Erbil? Khosha! Flensburg? Ok…, oder: von kurdischem Nationalstolz, Frauen und der Sehnsucht nach Schlaf

Erbil, Kurdistan, Irak

Tag 1

Ein langer, erster Tag liegt hinter mir.

Fast.

Leichtsinnigerweise hatte ich angeboten für ein paar Freunde und Bekannte Sachen für ihre Familien mit nach Kurdistan zu nehmen.

In meinem Rucksack befinden sich also momentan neben meinen Klamotten:

⁃ ein Fotoalbum

⁃ Zehn Tafeln Schokolade

⁃ Vier Tuben Haarfärbemittel

– ein Haufen Kosmetikprodukte

⁃ mehrere Packungen Fensterdekoration zum Aufkleben

– Fliegengitter

⁃ zwei Packungen Pralinen

⁃ drei Packungen Gummibärchen

⁃ drei Packungen Tee

⁃ Kinderspielzeug

– eine Packung Kekse

– zwei Teetassen

⁃ zwei Paar Stoßdämpfer

Stoßdämpfer?

Ja, Stoßdämpfer.

Für was für ein Auto oder Modell weiß ich nicht, aber der Arbeitskollege meine Freundin versprach mir seine ewige Dankbarkeit, wenn ich seinem Bruder besagte Ersatzteile mit nach Erbil brächte. Er würde sie direkt am nächsten Tag abholen, versprach er mir.

Zuvor allerdings wollte ich einen Teil des restlichen Krams loswerden, um ihn nicht durch den halben Irak schleppen zu müssen.

Die Familie meines Kumpels Amed aus Flensburg, für die der Großteil der Sachen bestimmt ist und bei der ich nach meiner Reise durch Kurdistan noch für ein paar Tage bleibe, hatte mir daher geschrieben, dass sie die Sachen direkt am Abend abholen würden und gerade als ich meine Hose ausgezogen hatte, um zu duschen, klingelte es erneut und eine Nachricht von Ameds Bruder Yousif verriet mir, dass er und sein Vater bereits beim Hotel sind.

Ameds Vater Sherwan hatte ich bereits in Flensburg kennengelernt, als dieser im vergangenen Jahr dort war um seinen Sohn zu besuchen. Yousif allerdings kannte ich bisher nur über Facebook.

Hose also wieder an und mit dem Fahrstuhl ins Foyer, wo Yousif und Sherwan bereits auf mich warten.

Wir begrüßen uns herzlich, machen etwas Smalltalk, mehr ist gerade bei mir nicht mehr drin, und ich drücke ihnen die prall gefüllte Tüte mit ihren deutschen Mitbringseln in die Hand.

“Voll gut, dass das noch geklappt hat. Ich freu mich schon auf euch, wenn ich wieder in Erbil bin“, sage ich und freue mich in Wahrheit noch mehr auf mein Bett, das oben auf mich wartet.

Doch die dringend benötigte Ruhe ist mir noch nicht vergönnt. Sherwan hat anderes mit mir vor.

Er weist mich an ihm zu folgen.

„Wo gehen wir hin?“, frage ich Yousif.

„Mein Vater will dir die Stadt zeigen“

Nicht sein Ernst. Ich meine, einen Schrei der Verzweiflung aus meinem Zimmer einige Stockwerke über mir zu hören. Wahrscheinlich mein Kopfkissen. Ich kann das arme Ding unmöglich noch länger alleine lassen.

„Es ist schon echt spät. Ich komm ja nächste Woche schon wieder“, versuche ich Sherwan von seinem sicherlich nett gemeinten Plan abzubringen, doch Sherwan schüttelt nur lächelnd den Kopf und schiebt mich mit sanfter Gewalt zu seinem Auto.

„Und? Wie findest du Kurdistan?“, fragt Sherwan mich als erstes, worauf ich entgegne, dass ich zwar gerade erst angekommen bin, aber bis jetzt alles sehr schön ist.

„Kurdistan ist das beste Land. Wir haben Öl, ohne den Irak wären wir reich, haben die Peshmerga, die uns schützen“, erzählt Sherwan stolz und schwärmt anschließend einige Zeit von Kurdistan und den Errungenschaften seines Landes, während Yousif alles von der Rückbank aus für mich ins Englische oder umgekehrt für seinen Vater ins Kurdische übersetzt.

Amed hatte mich bereits vorgewarnt.

„Mein Vater ist krass patriotisch. Für ihn ist Kurdistan das Paradies auf Erden, in dem alles so läuft wie es muss und wo es kein Unrecht gibt“, sagte Amed mir bei einem Bier am Hafen, ein paar Wochen vor meiner Abfahrt nach Kurdistan.

Ich musste damals lachen, denn dass es in der nordirakischen Region sehr wohl Unrecht gibt, beweist nicht zuletzt Ameds eigene Geschichte, der als Atheist in der gleichen Stadt, in der ich gerade durch die laue Sommernacht cruise aufgrund seiner Überzeugung gefoltert wurde.

Fast eine Stunde fahren wir durch Erbil. Vorbei an Moscheen, mit dicken Betonmauern und bewaffneten Wachen gesicherten Botschaften und Regierungsgebäuden, Hotels, Hotelruinen, die irgendwann einmal begonnen und nie fertiggestellt wurden und kleinen Geschäften,  bis wir uns irgendwann dem Zentrum der Stadt nähern. Sherwan parkt unweit der Zitadelle, weißt mich an, ihm zu folgen und führt mich geradewegs auf das Café zu, in dem ich einige Stunden vorher schon gesessen und viel zu viel Tee getrunken habe.

Dieses Mal allerdings sitze ich nicht auf dem großen Balkon des Teehauses, sondern auf der Straße, auf der Rücken an Rücken in Zweierreihen lange Stuhlreihen aufgebaut sind, die fast bis auf den letzten Platz besetzt sind.

Männer, jung und alt, sitzen hier, trinken Tee, blasen weißen Shisharauch in die Abendluft und mustern mich eindringlich, als ich mich gemeinsam mit Yousif und Sherwan nähere und wir uns auf drei freistehende Stühle zwischen sie setzen.

Sherwan bestellt drei Tee und Zucker und Koffein sorgen dafür, dass sich meine Müdigkeit wieder auf ein Level einpendelt, bei dem mir zumindest nicht mehr droht, dass mir die Augen beim Reden zufallen.

Es riecht nach gerösteten Kürbiskernen, die unweit von uns über dem Feuer erhitzt werden.

Gelegentlich kommen kleine Jungs vorbei, der uns etwas verkaufen wollen, von Kaugummis, über Zigaretten bis zu alten Badelatschen. Doch Sherwan schickt sie jedes Mal wieder weg.

Sherwan spricht zwar kein Wort Englisch, ist aber zu stolz, um seine Sätze jedes Mal von seinem Sohn übersetzen zu lassen.

Wie schon bei Sherwans Besuch in Flensburg beschränkte sich die Konversation daher auf das Aufzählen von Sachen, die entweder „khosha“, das kurdische Wort für gut, oder nicht „khosha“ sind.

„Erbil? Khosha“, sagt Sherwan und erwartet eine Reaktion von mir.

„Erbil, khosha“, pflichte ich ihm bei und er nickt zufrieden.

„Chai, khosha?“, fragt er mich und zeigt auf den Tee in meiner Hand.

„Khosha“, sage ich zustimmend.

So geht es für ein paar Minuten weiter.

Kurdistan? Khosha! Peshmerga? Khosha! Toyota? Merzedes? Khosha!

„Barzani? No khosha“, sagt er und signalisiert mit einer abfälligen Handbewegung seine Einstellung zum kurdischen Machthaber.

Yousif scheint genug zu haben von den Ausführungen seines Vaters und bittet mich, ihm etwas über Deutschland zu erzählen.

Für Yousif scheint Deutschland eine Art Paradies zu sein. Ein Land, in dem die Frauen auf Bäumen wachsen und der Schnaps in Flüssen durch das Land fließt.

„Klar, Schnapsflüsse. Gibt’s. Aber längst nicht überall und die Ufergegenden sind mittlerweile total gentrifiziert“, erkläre ich.

Doch Yousif bleibt hartnäckig. Sein großer Traum: einmal nach Deutschland, und wenn es nur für eine Woche ist. Einmal die Freiheiten genießen, von denen ihm sein Bruder Amed am Telefon erzählt. Das Amed auch in Deutschland schon Morddrohungen bekommen hat und regelmäßig von Alltagsrassismus betroffen ist, ignoriert er dabei gekonnt.

Doch klar, an individueller Freiheit mangelt es in Deutschland nicht. Zumindest nicht so sehr wie in anderen Ländern. Und Yousif wird in Deutschland sicherlich Vorzüge genießen können, von denen er im Irak nur träumen kann.

Amed hat mir oft davon erzählt, wie sehr er unter der religiösen Repression in Kurdistan und den Zwängen und Bevormundungen seiner konservativen Familie gelitten hat und es immer noch tut. Yousif wird es ähnlich gehen. Und wenn die beiden schon darunter leiden, will ich zudem nicht wissen, wie eine Frau sich unter solchen Umständen fühlen muss.

Apropos Frauen.

„Wo sind eigentlich die Frauen?“, frage ich Yousif und blicke durch die bärtige Masse um mich herum.

„Wieso? Da ist doch eine“, antwortet Yousif und zeigte auf ein vielleicht 14-jähriges Mädchen, das zusammen mit ihren Eltern an der Außenwand der Zitadelle entlangläuft.

„Ok, und der Rest?“

„Woanders. Zuhause. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht“, antwortet Yousif und ich scheine einen wunden Punkt getroffen zu haben, denn plötzlich wirkt Yousif nervös.

„Weißt du, ich würde echt gerne Frauen kennenlernen“, sagt er und schaut kurz zu seinem Vater hinüber, wie um sicherzugehen, dass dieser nicht durch irgendeine Art Epiphanie plötzlich im Stande sei, Englisch zu sprechen.

„Ok, und warum tust du das nicht?“, frage ich.

Yousif lacht, als hätte ich gerade die dümmste Sache der Welt gesagt.

„Ich darf noch nicht mal mit Frauen reden. Dabei will ich das echt gerne. Ich chatte heimlich mit welchen und ich glaube, die finden mich ziemlich gut“, erzählt er mir leise.

„Dann triff dich doch mal mit denen. Nur freundschaftlich, erstmal. Müssen deine Eltern doch gar nicht wissen“, sage ich.

Yousif guckt mich ernst an.

„Irgendjemand wird es herausfinden. Wenn nicht meine Eltern dann ihre. Oder ihre Brüder. Und dann bin ich tot. Und wenn nicht ich, dann sie. Ich werde warten müssen, bis meine Eltern irgendwann eine Frau für mich gefunden haben“, sagt Yousif.

„Das gibt’s doch nicht. Was ist denn das für ein Scheiß? Junge, du bist 17“, antworte ich und blicke mich ebenfalls kurz zu Yousifs Vater um, um zu prüfen, ob er mich gehört hat.

„Keine Angst, er versteht wirklich kein Wort“, sagt Yousif, dreht sich zu seinem Vater und sagt etwas auf kurdisch. Sherwan fängt an zu grinsen und blickt mich an.

„Was hast du ihm gesagt?“, frage ich Yousif.

„Dass du Erbil sehr schön findest“, antwortet er und ich drehe mich ebenfalls zu Sherwan, der mich immer noch lächelnd anschaut und hebe den Daumen.

„Erbil, khosha“, sage ich und Sherwan lacht.

„Erbil, khosha!“, wiederholt er bestätigend.

„Flensburg?“, sagt er und zuckt gleichgültig mit den Schultern. „Flensburg, ok“

Mehr im nächsten Teil

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