Couchsurfing vor der Haustür – Letzter Teil, oder: Vielleicht sehen wir uns in Kampala

Flensburg

Drei Wochen bin ich nun auf meiner Vespa durch die Region nördlich und südlich der deutsch-dänischen Grenze gefahren, habe auf fremden Couches geschlafen und mir die Städte und Dörfer der Gegend aus der Sicht eines Einheimischen angeguckt.

Zeit, etwas von der mir zuteil gewordenen Gastfreundschaft zurückzugeben.

Mein erster Couchsurfer heißt Yuuna und kommt aus Japan, genauer gesagt aus Hiroshima.

Tag 1

Japan, das Land der aufgehenden Sonne.

Ich mag das.

Ich wünschte, Deutschland hätte so einen Namen. Wie der wohl heißen würde?

  • Land der Fliesentische ©
  • Land der Schrebergärten ©
  • Land der schon zehn Minuten vor Öffnung vor Aldi – Steher ©, oder
  • Land der Schilderwälder ©

Na gut, für eine deutsche Marketing-Offensive wäre ich wahrscheinlich eher ungeeignet.

Yuuna kommt schnaufend die Treppe hochgelaufen, einen großen Rucksack auf dem Rücken, einen kleineren vor den Bauch gespannt und ein großes Kamerastativ in der Hand.

Es ist kurz vor acht Uhr morgens, die Nacht hat er auf irgendeiner Raststätte in Dänemark verbracht.

Eine knappe Woche hat er gebraucht, um von Norwegen bis nach Flensburg zu trampen. Hier will er sich ein paar Tage ausruhen, bevor er weiterreist.

„Willst du einen Tee?“, frage ich ihn, nachdem er sein Gepäck im Wohnzimmer neben der Matratze abgelegt hat, die ich für ihn bereitgestellt habe.

„Ja, gerne“, antwortet Yuuna und nickt dabei.

„Oder lieber Kaffee?“

„Ja, gerne. Kaffee ist auch sehr gut“, antwortet Yuuna.

„Also lieber Tee oder Kaffee?“, frage ich.

„Was du trinkst“, sagt Yuuna, immer noch lächelnd und weiterhin mit dem Kopf nickend.

„Ich habe gerade schon einen Kaffee getrunken, ich bin zufrieden, ich brauche keinen mehr. Aber ich kann dir machen, was du möchtest“, sage ich, worauf Yuuna antwortet, dass er dann auch zufrieden sei und ebenfalls nichts zu trinken brauche.

Ich bin bekennender Morgenmuffel, weshalb es für derartig ausufernde Höflichkeiten einfach noch zu früh ist. Außerdem würde das Spielchen wahrscheinlich noch ewig so weiter gehen.

„Ich mache uns jetzt einfach zwei Kaffee, du musst ihn nicht trinken. Aber du kannst“, sage ich, brühe zwei Tassen auf, wovon Yuuna eine dankbar annimmt und wir setzen uns auf unseren Balkon, um etwas zu schnacken, bevor ich zur Arbeit muss.

Der Japaner ist 35 und mit 18 Jahren angefangen zu reisen. Über 80 Ländern hat er bereits besucht. In einigen blieb er mehrere Monate.

Als ich abends von der Arbeit nach Hause komme, essen wir eine Kleinigkeit, hören Musik und setzen uns anschließend wieder auf den Balkon, um den Tag langsam ausklingen zu lassen.

Yuuna ist viel zu bescheiden, um von selbst anzufangen von seinen Abenteuern in aller Welt zu erzählen, doch je weiter der Abend voranschreitet, desto mehr taut er auf und desto mehr Geschichten kommen zutage.

Ob die höchste Aussichtsplattform in Auckland/Neuseeland, den schönsten Strand von Brasilien, den besten Glühwein auf dem Lübecker Weihnachtsmarkt oder das leckerste Essen im Norden Indiens, Yuuna hat ein Gedächtnis wie ein Atlas und zu jedem Winkel der Erde etwas zu erzählen.

Manchmal blickt er nach oben an die Decke um einen Gebirgszug im Himalaya oder eine Route nach Machu Pichu zu beschreiben, als würde er den Weg noch einmal vor seinem geistigen Auge gehen.

Es ist eine Freude ihm zuzuhören und seinen Geschichten zu lauschen, denn ich habe selten einen so passionierten Reisenden getroffen.

Die Länder, die er besucht, sind nicht nur Häkchen auf einer Checkliste.

Es schwingt fast schon so etwas wie Liebe in seinen Worten mit, wenn er von einigen Orten erzählt.

Tag 2

Besuch zu haben hat, abgesehen von der netten Gesellschaft, durchaus noch andere Vorteile. Nicht nur ist meine Wohnung aufgeräumter als sonst, ich entdecke auch jedes Mal etwas Neues in der Stadt.

Denn wenn man mit Fremden durch Flensburg läuft, sieht man seine eigene Stadt oftmals ebenfalls wieder wie beim ersten Mal. Vermeintliche Nichtigkeiten, die durch eine über die Zeit eingesetzte Routine entweder in Vergessenheit geraten, oder einfach noch nie wirklich bewusst wahrgenommen worden sind, fallen einem plötzlich ins Auge, als wären sie nie zuvor da gewesen.

Die Giebel der alten Kaufmannshäuser in der Fußgängerzone beispielsweise. Yuuna ist architekturinteressiert und blickt daher wesentlich öfter nach oben als ich, der ich meist von den Schaufenstern der Geschäfte oder dem Treiben auf der Straße abgelenkt bin. Oder die Hinterhöfe ebendieser Häuser, an denen ich meist vorbei laufe, um möglichst Schnell von A nach B zu kommen.

Must go auf jeder Tour durch die Stadt ist ein Stop bei Bens Fischbude.

Wer kein Fischbrötchen bei Ben gehabt hat, kann nicht wirklich behaupten, in Flensburg gewesen zu sein.

Mit einem Fischbrötchen in der Hand auf den alten Planken des Bollwerks zu sitzen und den Schiffen im sanften Spiel der Wellen zuzusehen. Das ist wie eine Woche Urlaub.

Auch die „Dagmar Aaen“, der alte Haifischkutter des Weltumseglers, Abenteurers und Klimaaktivisten Arved Fuchs liegt vor uns im Hafen.

Ich erzähle Yuuna von ein paar seiner Expeditionen, wie er als erster Mensch den Nordpol ohne Eisbrecher umsegelt ist. Wie er und der Bergsteiger Reinhold Messner als erste zu Fuß die Antarktis durchquert haben und er im gleichen Jahr, ebenfalls zu Fuß, erfolgreich zum Nordpol aufbrach. Oder wie er mit dem Hundeschlitten Grönland durchquert hat und mit einem Faltboot um Kap Horn gepaddelt ist, bevor ich mich wieder voll und ganz meinem Fischbrötchen zuwende.

„Hmm, mein Gott, ist das gut“, sage ich während ich beherzt einen Bissen meines Brötchens nehme.
„Hmm“, sagt auch Yuuma als er ebenfalls in sein Fischbrötchen beißt, „Der ist ja ein richtiger Held“
„Wer, Ben? Auf jeden Fall. Bessere Fischbrötchen gibt es nirgends!“
„Nein, nein. Ich meine den Abenteurer“
„Ach, der. Ja, der auch“, pflichte ich ihm bei.

Wir bleiben noch etwas sitzen und genießen den Blick auf die Förde, bevor uns ein plötzlich einsetzender Schauer zwingt, uns einen Unterschlupf zu suchen.

„Schöne Stadt. Nur ein bisschen mehr Sonne wäre schön“, sagt Yuuna.

„Du klingst schon fast wie ein Einheimischer“, antworte ich.

Aber ich freue mich natürlich, dass es ihm hier gefällt.

Andererseits ist Yuuna ein so positiver Mensch, dass er wahrscheinlich so gut wie allen Orten auf der Welt etwas Positives abgewinnen könnte.

Sogar Kiel.

Tag 3

Drei Nächte übernachtet Yuuna bei uns auf der Gästematratze. In meinen Mittagspausen treffen wir uns zum Essen, Abends setzen wir uns meist an den Hafen, genießen den Sonnenuntergang und reden über die Welt.


Yuuna reist alleine. So ist er unabhängig. Doch gleichzeitig sehnt er sich nach Gesellschaft, weswegen Couchsurfing für ihn ist, Fremde in einer Stadt kennenzulernen, auf die er auf der Straße niemals zugehen würde.
»Ich reise gerne allein, aber vor anderen ist mir das oft peinlich. Ich fühle mich unwohl, wenn ich beispielsweise alleine in einem Restaurant sitze und jemand fragt, wie viele Personen noch kommen und ich sagen muss »Nur ich«“, erzählt er.

„Beim Couchsurfen wird mir dieses Gefühl genommen. Dann bin ich nicht mehr alleine. Manchmal ist es, als ob ich am anderen Ende der Welt plötzlich eine Familie habe. Dann habe ich keine Angst mehr“, sagt er.

Auch wenn ich kein Freund von Vorurteilen bin, im Gegenteil,  gibt es einige, die leider, besonders auf Reisen, immer wieder bedient werden.

Sieht man beispielsweise einen Tourist, der nicht davor zurückschreckt, seine Trecking-Sandalen mit weißen Tennissocken zu kombinieren, kann man mit relativer Sicherheit sagen, das dieses Individuum ein Produkt deutscher Leitkultur ist.

Ähnliches gilt auch für japanische Touristen mit Selfie-Sticks.

Sich vor eine Sehenswürdigkeit im Hintergrund drappieren, Lächeln, Peacezeichen in die Kamera, fertig ist das perfekte Urlaubsselfie.

Selbiges wird im Laufe von zwei Wochen mehrere hundert Male wiederholt.

Nicht so bei Yuuna.

Er schießt zwar ebenfalls Unmengen Bilder von seinen Reisen, er selbst allerdings ist äußerst kamerascheu und auf keinem der Fotos selbst zu sehen.

Als ich ihm sage, dass ich gerne einen Artikel für die Zeitung über ihn schreiben würde, werden seine Augen immer größer.

„Ok? Und wir groß wird der Artikel? Ungefähr so?“, fragt Yuuna, während er mit seinen Händen ein Feld in der ungefähren Größe eine Briefmarke macht.

„Nein, etwas größer“, antwortet ich.

„So?“

Er vergrößert die Fläche seines Finger-Vierecks auf die Größe eines Bierdeckels.

„Nein, etwas größer“

Yuuna schluckt.

„Aber keine Bilder von mir?“

„Nein, nicht, wenn du nicht möchtest“

„Keine Bilder, dann ist alles gut“, sagt er spürbar erleichtert.

Tag 4

Irgendwann ist dann der letzte Morgen angebrochen.

Ich habe nichts als Gegenleistung für die Nächte bei uns erwartet, schon gar nicht bei einem Weltreisenden, der jeden Cent gebrauchen kann.

Doch als ich schlaftrunken zu unserem Esstisch komme, stehen dort liebevoll aufgestellt eine Reihe bunter Origami-Figuren, die Yuuna in der Nacht für uns gefaltet hat.

Alles was er besitzt, trägt er in einem Rucksack mit sich um die Welt. Auch das bunte Papier, aus dem er die kleinen Tiere und Blumen gefaltet hat, hat er mit sich aus Japan bis nach Flensburg getragen.

Ich bin sichtlich gerührt.

Wir frühstücken anschließend zusammen und ich bringe ihn zum Bahnhof, wo er einen Bus nach Hamburg nimmt, um von dort aus nach Istanbul zu fliegen. Anschließend will er von der Türkei durch den Balkan bis nach Österreich trampen, um dann weiter nach Frankreich zu reisen.

Er fragt mich, ob ich in näherer Zukunft ebenfalls eine Reise geplant habe, was ich bejahe.

„Im September geht es nach Ostafrika“, sage ich und erzähle ihm, dass wir noch keinen wirklichen Plan haben, außer, dass unsere Reise in der ugandischen Hauptstadt Kampala startet.

„Super, im September habe ich noch nichts vor. Schreib mir einfach, wann ihr genau fahrt. Vielleicht sehen wir uns dann ja in Kampala“, sagt er, winkt mir noch einmal zu und steigt in den Bus.

Ja, vielleicht sehen wir uns in Kampala.

Verrückter Vogel.

Ich werde ihn vermissen.

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