Couchsurfing vor der Haustür Teil 5, oder: Auf einen Manhattan nach Föhr

Wyk/Föhr

Ich treffe Britta an der Promenade von Wyk auf Föhr. Wir haben uns vor einer Bühne am Strand verabredet, ein paar hundert Meter vom Fähranleger entfernt. Auf dieser sitzen zwei Männer in Matrosenhemden und spielen, mal im Takt, mal aus dem Takt, Matrosenlieder auf Gitarre und Akkordeon, während vor ihnen etwa 200 Touristen mit dem Fuß zur Musik wippen.

Mal im Takt, mal aus dem Takt.

Britta ist Couchsurferin und hat sich bereit erklärt, mir ihre Insel zu zeigen.
Sie blickt auf die beiden Musiker.
„Lass uns schnell hier weg. Ich habe mir gedacht, dass wir erst mal Eisessen gehen“, sagt sie.

Ein Programm ganz nach meinem Geschmack.


Die gebürtige Sylterin hat die letzten sieben Jahre in Kiel gewohnt, bevor es sie im Januar wieder auf die Insel gezogen hat.
„Ich wollte eigentlich nie wieder zurück nach Nordfriesland ziehen und erst recht nicht auf die Insel. Ich habe mich in Kiel ganz anders entwickelt und mir irgendwann gedacht: Nach Nordfriesland? Da kannst du nicht hin zurück“

Doch wie so oft kam alles anders. Und jetzt ist sie hier. Mitten im nordfriesischen Wattenmeer, knapp sieben Kilometer vom Festland entfernt.


„Alles hat seine Zeit, auch Kiel. Und ich wusste, worauf ich mich einlasse , als ich zurück auf die Insel gezogen bin. Ich werde meine Zeit hier auch genießen“, sagt sie.
Ihre Kollegen helfen ihr dabei. Auf ihre ganz eigene Art.

„Sie machen regelmäßig Witze über Sylter, aber damit kann ich umgehen“, lacht Britta. „Die Klischees über Sylt passen schon. Besonders im Sommer, wenn man die Schickeria dabei beobachten kann, wie sie ihre neuen Porsche Cayennes über die Insel ausfahren“, sagt sie.

Föhr ist da ein bisschen anders. Das Klientel beschränkt sich eher auf Familien und ältere Menschen. Statt Party und Luxus suchen die Urlauber hier Ruhe und Erholung.

Beides bekommt man zwangsläufig.
Das merke ich, als wir mit Brittas Auto durch das kleine Dorf Nieblum fahren, in dem Britta wohnt. Wir fahren über Kopfsteinpflaster vorbei an kleinen, reetgedeckten Friesenhäusern.


Ein Hase sitzt im Weg, als Britta versucht auf die Auffahrt zu fahren. Er blickt uns zunächst nur neugierig an, bevor er endlich den Weg freigibt.

Anschließend machen wir einen Spaziergang durch Nieblum.


Zufällig befindet sich im Dorf auch die, nach Brittas Aussage, beste Eisdiele der Insel. Nachdem ich meinen Eisbecher aufgegessen habe, kann ich diese Behauptung unterschreiben.

„Es ist echt Schade. Meine Mutter sagt, das was ich hier jetzt erlebe, auch auf Sylt früher so war. Das Familiäre, Offene und Freundliche. Die Kollegen grillen beispielsweise oft zusammen und helfen sich gegenseitig. Das ist etwas auf Sylt verloren gegangen, weil die Menschen dort alle nur Geld verdienen wollen. Dort zählt nur Status. Wenn es kein Geld bringt, bekommt man auch nichts“, erzählt sie.
Jetzt versucht sich Britta auch außerhalb der Arbeit ein Sozialleben aufzubauen, wobei sie des öfteren an den Eigenarten der Föhrer Inselbevölkerung scheitert.

„Ich glaube, einmal im Leben muss man wegziehen, um etwas neues zu erleben. Um raus aus diesem Dorfleben zu kommen und seinen Horizont zu erweitern. Danach kann man gerne wieder zurück kommen“, sagt sie, woraufhin ich ihr zustimme. Das würde zumindest einigen nicht schaden.

Britta lebt seit Januar auf der Insel. Im Winter hat hier nicht nur das Schwimmbad, sondern auch das Kino und fast alles andere geschlossen.

„Die Menschen von Außerhalb, die ich über meine Arbeit treffe, fragen mich jedes Mal, was ich hier mache. „Hier ist doch nichts, nicht einmal ein Einkaufszentrum“, sagen sie dann meist. Aber ehrlich gesagt, selbst wenn es ein Einkaufszentrum auf der Insel geben würde, würden mich keine zehn Pferde dort reinkriegen.Einfach draußen zu sein an der Natur, das reicht mir eigentlich schon“, sagt Britta. Für Außenstehende ist dies, besonders auf Dauer, schwer nachzuvollziehen.

„Das Problem ist, dass die Menschen etwas brauchen, das sie unterhält. Und hier auf der Insel musst du dich halt selbst unterhalten. Hier musst du dir überlegen, was du machst, wie du den Tag verbringst, wo du hinwillst. Reizüberflutung gibt es hier nicht“, sagt Britta.

Im Sommer sieht dies anders aus. Strand, Surfen, Schwimmen. Es hat einen Grund, warum im Sommer zehntausende Touristen nach Föhr kommen.


Südlicher als Hamburg zu ziehen, wäre für die leidenschaftliche Surferin aus diesem Grund auch nicht drin gewesen. „Da würde mir das Meer fehlen. Das sitzt irgendwie drin, da kann man nichts machen, auch wenn das nicht jeder verstehen kann“, erklärt sie.

Ich kann das verstehen. Nur zu gut.


Nachdem wir bereits das beste Eis der Insel gegessen haben, ist nun das Nationalgetränk von Föhr an der Reihe.

Der Manhattan.

Ich bin etwas verwirrt, als Britta mir davon erzählt. Mit Cola-Korn hätte ich gerechnet. Oder mit Köm und Bier. Aber ein „fancy“ Cocktail wie der Manhattan auf einer Ur-friesischen Insel?

„Das ist einfach erklärt. Der Ursprung ist, dass eine ganze Menge Förer nach Ende des zweiten Weltkriegs nach New York ausgewandert sind und den Cocktail von dort mitgebracht haben“, erzählt Britta.
Mannhattan besteht aus rotem Martini, weißem Martini, Bourbon und einer Cocktailkirsche dazu. Zutaten, die jeder Föhrer jederzeit zu Hause hat. Falls es Besuch gibt oder jemand spontan vorbei kommt.

Ich bin immer noch etwas skeptisch, aber als wir in die „Pinte“ gehe, eine kleine urige Kneipe in der Nähe des Hafens, werden wir bereits mit einem Schild über der Tür begrüßt: „Hier gibt’s Manhattan“.
Ich bestelle zwei und wir setzen uns an einen der Bar-Tische, die aussehen, als hätte der Besitzer sie auf einem der Schiffe im Hafen gestohlen.

„Schmeckt das Zeug denn überhaupt?“, frage ich, während ich das rote Gläschen anschaue, in dem eine giftig-rote Cocktailkirsche schwimmt.


„Naja, man gewöhnt sich dran. Besucher findet es meist abscheulich, aber ich finde es mittlerweile ganz ok“, antwortet Britta.

„Na dann, Prost“
„Prost“

Ich habe schon Schlechteres getrunken.

Lässt sich aushalten auf Föhr.

Im letzten Teil der Couchsurfing-Serie geht es nach Flensburg.

Der Ruf der Aale bei Facebook.

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