Mit dem Reisebus durch den Irak, oder: Im Land der Kurden

Kurdistan heißt wörtlich übersetzt nichts anderes als „Land der Kurden“, wobei dieser Titel dem tatsächlichen Status dieses Landstrichs zwischen Syrien, Iran und der Türkei nicht ganz gerecht wird. Denn obwohl die Kurden im Irak seit Jahren für vollständige  Souveränität kämpfen und sich über 90  Prozent der Kurden im Herbst letzten Jahres bei einer Volksabstimmung für die Unabhängigkeit vom Rest des Iraks entschieden, sind die Geschicke der autonomen Region Kurdistan nach wie vor unter der Kontrolle der Zentralregierung in Baghdad. Aber immerhin ist die Situation der Region im Norden des Iraks in großen Teilen um ein vielfaches besser als in den restlichen kurdischen Gebieten Irans, Syriens und der Türkei, was den hier lebenden Kurden zumindest weitestgehend ein Recht auf Selbstbestimmung einräumt.

Da es unmöglich ist, den Facettenreichtum dieser für viele Europäer völlig unbekannten Region und ihrer Menschen in der relativ kurzen Zeit, die mir zur Verfügung steht, auch nur ansatzweise zu verstehen, habe ich mich entschlossen etwas zu machen, um das ich bisher einen großen Bogen gemacht habe.

Ich habe mich einer Reisegruppe angeschlossen.

Zumindest für die erste Zeit, bevor ich die Familie meines guten Kumpels Amed aus Flensburg in dessen alten Heimat besuche.

Das letzte Mal, dass ich mit einem Reisebus in den Urlaub gefahren bin, war 1996. Damals ging es mit Oma und Opa, Mutti und 60 Rentnern in uniformen beigen Westen bei den Männern und ebenfalls beigen, im Extremfall pastellfarbenen Blazern bei den Frauen zum Gardasee. Alle 100 Kilometer Pinkelpause, alle 500 Kilometer der Besuch einer Seifenfabrik, eines Räumadecken-Outlets oder, in Italien angekommen, einer Winzerei oder Ledermanufaktur mit scheinbar solch unschlagbaren Angeboten, dass die älteren Herren und Damen nicht umher kamen, Geschenke für ihre Kinder, Enkel- und Urenkelkinder für die nächsten zehn Jahre zu kaufen und sich mit Seifenvorräten bis zu ihrem Ableben einzudecken.

Dieses Mal ist es anders. Ich befinde mich nicht im beschaulichen, fast schon biederen Norditalien, sondern im Irak. Und die Organisation Alsharq, mit der ich unterwegs bin, ist kein Arrangeur Eierlikör-getränkter, Volksmusik-untermalter Butterfahrten, sondern ein unabhängiges Netzwerk junger Journalist*innen und Wissenschaftler*innen, das es sich zur Aufgabe gesetzt hat, die verschiedenen Kulturen des nahen und fernen Ostens besser begreifbar zu machen, Vorurteile zu beseitigen und den Mitreisenden so Regionen näher zu bringen, deren eurozentrisches Bild seit Jahrhunderten durch Stereotype und teils rassistische Denkmuster geprägt ist.

Warum ausgerechnet Irak?

Weil es wohl kaum ein Land gibt, von dem die Menschen so viel zu wissen meinen, ohne es tatsächlich zu tun. (Und hierbei schließe ich mich selber nicht aus.)

Ein Land, das bei der bloßen Erwähnung Bilder von Terror, zerstörten Häusern und brennenden Amerikaflaggen hervorruft. Das Angst macht und auch mir ein merkwürdiges Gefühl im Bauch bereitet.

Weil ich mir von meinen eigenen Ängsten und Vorurteilen nicht vorschreiben lassen will, welchen Weg ich gehen kann und welchen nicht, selbst wenn die erste Reaktion meiner Freunde zuhause meist „Du bist verrückt“ war und ich meiner Familie lieber gar nicht erst gesagt habe, wohin ich verreise.

Und weil ich gehört hab, dass das Essen gut sein soll.

Erbil, Kurdistan

Ich bin immer noch leicht verkatert, als ich aus dem Flugzeug in die schwüle Luft Erbils trete.

Warum nur falle ich immer wieder auf die trügerische Größe Düsseldorfer Altbiers herein?

Verdammte Hobbit-Gläser. Viel zu schnell leer. Und viel zu schnell nachbestellt.

Aber zumindest bin ich angekommen. Ein paar andere aus unserer Gruppe waren nicht so glücklich.

Der Grund sind die morgigen Wahlen im Irak, weswegen die Regierung kurzerhand eine Flugverbotszone über dem gesamten Land errichtet hat.

Wer für morgen einen Flug ins Land gebucht hat, hat also die Arschkarte.

Ich treffe Christian und Conny aus unserer Gruppe, die im gleichen Flieger saßen wie ich, in der Wartehalle des Flughafens.

In der gesamten Halle verteilt stehen Eimer, in die es von der Decke tropft, welche allerdings nur einen Teil des Regenwassers auffangen, während sich der Rest in großen Pfützen auf dem glatten Marmorboden ausbreitet. Ein Resultat der starken Unwetter, von denen die Region in den letzten Tagen heimgesucht wurde.  Die übergetretenen Flüsse konnte ich schon während des Landeanflugs aus dem Fenster beobachten. Ich hoffe, dass die Überschwemmungen unseren Reiseplänen keinen Strich durch die Rechnung machen.

Eine langgezogene und tiefer werdende Wasserlache weist den Weg zur Toilette. Die erste Herausforderung, da die Löcher im Boden der kleinen Toilettenkabinen ebenfalls überschwemmt sind und ihren stinkenden Inhalt langsam über den Boden vor mir wabern lassen.

Doch es hilft nichts, Düsseldorfer Altbier und abgestandener Flugzeug-Kaffee fordern ihren Tribut. Auf Zehenspitzen balancierend und mich mit einer Hand an der Toilettenwand festhaltend, versuche ich mein Gleichgewicht zu halten und schaffe es anschließend sogar ansatzweise trockenen Fußes und erleichtert zurück in die Flughafenvorhalle und raus auf den Parkplatz, wo bereits ein Taxi auf uns wartet.

Ich bin tatsächlich im Irak.

Und diese Tatsache muss ich mir wirklich jeden Augenblick erneut ins Bewusstsein rufen, denn würde der Name der kurdischen Hauptstadt Erbil nicht in großen Lettern auf dem Flughafendach prangen, würde nichts darauf schließen lassen, dass ich mich in einem Land befinde, das in den letzten 30 Jahren mehr Krieg gesehen hat als Frieden.

Keine bewaffneten Peschmerga die den Flughafen mit Kalaschnikows umstellen. Stattdessen ein verschlafener Wächter, der uns aus seinem Wachthäuschen anlächelt und durchwinkt.

Keine Panzer und Truppenfahrzeuge auf den Straßen. Stattdessen handelsübliche, überwiegend weiße Toyotas, die uns überholen, während wir durch die Vororte Erbils zu unserem Hotel fahren. Ein Kind winkt mir fröhlich von der Rückbank eines der Autos zu und lacht, als ich zurückwinke.

Irak.

Irgendwie surreal.

Das einzige, das meinen Aufenthaltsort einigermaßen begreifbar macht, sind die Straßenschilder.

„Baghdad“, „Mosul“, „Kirkuk“, steht dort in weißer Schrift auf grünem Grund neben dem kurdischen Bezeichnungen der Orte. Orte die ich bisher nur aus Schreckensmeldungen in den Nachrichten kannte.

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Im Hotel angekommen, beschließe ich das zu tun, was ich eigentlich überall als erstes mache, egal ob in an irgendeinem Ende der Welt oder bei einem Trip nach Hamburg. Ich suche ein Café oder eine Kneipe auf, um mich hinzusetzen, zu Atem zu kommen und anzukommen. In diesem Fall: klarzukommen.

Conny und Christian schließen sich an. Wir laufen einige Zeit die Hauptstraße entlang, vorbei an Hotels, kleinen Restaurant und Geschäften, bevor wir durch ein Wohngebiet bis zu den ersten Ausläufern des großen Basars treffen, der an der Zitadelle beginnt und sich durch zahlreiche kleine und große Straßen durch das halbe Zentrum der Stadt zieht. Hier gibt es eine gesamte Straße, in der es ausschließlich Klimaanlagen zu kaufen gibt. Identische Modelle, identische Preise, 50 verschiedene Verkäufer.

Dort gibt es gleich mehrere Straßenzüge mit Haushaltsutensilien aller Art, vom Teepott bis zum Putzlappen. Eine Straße weiter wiederum gibt es ausschließlich Eisenwaren: Hämmer, Schrauben, Nägel, Sägeblätter, Tim Allen würde vor Freude anfangen zu grunzen.

Umso weiter wir uns dem Zentrum des Basars nähern, umso feiner werden die Waren. Weg von Gebrauchsgegenständen, hin zu kleinen und großen Luxusartikeln. Von Teppichständen über kleine Läden mit Tüchern, Seifen und Süßigkeiten, die in die Nischen des labyrinthartigen Basars gequetscht sind, gelangen wir zu Schmuckständen, deren goldener Prunk in den Schaufenstern fast schon blendet.

Nein, Understatement schein zurzeit nicht modern zu sein. 

Unweit der historischen Zitadelle, seit jeher Zentrum der Stadt, werden wir dann fündig.

Das Machko Teehaus, direkt an der Außenwand der 6000 Jahre alten Zitadelle gelegen, bietet Blick über den Marktplatz vor der Zitadelle, die Stände am Rande des Basars und das Treiben auf der Straße.

Und vor allem mit Tee.

Viel Tee.

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Die kleinen, geschwungenen Gläser sind zu einem guten Drittel mit Zucker gefüllt, sodass der Tee nach mehrmaligem Umrühren eine fast schon sirupartige Konsistenz bekommt.

Der Tee ist so süß, dass ich das Gefühl habe, direkt beim Trinken Löcher in den Zähnen zu bekommen. Außerdem macht mich der unmittelbar einsetzende Zuckerflash erstens schlagartig wieder wach und zweitens direkt süchtig. Das Zusammenspiel aus kräftig-bitterem schwarzem Tee und Zuckerkonzentrat erinnert mich irgendwie an den Tee von meiner Oma.

Oma schafft es ebenfalls, ihren Ostfriesentee in ihrer seit 1952 nicht gewaschenen und von Innen völlig geschwärzten Teekanne ein Gebräu anzusetzen, von dem mir jedes Mal im ersten Moment die Zungenspitze taub wird.

Und ich liebe es.

Ich blicke mich um. Von der überdachten Terrasse aus erstreckt sich vor uns ein großer Marktplatz, der den Eingang zum Basar bildet.

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Ich inhaliere den ersten Tee, genieße den zweiten und bestelle den dritten.

Anschließend beschließen wir, uns noch eine Zeit das Treiben auf dem Basar anzusehen, bevor wir uns zurück zum Hotel machen müssen, um uns mit dem Rest unserer Gruppe zu treffen.

Der große Vorplatz der Zitadelle ist mit Fahnengirlanden der KDP überdeckt, der Partei des kurdischen Präsidenten Mazud Barzanis, der sich zwar nach dem Unabhängigkeitsvotum und der damit verbundenen Einnahme von Kirkuk durch die irakische Armee zurückgezogen hat, jedoch immer noch im Hintergrund die Fäden zu ziehen scheint. Zumindest, wenn man den Leuten auf der Straße Glauben schenkt.

Was die Wahlwerbung anbelangt, ist die KDP jedenfalls rund um die Zitadelle ohne Konkurrenz.

„Alle Flaggen der anderen Parteien werden nachts abgerissen. Keine Chance“, beklagt sich einer der Verkäufer auf der Straße, mit dem ich kurz ins Gespräch komme.

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Abgesehen von den Flaggen über ihren Köpfen allerdings, scheint der Wahlkampf bei den Menschen nicht wirklich präsent zu sein. „Ach, es ändert sich sowieso nichts“, sagt der Verkäufer. Er denkt nicht, dass viele Leute wählen gehen werden. Nicht, wie bei dem Unabhängigkeitsvotum.

Ich bin gespannt. Morgen steht auch der Besuch eines Wahllokals auf dem Programm. Bis dahin genieße ich es, unpolitisch über den Markt zu schlendern.

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Ich liebe Märkte. Selbst, wenn ich nichts kaufen möchte, gibt es nichts besseres, als leicht verkatert am Samstagmorgen in Flensburg über den Wochenmarkt zu schlendern und den Mischmasch der Gerüche, von frischem Gemüse über Käse bis zum Fisch frisch aus der Nordsee einzusaugen.

Das hier ist ein anderes Level.

In langen Ketten hängen duftende, getrocknete Irgendwas von der Decke der kleinen Stände, in Säcken, Gläser und Dosen befindet sich irgendwas anderes, das sein Bouquet in der Luft um mich herum verbreitet.

Ich koche eindeutig zu wenig und zu ungesund, um die Düfte den entsprechenden Gewürzen und Kräutern zuzuordnen, aber das tut dem Geruchserlebnis keinen Abklang.

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Überall sitzen Männer an der Straße, trinken Tee, rauchen Shisha und schnacken.

Alle 30 Meter steht ein kleiner Wagen, von dem aus  entweder Tee verkauft wird, der in verbeulten Teekannen auf brennenden Holzscheiten vor sich hin köchelt, Sonnenblumenkerne, die in einer Zementmischmaschine von einem Bunsenbrenner geröstet werden oder irgendwelches Fastfood, wie Kebab oder Shawarma

Ich habe die leichte Befürchtung, dass ich mit einigen Reisepfunden mehr wieder nach Hause kommen werde.

BAM!

Ich zucke zusammen

Fuck, hat jemand geschossen?

BAM!

Es knallt abermals und ein schwarzer Mazarati fährt langsam an mir vorbei, während mir ein Typ mit Sonnenbrille und Goldkettchen vom Fahrersitz aus zunickt.

Fehlzündung, na toll.

„Was für ein Idiot“ lacht der Teeverkäufer neben mir, zeigt auf den kleiner werdenden Sportwagen und fährt sich mit einer abfälligen Geste mit der Hand vor dem Gesicht lang. Ich lache ebenfalls, nachdem ich meinen Schrecken überwunden habe.

Nein, der Irak ist nicht so, wie ich ihn mir vorgestellt habe.

Mehr im nächsten Teil

Der Ruf der Aale bei Facebook

2 Gedanken zu “Mit dem Reisebus durch den Irak, oder: Im Land der Kurden

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