Beim Busch-Doktor, oder: Fußkrank durch Uganda

Lake Bonyonyi, Uganda

„Wie geht’s deinem Fuß?“, fragt Cathi mich und blickt besorgt auf meinen angeschwollenen Knöchel, den ich zusammen mit meinem nicht-deformierten Fuß in die Abendsonne halte.

„Geht so“, sage ich und reibe mir theatralisch mit schmerzverzerrtem Gesicht das Bein.

Seit ich in Entebbe in einen Abwasser-Schacht gefallen bin, habe ich Probleme richtig aufzutreten. Das ist einerseits einfach lästig, da es direkt am ersten Tag der Reise passiert ist und auf der anderen Seite sogar ziemlich problematisch, da in den nächsten Tagen ein Track zu den Gorillas im Bwindi Nationalpark geplant ist, den ich unter diesen Umständen nur schwer werde bewerkstelligen können.

Außerdem weiß ich nicht, was passiert, wenn mein Körper plötzlich mitten im Urwald schlapp macht.

Ich könnte mir vorstellen, dass die Fußkranken wie bei den alten Römern einfach zurückgelassen werden. Wenn es bis dahin nicht besser wird,  sehe ich schon ein Dschungel-Grab im Stile von Dian Fossey.

„Hier ruht Lennart. Er überlebte Männergrippe, ausuferndes Studentenleben und gebrochenes Herz. Ein verstauchter Fuß und mangelnde Kondition rafften ihn dahin“

Wie und warum ich in diesen Schacht gefallen bin, ist übrigens eine andere Geschichte, die vielleicht ein andermal erzählt wird.

In diesem Moment jedenfalls hab ich immer noch mit den Folgen zu kämpfen.

Wir sitzen unweit des Ufers des Lake Bunyonyi auf der Terrasse der Edirisa Lodge, in die wir uns für ein paar Tage eingemietet haben, als Andrew um die Ecke kommt, die gute Seele der Lodge, Manager, Hausmeister, Tourguide und Trink-Buddy in einer Person.

„Was geht?“, fragt Andrew, lächelt uns an und setzt sich zu uns.

Sehr gut, ein neues Opfer, dem ich von meinem Leiden vorjammern kann.

Andrew blick betroffen auf meinen geschwollenen Knöchel.

„Ich mache morgen eine Tour zur Insel auf der anderen Seite. Dort gibt es einen Medizinmann, der kann dir vielleicht helfen. Wenn du willst, könnt ihr mitkommen, wir haben noch Platz“, sagt Andrew und ergänzt, dass auch ein Zwischenstopp in einem Bergdorf eingeplant ist, deren Einwohner ihr eigenes Bier brauen.

Eine eventuelle (pseudo-medizinische) Heilung für meinen lädierten Fuß und selbstgebrautes Bier?

Ich muss nicht lange überlegen und auch Cathi ist angetan, auf diese Weise etwas die Region zu erkunden.

Am nächsten Morgen geht es früh los. Ich blicke noch etwas verschlafen auf den See, trinke den Rest meines Tees, in Milch aufgekochter Schwarztee mit Kardamom, Zimt, Ingwer und viel, viel Zucker und sehe zu, wie die Sonne langsam über den vulkanischen Gipfeln der Inseln vor mir emporsteigt und die Umgebung in silbriges Licht taucht.

Es ist unmöglich zu schätzen, wie viele Liter afrikanischen Tees ich in den letzten Tagen in mich reingekippt habe, aber ich bekomme einfach nicht genug von dem Zeug. Ich fahre prüfend mit der Zunge über meine Zähne, aber noch scheint sich der Zucker nicht bemerkbar zu machen. Ich bestelle also eine weitere Kanne Tee und genieße noch etwas den Ausblick von der in die Bäume gezimmerten Terrasse, auf der ich die meiste Zeit des Tages verbringe, um zu schreiben, mich zu entspannen und um mich am Ausblick über den See zu erfreuen.

Irgendwann taucht am Horizont ein Boot auf. Kurz darauf ein weiteres, die zunächst kurz am Horizont entlangfahren und dann auf uns zusteuern.

Andrew begrüßt die Bootsfahrer von weitem und hilft ihnen beim Anlegen. Er signalisiert Cathi und mir, mit ihm in das vordere der beiden rustikalen, aus einem Eukalyptusstamm geschlagenen Boote einzusteigen, wartet, bis wir uns gesetzt haben und stößt uns mit einem kräftigen Fußtritt vom Ufer ab.

Die Boote haben weder ein Ruder noch einen vernünftigen Kiel, es erfordert also eine Menge Übung und Geschick, um die schweren Baumstämme in die Richtung zu manövrieren, in die man möchte.

Ich bin froh, dass Andrew das Ruder übernimmt, da ich wahrscheinlich das Boot direkt zum Kentern gebracht hätte, oder einfach laufend im Kreis gepaddelt wäre.

„Mzungu Skrewdriver“, werden diese unkontrollierten Drehungen von Touristen wie mir von den Einheimischen genannt.

Das Wort „Mzungu“ kommt aus dem Swahili und bedeutet so viel wie „Weiße Haut“, ein Kosename, an den wir uns die letzten Wochen gewöhnen mussten.

Die Überfahrt zur Insel dauert etwa zehn Minuten. Unterwegs kommen uns andere, ähnlich rustikale Boote entgegen. Frauen, die alleine die zur Gänze mit Reissäcken, Gemüse oder Reisigbündeln gefüllten Einbäume über den See paddeln, Kinder in bunten Uniformen, die zur Schule gebracht werden und junge Männer auf dem Weg zur Arbeit kreuzen unseren Weg.

Wir kommen zügig voran, wenn auch nicht zwingend durch Cathis und meine Mithilfe. Links und rechts von uns ziehen sich grüne Hügel über den Horizont.

29 Inseln gibt es im See, die meisten unbewohnt. Die Landschaftsformen, die sich vor uns erstrecken sind dabei einem bestimmten Umstand geschuldet. Da von den Vulkanen, die jetzt die Inseln bilden, wesentlich mehr Regen abläuft, als über die kleinen Flüsse ins Landesinnere ablaufen können, sind die Täler über die letzten Zehntausend Jahre nach und nach vollgelaufen und haben so den See erschaffen, über den wir gerade paddeln. Dieser Prozess ist dabei keineswegs abgeschlossen, der Wasserspiegel steigt weiter, und die kleinen Häuser am Ufer werden dem Wasser im Laufe der Jahrhunderte zum Opfer fallen. Das scheint die Menschen, die hier leben allerdings momentan noch nicht zu interessieren.

Als wir anlegen werden wir bereits von winkenden Kindern auf dem Weg zur Schule begrüßt.

Wie ich befürchtet habe, geht es von hieraus bergauf. Über ausgetretene Trampelpfade laufen wir vorbei an kleinen, strohgedeckten Lehmhütten, vor denen die Menschen Obst und Gemüse, Kräuter und etwas Getreide anbauen.

Früher sei die Region berühmt für ihren Honig gewesen, berichtet Andrew, aber seit auf den Berghängen Eukalyptus für den Bootsbau angebaut wird, da diese wesentlich schneller wachsen als die einheimischen Bäume, ist diese Zeit vorbei.

Die Gifte der Pflanze sorgten dafür, dass die Bienenvölker nach und nach ausstarben.

„Hast du die Trommeln vorhin gehört? Das war das Zeichen für die Kirche. Heute wird hier am See Taufe gefeiert“, erklärt Andrew mir, als wir an einer kleinen Kirche vorbeilaufen. Einige Meter vor der Kirchentür stehen die mit Kuhfell bezogenen Trommeln.

„Das hat wesentlich mehr Style, als unser penetrantes Glockenspiel“, denke ich mir und überlege, wann ich das letze mal in der Kirche war. Könnte meine Konfirmation gewesen sein.

Immer höher geht es über Trampelpfade, durch grüne Wiesen, vorbei an kleinen Hütten, Äckern und ein paar vereinzelten Kühen, Ziegen und Schafen, die uns neugierig hinterherschauen.

Frauen mit Strohkörben auf dem Kopf überholen uns, so leichtfüßig und elegant, dass ich kurz beeindruckt stehenbleibe. Ich habe schon Probleme mit Andrew Schritt zuhalten, ohne, dass ich irgendetwas auf dem Kopf balancieren muss.

„Liegt an meinem kaputten Fuß“, versuche ich mir einzureden.

„Das sind die Geschenke und das Essen für die Taufen“, erklärt Andrew die Körbe.

Dann gelangen wir zum Dorf. Schon von Weitem hören wir Gesang.

„Da scheint ja einiges los zu sein“, sage ich zu Andrew.

„Ich sag ja: Taufe. Es wurden bestimmt zehn Kinder getauft und die ganzen Familien aus dem Umkreis sind gekommen, um zu feiern. Die Leute werden wahrscheinlich ziemlich betrunken sein“, lacht Andrew.

Erst jetzt fallen mir die vielen kleinen Ginflaschen auf, die am Wegesrand liegen.

Wir werden herzlich und überschwänglich von den Einwohnern des Kyabahinga Dorfs aufgenommen, werden umarmt und es dauert nicht lange, bevor wir von einem der Männer, der sich als Sanyo vorstellt, sanft in eins der kleinen Lehmhäuser geschoben werden, um das angepriesene Bier zu verköstigen.

Das Bier der Dorfbewohner wird aus gegorenen Sorghum-Samen hergestellt, die zunächst in Säcken in den See gelegt, dann mit Asche angereichert, eingegraben und mit Bananenblättern zugedeckt werden, bis die Samen anfangen zu keimen. Dann wird das Ganze gemahlen, in Wasser gegeben und abermals für mehrere Woche eingegraben, bis die Samen fermentiert und die Flüssigkeit gegoren ist und das herauskommt, was die Leute hier Bier nennen.

Wir bekommen direkt großen Humpen in die Hand gedrückt, der bis zum Rand mit trüben, etwas dickflüssigen Sorghum-Bier gefüllt ist.

Jeder im Kreis trinkt etwas und gibt anschließend den Becher weiter, das sei so Tradition wird uns erzählt. Früher sei es außerdem Regel gewesen, dass die Frau dafür zu sorgen hatte, dass der Bierhumpen des Mannes immer mit Bier gefüllt war.

Ich verkneife mir die 30 Chauvi-Witze, die mir auf der Seele brennen und lächle Cathi stattdessen nur an, als sie mir den Becher gibt.

Ich bin als letzter dran.

Als „Bier“ kann man das trübe Zeug, das blasenschlagend in dem großen Becher in meiner Hand hin und her schwappt, wahrlich nicht bezeichnen.

In Bayern würde man für dieses Produkt wahrscheinlich auf dem Marktplatz an den Pranger und mit schimligem Hopfen beworfen werden.

Ich nehme einen großen Schluck und hätte ihn am liebsten direkt wieder zurück in die Tasse gespuckt.

Sorghum schmeckt wie eine Mischung aus Cider und vergorener Ziegenmilch und hinterlässt einen pelzigen Beigeschmack auf meiner Zunge.

„Und? Geil, Mann, oder?“ fragt Sanyu mich.

„Mega“, sage ich und versuche währenddessen nicht zu würgen.

„Willst du noch eins? Oder willst du was anderes?“, fragt er.

Er scheint meinen leicht angeekelten Blick richtig zu interpretieren.

Ohne meine Antwort abzuwarten steht Sanyu auf, kommt einige Augenblicke später mit einem Liter-Maß-Krug voll mit Gin-Tonic zurück und drückt mir den Humpen in die Hand.

Ich blicke auf die Uhr.

Kurz vor 10 Uhr.

Und wir haben noch nicht mal die Hälfte des Anstiegs geschafft.

„Boa, Sanyu, wir müssen noch ganz zum Medizinmann. Und ich weiß nicht, ob ich da betrunken sein sollte, nicht, dass er mich verhext oder so“, sage ich, aber Sanyu schüttelt nur lachend den Kopf.

„Das ist auch Medizin“, sagt er und signalisiert mir zu trinken, damit er anschließend ebenfalls einen Schluck aus dem Glas nehmen kann.

Ist tatsächlich gar nicht schlecht.

Für Medizin.

„So, und jetzt gehen wir tanzen“, sagt Sanyu, als wir den Humpen geleert haben.

Draußen ist man schon längst dabei.

Ich weiß nicht, wie viel Prozent Alkohol in der Sorghum-Plörre ist, aber die Stimmung ist so ausgelassen, dass ich davon ausgehe, dass im Laufe der Tauf-Feierlichkeiten schon der ein oder andere Liter davon geflossen ist.

Wir haben allerdings mittlerweile auch einiges verköstigt, was dazu führt, dass wir

A.) direkt gepackt und zum Mittanzen animiert werden und es

B.) auch mit uns machen lassen.

Wir tanzen einige Zeit mit den Einheimischen und hören ihren lauten, schrillen Gesängen zu, während die umherstehenden Männer und Frauen auf Plastikkanistern, Glasflaschen und ihren Schenkeln im Takt trommeln.

Irgendwann signalisiert Andrew uns, dass wir weiter müssen.

Noch weiter.

Noch höher.

In bunte Tücher gehüllte Frauen bearbeiten die Felder neben uns, die meisten von ihnen mit einem Kind auf dem Rücken gebunden, dem die schaukelnden, durch die schwere Feldarbeit verursachten, Bewegungen nichts auszumachen scheinen.

Nur wenige Tage alte Zicklein am Wegesrand rennen panisch zu ihren Müttern, als sie uns sehen.

Ich kann die „Medizin“, die Sanyu mir eingeflößt hat gut in meinem Blutkreislauf merken und konzentriere mich deshalb weniger auf meinen schmerzenden Fuß und vielmehr darauf, mir beim Aufstieg durch die nicht befestigten und mit Geröll übersäten Hänge nicht noch weitere Teile meines Körpers zu verletzen.

Der Schweißfleck, der sich quasi mit Beginn unserer Wanderung auf meinem Rücken gebildet hat, hat sich mittlerweile mit denen verbunden, die sich mit jedem Schritt von meinen Achseln über den Rest meines Shirts ausgeweitet haben. Ich mache wahrscheinlich einen sehr desolaten Eindruck, als wir endlich an der Hütte des Medizinmanns am höchsten Punkt der Insel ankommen.

Wir werden bereits am Gartentor erwartet, das so schief in den Angeln hängt, dass es sich wahrscheinlich gar nicht mehr bewegen lässt.

Als Medizinmann hätte ich mir eigentlich einen in Tierfälle und Federschmuck gehüllten Mann mit Holzmaske und Rasseln ausgemalt, stattdessen steht ein kleiner, hagerer Mann mit gebügeltem Hemd, kurzen Haaren, Stoffhose und schwarzen Lederschuhen vor uns, der sich als Barara Gad vorstellt und uns lächelnd bittet ihm in seinen Garten  zu folgen.

Zuerst erklärt er uns etwas über seine Heilkunst und die Kräuter, die er verwendet. Den Beruf des Medizinmanns hat er von seinem Vater gelernt, und der wiederum von dessen Vater.

Laut eigener Aussage kann er so gut wie alle Krankheiten und Wehwehchen heilen und ist außerdem in der Lage einen, nach eigener Aussage, äußerst wirksamen Liebestrank zu brauen. Ein Tropfen genüge und jeder Mann und jede Frau, sei dem Anwender verfallen. True Story!

Ich blicke zu Cathi herüber, entscheide dann allerdings, dass wir so etwas an diesem Punkt unserer Beziehung noch nicht nötig haben. Ich beschränke mich daher auf meinen Fuß und erkläre Barara Gad von meiner Verletzung.

Er wirft einen Blick auf mein Bein und nickt.

Dann steigt er hinab in seinen Kräutergarten, um die nötigen Pflanzen zu pflücken, während ich mühsam hinterher humple.

Er greift zielsicher in das Beet vor sich, pflückt verschiedene Pflanzen, die ich allesamt als Unkraut abgetan hätte, zerreibt sie in seiner Hand und drückt den klebrigen, grünen Klumpen gegen meinen geschwollenen Knöchel.

„Fertig“, sagt er.

Ich bin noch etwas misstrauisch und leicht enttäuscht. Ich habe zwar keine Teufelsbeschwörung erwartet, aber zumindest singen hätte er bei der Behandlung können. Nur für die Show.

Ich bedanke mich trotzdem höflich beim Medizinmann, gebe ihm etwas Geld und wir beginnen den Abstieg.

Abermals passieren wir zahlreiche Menschen aus dem Dorf und den umliegenden Hütten, die uns freudig Grüßen und entgegen strahlen.

Ich weiß nicht, ob es tatsächlich die Kräuter sind, oder immer noch die Nachwirkungen von Sanyus Gin-Tonic, aber die Schmerzen werden tatsächlich nach einiger Zeit etwas angenehmer. Die Säfte des zerriebenen Grünzeugs, die sich mittlerweile in meinen Socken gesogen haben, strahlen eine angenehme Kühle ab, die sich wohltuend um meinen entzündeten Knöchel legt.

„Habt ihr Hunger?“, fragt Andrew.

Jetzt wo er fragt, bemerke ich plötzlich das Loch in meinem Magen, das gefüllt werden möchte.

Doch wie bisher immer, weiß Andrew auch für dieses Problem Abhilfe.

Hinter dem nächsten Hügel werden wir schon erwartet, Andrew hat unser Kommen bereits angekündigt.

Schon von Weitem können wir weiße Rauchschwaden aus einer Wellblechkammer emporsteigen sehen, die nicht viel größer ist, als ein Dixiklo und unweit einer Hütte kleinen, orangegetünchten Lehmhütte steht, in die wir zum Mittagessen einkehren. Im Innern der Wellblech-Kochnische sitzt Mama Anna, alleinerziehende Mutter von zehn Kindern (daher der Name), und rührt mit einem Kochlöffel in einem großen Topf voller Bohnen, die langsam über einer kleinen Feuerkuhle auf der Erde vor sich hinköcheln. Ein Traum für jeden Bud Spencer-Fan.

Mein Magen drückt mit einem lauten Knurren sein Wohlwollen aus, als der Duft des Bohneneintopfs in meine Nase steigt.

Ich frage, ob ich irgendwie helfen kann, aber Anna winkt lachend ab und signalisiert mit einer Handbewegung, dass wir es uns im Haus bequem machen sollen.

Einige Zeit später trägt einer ihrer Söhne auch schon das Essen herein, bevor auch Anna sich zu uns gesellt.

Das Essen ist fantastisch.

Bohnen, Yam, Kartoffeln und ein Reis-Pamps, dessen Namen ich vergessen habe, dazu etwas Fleisch, alles verfeinert mit Gewürzen von denen ich noch nie gehört habe. Das Essen ist nicht fancy, aber authentisch und, so klischeehaft es klingt, mit Liebe gekocht.

Genau das, was ich nach solch einem Marsch brauche.

Anschließend zeigt Mama Anna uns, womit sie, abgesehen vom Gemüseanbau und den paar Tieren die sie hat, ihre Familie ernährt.

In Handarbeit stellt sie Schmuck, Strohkörbe und allerlei kleineren Dekokram, wie Strohelefanten und Schmuckdöschen her, die sie an die Leute im Dorf und die paar Touristen verlauft, die sich zu ihr verirren.

Sie schnappt sich ein paar buntgefärbte Halme aus Stroh oder Schilf und zeigt uns, mit was für einer Technik sie Armbänder flechtet. Ihre schrumpeligen Finger bewegen sich dabei so schnell, dass ich, im wahrsten Sinne des Wortes, den Faden verliere.

„Und jetzt ihr“, sagt sie, drückt uns ein paar bunte Strohhalme in die Hand, zeigt uns erneut die ersten Schritte, während sie dabei zusieht, wie wir mehr schlecht als recht versuchen es ihr nachzutun.

»Den hierüber… nein, warte, zuerst den andern Halm… und dann den hier? Gehört der jetzt drunter oder drüber?«, geht es mir für eine viertel Stunde durch den Kopf, bevor ich endlich fertig bin.

Anna lacht, als sie das fertige Endprodukt sieht, dass sich in meiner Hand befindet und blickt mich etwas mitleidig aber liebevoll an.

Ein Blick, den ich noch zu gut aus Schulzeiten kenne.

„Er hat sich Mühe gegeben“, stand in diesen Fällen dann meist am Ende des Schuljahrs im Zeugnis.

Anna nimmt mir das Armband ab, löst die letzten fünf Zentimeter, an denen ich versucht habe die beiden Enden zusammenzuführen, wieder auf und flechtet sie erneut.

Das Ergebnis ist ein Armband, das jetzt zu zehn Prozent schön und zu 90 Prozent scheiße aussieht.

Ich blicke etwas gefrustet auf das völlig deformierte Ding an meinem Handgelenk, als wir Anna zum Abschied zuwinken und uns an den Abstieg zurück zum See machen.

„Töööte mich“, scheint mich das missgebildete Ding an meinem Arm anzuflehen, aber ich tue ihm nicht den Gefallen und beschließe stattdessen, das von mir in (fast) liebevoller Handarbeit hergestellte, leicht abstrakte Kunstwerk mit Stolz zu tragen.

`n bietje scheev hett Gott leef, wie wir in Ostfriesland sagen.

Unser schwimmender Baum wartet bereits am Ufer auf uns. Daneben liegen einige Säcke Sorghum-Samen. Für den Nachschub an Alkohol ist also gesorgt. Mir wird kurz schlecht, als ich daran denke.

Der Abstieg ist steinig und voller Geröll und ich muss aufpassen, dass ich mir nicht noch meinen zweiten Fuß vertrete. Die Dorfbewohner müssen diesen Abstieg jeden Tag mehrmals bewältigen, um Wasser vom See zu holen.

Wir passieren eine kleine, unbewohnte Insel in der Mitte des Sees, Prison Island, wie Andrew erzählt.

Hier wurden früher Frauen ausgesetzt, die unverheiratet schwanger wurden und ihrem Schicksal überlassen.

„Einige wurden, wenn sie Glück hatten, von Männern aus dem Dorf gerettet, die sich keine „richtige“ Frau leisten konnten, aber längst nicht alle“, erzählt Andrew trocken.

„Krass. Wie viele Jahrhunderte ist das schon her?“, frage ich Andrew, woraufhin er lacht.

„Keine Jahrhunderte, eine der letzten Frauen, die von der Insel gerettet wurden lebt immer noch im Dorf. Ich hab letzte Woche erst mit ihr geredet“, sagt Andrew und ich blicke etwas beklommen auf die Insel, die sich als schwarze Silhouette vor uns abzeichnet.

Der einzige Baum auf der Insel ist bevölkert von Kormoranen, die wie Aasgeier auf den knorrigen Ästen sitzen. Dunkelgefiederte Boten des Unglücks, das hier einst unzähligen unschuldigen Frauen wieder und wieder widerfahren ist.

Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken.

Ich weiß nicht, ob dieser von der Geschichte dieser kleinen Insel, oder vom Wind kommt, der wie auf Kommando frischer wird, während sich die Wolkendecke weiter zuzieht und den See in ein dunkle Schatten hüllt.

Kurz darauf fallen erste, dicke Tropfen, die größer werdende Kreise auf der glatten Oberfläche des Sees schlagen, bevor der Regen schlagartig immer stärker wird und so dicht fällt, dass wir das Ufer auf der anderen Seite des Sees beinahe nicht mehr sehen können.

Es dauert nicht lange und wir sind nass bis auf die Unterhose und durchgefroren bis auf die Knochen.

Aber weit sei es nicht mehr, versichert Andrew uns.

„Gleich erstmal eine Kanne Tee“, denke ich mir und schon der Gedanke daran lässt eine wohlige Wärme in mir aufsteigen, während ich etwas stärker in die Ruder lege, um meinem Ziel näher zu kommen.

Der Ruf der Aale bei Facebook.

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