicht Tausenden Menschen zu kommen scheint.

Wir verabreden mit dem Taxifahrer, wo er auf uns wartet und ziehen los. Remedios wirkt eher wie ein Dorf als eine Stadt. Ein ganz schön volles Dorf.

Über einigen Feuern drehen ganze Schweine, aus großen Lautsprechern schallt Musik über den Marktplatz im Zentrum der Stadt hinein in die Gassen, Straßenverkäufer verkaufen selbstgebastelte Papierrosen und an den Theken der kleinen Bars am Straßenrand herrscht Hochkonjunktur.

Wir gehen einmal über den mit tanzenden und trinkenden Menschen gefüllten Platz um uns einen Überblick zu verschaffen und steuern in die erstbeste Bar, um uns einen Drink zu bestellen und es ihnen gleichzutun.

„Vier Cuba Libre und einen Mojito“, sage ich zu dem Barkeeper, der so alt aussieht, dass er wahrscheinlich José Martí noch persönlich gekannt hat.

Stress jedenfalls scheint er trotz der riesigen Menschentraube um seinen Tresen herum nicht zu kennen. Jedes Pfefferminzblatt pflückt er einzeln vom Strauch, begutachtet es kurz und führt es anschließend mit der Geschwindigkeit eines dementen Faultiers in Richtung Glas. Genauso fährt er auch mit den Eiswürfeln fort.

Normalerweise beneide ich diese Art von Perfektionismus, aber jetzt, in diesem Augenblick, will ich einfach nur meinen Mojito.

Wieso musste ich ausgerechnet an den langsamsten Barkeeper der Welt gelangen?

„Wenn du noch langsamer bist, ist der Eiswürfel geschmolzen, bevor es im Glas ist“, will ich ihm sagen, lächle ihn aber stattdessen weiter möglichst unbeeindruckt an. Die Zeitrechnung in Kuba ist einfach eine andere. Eine der ersten Lektionen, die man als ökonomisch orientierter Europäer zwangsläufig lernen muss. Zeit ist Geld? Nicht in Kuba, Amigo!

Als Deutscher, der schon von Geburt an mit der Stempeluhr seine Milch bekommt, ist diese Erfahrung doppelt hart.

Erst wer einmal in Kuba einen Behördengang erledigen musste, weiß, was es heißt zu warten.

Nach einer gefühlten Ewigkeit sind wir alle mit alkoholischen Getränken bestückt und bereit für den Abend.

Innerhalb von einer Minute sind die Drinks leer.

Wir blicken uns kurz an, gehen zum nächsten Kiosk und kaufen eine Flasche Rum und einen Karton mit Bier.

Wir stehen im Kreis auf dem Marktplatz und kommen schnell mit anderen Leuten ins Gespräch, reden und lachen, trinken Rum und beschließen, ab sofort immer auf diese Weise Weihnachten zu feiern.

Plötzlich geht das Licht aus und Männer mit Fackeln bahnen sich ihren Weg durch die Menschenmenge.

„Cool, ich glaube gleich fängt das Feuerwe…“, sagt Andy. Der Rest des Satzes geht in einem ohrenbetäubenden Knall, unter dem hunderte Raketen in den Nachthimmel schießen.

Der schwarze Firmament erleuchtet plötzlich in allen erdenklichen Farben.

Zwar nicht so crazy, wie angepriesen, aber doch sehr bunt und schön anzusehen, denke ich mir.

Dann werde ich kurz stutzig.

Kommen die Raketen etwa näher?

Meine Frage beantwortet sich von selbst, als drei Sekunden später eine der Raketen in einem Funkenregen einige Meter neben mir einschlägt.

Dann bricht das Chaos los. Die Raketen, die gerade noch einige hundert Meter über unseren Köpfen für ein Farbenspiel in der Nacht gesorgt haben, erlöschen nicht etwa, sondern machen, am Zenith angekommen, eine Kehrtwende und kommen mit rasender Geschwindigkeit, glühend und einen langen Feuerschweif hinter sich herziehend zurück zur Erde geschossen.

Mitten in die Menschenmenge.

Innerhalb von einer Sekunde habe ich jeden einzelnen aus der Gruppe verloren. Um mich herum schreiende Menschen, die panisch lachend in alle möglichen Richtungen rennen. Der gesamte Platz ist eingehüllt in eine einzige große Rauchwolke. Der Geruch von verbranntem Schwarzpulver verschlägt mir den Atem, währen ich nichts anderes höre, als die Explosionen von hunderten und aberhunderten von Böllern und anderen Feuerwerkskörpern. Dazwischen spielt eine Blaskapelle.

Wenn „Der Soldat James Ryan“ von Monty Python gedreht worden wäre, würde der Film ungefähr so aussehen wie das, was sich gerade vor meinen Augen abspielt.

Es ist wie der zweite Weltkrieg mit Trompeten

Ich renne, mein Shirt über das Gesicht gezogen, die Augen zu Schlitzen zusammengepresst und die Arme über dem Kopf zusammengeschlagen, sinnlos durch die Gegend, versuchend den Raketen auszuweichen, die als Querschläger waagerecht durch die Menge zischen oder glühend  und funkenschlagend senkrecht von oben kommen.

Eine Rakete trifft mich am Bein und hinterlässt einen schwarzen, brennenden Striemen, ich versuche auszuweichen und schlage mir das Knie an einer Mauer auf.

Mein Bein brennt wie Feuer, während ich versuche, nicht noch mehr Brandwunden abzubekommen. Das abgefahrenste ist: irgendwie finde ich es ziemlich geil. Ich befinde mich in einem permanenten Adrenalinrausch, der mir zusammen mit dem Alkohol im Blut das Gefühl gibt unsterblich zu sein.

Zwischendurch gibt es zwar einige kurze Verschnaufpausen, aber bevor man zur Ruhe kommt, oder gar seine Freunde wiedergefunden hat, beginnt der Wahnsinn an einer anderen Ecke des Marktplatzes von neuem.

Fast zwei Stunden geht das Spektakel. Immer wieder geht es von vorne los. Gelegentlich renne ich in Andy, Debs oder einen der anderen, wir gucken uns mit weit aufgerissenen Augen an, lachen und müssen direkt wieder in Deckung gehen, um nicht in Flammen aufzugehen.

Dann ist es vorbei.

Der Boden ist übersät mit den verkohlten, qualmenden Überresten abertausender Raketen.

Mein Adrenalinspiegel ist immer noch am Anschlag. Es dauert noch einige Minuten, bis mein Puls wieder sinkt.

Aus den Boxen ertönt immer noch Musik, die man während des Feuerwerks nicht hören konnte und die Menschen beginnen sofort wieder zu tanzen, als wäre nichts gewesen.

„Lenni, hier drüben“, ruft Andy mir aus einiger Entfernung zu. Ich schiebe mich durch den wogenden Tanz-Mob auf Andy zu und sehe, das auch Debs und Sophie bei ihm sind. Zusammen mit einer Gruppe Kubaner. Studenten, die, wie wir, zum Feiern nach Remedios gekommen sind.

Mittlerweile wurden in einigen der Straßen kleine Bühnen aufgebaut auf denen DJs auflegen und die Party hat sich schnell vom Marktplatz in die Seitengassen verlagert.

Wir lassen die Rumflasche kreisen, trinken eisgekühltes Bier und genießen die Musik und die laue Weihnachts-Luft.

Eins der Mädels aus der Gruppe tanzt auf mich zu, lächelt mich an und beginnt sich im Takt der Musik an mir zu reiben und ihren leicht bekleideten Körper an meinem rauf und runter zu bewegen, bevor sie sich umdreht, ihren Po in meine Weichteile schmiegt und anfängt ihn zu rotieren.

„Sorry, aber ich hab eine Freundin“, versuche ich ihr über die laute Musik hinweg mitzuteilen, bevor irgendwelche Missverständnisse entstehen.

„Alles klar, kein Problem“, ruft sie, dreht sich um und lässt ihren Arsch weiter in meinem Schritt kreisen.

Ich bin verwirrt. Was mache ich denn jetzt?

„Ich hab ’ne Freundin“, sage ich noch einmal etwas lauter. Vielleicht hat sie mich einfach nicht verstanden.

„Cool“, schreit sie mir über das Dröhnen des Basses ins Ohr und setzt ihren Twerking-Marathon unbeirrt fort.

Verdammt… was mache ich denn jetzt?

„Ich geh‘ kurz was zu trinken holen“, sage ich und schiebe ihren kreisenden Hintern in den Schritt des Typen neben mir, der mich kurz komisch anguckt und anschließend die Show unterhalb seines Bauchnabels genießt.

Ich drehe mich um und komme nicht einmal dazu einen Schritt zu machen, bevor ich vor der nächsten reizenden Latina stehe, die mich kurz anlächelt, sich umdreht und mit ihrem Gesäß an meinen Weichteilen andockt, während mich ihre Freundin von der Seite antanzt.

Was zur Hölle ist hier los?, denke ich und hoffe, dass meine Freundin nicht in diesem Moment den grandiosen Einfall hat mich anzurufen, um mir frohe Weihnachten zu wünschen.

„Sorry Schatz, ich kann grad nicht. Es reiben sich zwei heiße Latinas an mir“

„Ach so, alles klar. Dann rufe ich später noch mal an“

Was für viele wahrscheinlich ein einziger feuchter Traum wäre, ist für mich gerade ein Albtraum.
Wäre ich ein wohlerzogener Katholik, müsste ich mich in die Ecke setzen und weinen.

Es ist dabei nicht die Freizügigkeit, mit der die Menschen um mich herum ihre Astralkörper bewegen und gegeneinander reiben, sondern die damit verbundene Aufforderung es ihnen gleich zu tun.

Und genau da liegt der Haken, denn:

Tanzen allgemein ist einfach nicht so meins.

Es ist nicht so, dass ich es nicht kann, ich mag es einfach nicht. Außerdem kann ich es nicht.

Selbst beim Tanzkurs hat grundsätzlich meine Tanzpartnerin geführt. (Danke liebe Juditha) Und ich hatte kein Problem damit. Nicht, weil mein feministisch geprägtes, weibliches Umfeld mir schon von frühauf ein starkes Frauenbild als allgemein geltende Norm instruiert hat (Danke liebe Thea, Gesine, Anne etc.) und mir veraltete Geschlechterrollen ohnehin ein Dorn im Auge sind, sondern einfach, weil ich schlicht mit der Gesamtsituation überfordert war.

Ich fühle mich an der Bar einfach wesentlich wohler als auf der Tanzfläche.

Streng genommen, bräuchte ich noch nicht mal aufstehen, um zu tanzen. Im Sitzen im Takt zu wippen reicht mir vollkommen. Wenn ich richtig gut drauf bin, nicke ich dazu vielleicht noch mit dem Kopf oder trommle auf dem Tisch und wenn ich mich vor musikalischer Euphorie fast nicht mehr halten kann, kommt manchmal noch einer der Füße dazu.

Verdammt, ich bin Ostfriese. Alles, was über schunkeln hinausgeht, ist für mich Ausdruckstanz.

Hier und jetzt allerdings, bin ich gerade weit, weit weg von meinem norddeutschen Zuhause.

Hier bin ich der komische Außenseiter, der aus der Masse heraussticht wie Olivia Jones auf dem NPD-Parteitag.

Die Leute um mich herum nicken mir auffordernd zu, einer drückt mir einen Cuba Libre in die Hand.

Ich mache einige unbeholfene Tanzschritte, von denen mein mittlerweile schon leicht benebeltes Gedächtnis mir versucht einzureden, dass ich diese mal als Salsaschritte in der Tanzschule gelernt habe. Ich fühle mich  direkt wie einer dieser Mitt-Fünfziger in Kakihosen und weißen Tennissocken, der von seiner Tochter zum Abiball mitgenommen worden ist und sich plötzlich noch einmal wie 18 fühlt, während jeder Bewegungs-Ästet um ihn herum wahrscheinlich hin- und hergerissen ist zwischen dem Wunsch beschämt wegzugucken und dem Verlangen das Schauspiel mit dem Handy zu filmen.

 

Dabei bin ich gar nicht schuld. Die anderen sind es.

Wahrscheinlich haben Latinos und -nas irgendein verstecktes Rhythmus-Chromosom, das im niederdeutschen Genpool verloren gegangen ist. Jedenfalls sind klare Unterschiede hinsichtlich tänzerischer, was sage ich, gesamt-motorischer Fähigkeiten nicht zu verleugnen.

Jetzt ist es raus. Ich bin ein Tanz-Nazi…

Meine Anatomie ist einfach nicht für rhythmische Bewegung konzipiert. Wenn ich tanze, sehe ich aus wie eine dieser aufblasbaren, amerikanischen Werbefiguren, die „Whacky Waving Inflatable Arm Flailing Tube Men“.

 

„Was ist los mit dir, Mann? Du wirkst so verkrampft“, sagt Luca, einer der Studenten aus der Gruppe.

Er tanzt so exzessiv mit der Frau in seinem Arm, dass ich mir mittlerweile vorstellen kann, dass an Boris Beckers Flugsamen-Theorie doch etwas dran sein könnte.

Ich versuche ihm zu erklären, dass ich a) noch zu nüchtern bin, b) auch betrunken kein guter Tänzer bin und c) anscheinend zu prüde für das kubanische Nachleben bin.

„Außerdem hab ich ’ne Freundin“

„Hab ich auch“

„Und die findet das ok, dass du so mit diesem Mädel abgehst?“, frage ich ihn.

„Klar, das ist meine Schwester“, lacht Luca.

Seine Schwester… Für die Dance-Moves, die er mit seiner Schwester abzieht, würde er bei uns in den Knast wandern und in Bayern geteert, gefedert und rückwärts auf einen Esel gebunden aus dem Dorf getrieben werden.

„Mit Verwandtschaft ersten Grades würde man bei uns so nicht tanzen, Dude“, sage ich ihm.

Mit Verwandtschaft zweiten Grades vielleicht, allerdings nur auf dem Land.

Aber da darf man ja sowieso nicht so wählerisch sein….

„Amigo, das ist einfach bloß Tanzen“, sagt er zu mir und schubst mir seine Schwester in die Arme, die mich sofort packt und herumwirbelt.

Ich weiß nicht, ob es Lucas kleine Ansprache oder das letzte Glas Rum den Auslöser gegeben hat, aber ich beschließe mit einem mentalen „Fuck it“ meinen inneren Ostfriesen zu ignorieren und mich stattdessen dem Moment rhythmisch hinzugeben.

Ich kann mich sowieso nicht wehren.

Außerdem sehe ich diese ganzen Menschen höchstwahrscheinlich nie im Leben wieder.

Ich stelle mich mitten in den tanzenden Pulk und versuche mir möglichst viele Dance-Moves von Luca und den anderen kubanischen Jungs abzugucken, die Tanzen, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Haben sie wahrscheinlich auch nicht.

Ich ähnele tanztechnisch immer noch mehr Ricky Gervais als Ricky Martin, aber ehrlich gesagt, ist mir das mittlerweile scheißegal.

 

Ich werde lockerer, beweg mich, ohne wirklich nachzudenken und schütte immer mehr Rum in mich hinein, um meinem Hirn nicht die leiseste Chance zu geben so etwas wie Schamgefühl zu generieren.

Jeder tanzt mit jedem, ich drehe mich im Kreis, werde durch die Gegend gewirbelt und wirble wiederum Andere. Die Rumflaschen kreisen und die panische Ekstase von vorhin ist einem angenehmen Rausch gewichen. Ich liege Leuten in den Armen, die ich einige Minuten vorher noch nicht kannte und einige Minuten später schon wieder für immer aus den Augen verliere.

Nach einigen Stunden bin ich wie in Trance. Mein verschwitztes Hemd klebt an meinem Körper, der müde Punkt ist schon längst überwunden und die Erschöpfung ist einem prickelnden Gefühl der Euphorie gewichen.

Ich bin in der Karibik, es ist Weihnachten und ich tanze Salsa zu Son und Raggaeton so gut es eben geht, denke ich mir und blicke um mich herum in die Gesichter der Menschen, die ausgelassen lachen, tanzen, lieben und ich beginne zu verstehen, was Cuba Libre wirklich bedeutet.

„Wir müssen los“, reißt mich Andys Stimme plötzlich aus meinem karibischen Traum.

Ich blicke auf die Uhr. Es ist tatsächlich schon zwei Uhr.

„Ernsthaft?“, frage ich entgeistert.

„Ne, ich hab dem Taxifahrer gerade 20 Dollar gegeben, damit wir noch ein paar Stunden hierbleiben können“, lacht Andy und drückt mir ein Bier in die Hand.

Wir stoßen lachend an und tanzen weiter durch die Nacht.

Irgendwann donnert es.

Schon wieder Feuerwerk?

Als mich Sekunden später die ersten Regentropfen treffen und sich weitere Sekunden später ein Wolkenbruch sondergleichen über uns ergießt, erkenne ich meinen Irrtum.

Abermals Chaos auf den Straßen von Remedios. Die meisten Leute flüchten unter die schmalen Vordächer der Häuser, während einige Unerschütterliche einfach weiter tanzen.

Ich sehe unser Taxi am Straßenrand an der Ecke stehen und renne darauf zu, um vor dem strömenden Regen Zuflucht zu suchen.

Sophie hatte wahrscheinlich die gleiche Idee, denn sie rennt aus einer anderen Richtung auf das Taxi zu.

Wir springen hinein und schlagen die Türen hinter uns zu.

„Wir warten einfach kurz den Schauer ab und gehen dann wieder raus und tanzen weiter“, sage ich und schlafe im gleichen Moment ein.

Als ich aufwache sind wir wieder in Santa Clara. Andy, Debs und Sophie sitzen ebenfalls im Taxi und gucken ähnlich verwirrt aus der Wäsche wie ich.

Debs und Sophie wollen sich morgen ein Taxi mit mir nach Trinidad teilen, Andy fährt in die andere Richtung und will noch eine Woche im Norden der Insel am Strand chillen, bevor er wieder nach England fliegt, wir verabschieden uns also voneinander, tauschen unsere Facebook-Daten aus und torkeln in unterschiedliche Richtungen davon.

Meine innere Uhr ist noch auf Party-Modus, während mein Körper schon auf Kater-Modus umgeschaltet hat.

Ich stolpere durch die schmalen Gässchen Santa Claras in die grobe Richtung, in der ich mein Casa vermute und finde es tatsächlich, nachdem ich wahrscheinlich schon mindestens zweimal im Kreis gelaufen bin.

Ich versuche zum dritten Mal das Schlüsselloch zu treffen, gucke mit einem weit aufgerissenen und einem zugekniffenen Auge auf meine Uhr und versuche den tanzenden Zahlen darauf einen Sinn zu entlocken.

Sechs Uhr… in zwei Stunden muss ich beim Taxi sein und in einer gibt es Frühstück.

Kopfschmerzen machen sich in meinem Schädel breit. So werde ich den Tag nie überleben.

Wo zum Teufel habe ich vorhin meine Schmerztabletten hingepackt?

Mir fällt ein, dass ich die letzten genommen habe, bevor ich losgefahren bin.

Verdammt…

Mein Blick fällt auf die Zäpfchen, die einsam und allein auf meinem Bett liegen und mich höhnisch anblicken.

Na dann… Merry Christmas.

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Wer die Vergangenheit vergisst, ist verurteilt, sie zu wiederholen, oder: Warum niemals wieder weggeschaut werden darf

Auschwitz, Polen, 13. März

„Those who do not remember the past are condemned to repeat it – Wer die Vergangenheit vergisst, ist verurteilt, sie zu wiederholen“
Als ich heute dieses Zitat von George Santayana in einer Baracke im Konzentrationslager Auschwitz las, wurde mir abermals verdeutlicht, wie real, wie akut und wie gefährlich die aktuellen Entwicklungen in Deutschland und Europa wirklich sind. Und nein, das ist nicht weit hergeholt und ja, das kann man vergleichen. Führt man sich vor Augen wie vor 80 Jahren alles begann, ist es, als bekäme man einen Spiegel vor das gehalten, was zurzeit beinahe täglich in Clausnitz, in Heidenau, in Dresden und in hundert anderen Orten passiert.

Wenn Menschen sich zu Tausenden versammeln, um ihrem Hass durch menschenverachtende Parolen Ausdruck zu verleihen, wenn Politiker und andere Wortführer diesen Hass durch von Nazi-Rhetorik durchtränkten Tiraden so weit schüren, dass ihre Anhänger nicht davor zurückschrecken ihre Mitmenschen aufgrund ihrer Herkunft einzuschüchtern, zu erniedrigen, zu verletzten und ihre Wohnungen anzuzünden, dann, genau dann, haben wir eben verdammt noch mal gar nichts aus der Geschichte gelernt.

Die Eingliederung von zwei Millionen Flüchtlingen in unsere Gesellschaft stellt uns vor Aufgaben eines Ausmaßes, dessen Größenordnung wir uns seit dem Ende des zweiten Weltkrieges nicht mehr gegenübersahen. Der Gedanke allerdings, dass diese Aufgaben statt durch Integration und gegenseitige Annäherung, durch Hass und Gewalt gelöst werden könnten, ist schlicht unbegreiflich. Genauso unbegreiflich wie die Ignoranz mit der sich diese „besorgten Bürger“ einbilden, dass die Aufrechterhaltung ihres kleinbürgerlichen Idylls und ihrer geliebten deutschen Leitkultur, und sei es nur die Illusion davon, wichtiger wäre als die Ausübung elementarer, gesellschaftlicher Werte und Grundprinzipien wie Solidarität, Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft denen gegenüber, die unter unmenschlichen Bedingungen zu uns gekommen sind, um Schutz vor Krieg, Terror und Gewalt zu suchen.

Dass es soweit kommen konnte, ist nicht die alleinige Schuld der Politik, sondern einem gesamtgesellschaftliches Versagen gleichzusetzen durch jeden, der mit rechtem Gedankengut und rechter Gewalt sympathisiert, sie toleriert oder sie ignoriert.

Niemals wieder darf weggeschaut werden. Niemals wieder darf Hass die Oberhand in der Gesellschaft gewinnen.

Niemals wieder dürfen Menschen aufgrund ihrer Religion, Herkunft oder ihrer Hautfarbe in Deutschland, in Europa, in der Welt Angst und Gefahren ausgesetzt werden.

Null Toleranz gegenüber Rassismus. Null Toleranz gegenüber Fremdenfeindlichkeit.

Nein zu Pegida! Nein zur AfD!
Der Ruf der Aale bei Facebook.