Couchsurfing vor der Haustür Teil 3, oder: Die Couchsurfing-Queen von Sønderborg

Sønderborg/Dänemark

Ich habe ein mulmiges Gefühl im Bauch, als ich zum ersten Mal seit knapp zwei Jahren über die Kong Christian X. – Brücke fahre und die Ortseinfahrt von Sønderborg passiere.

Vier Jahre habe ich hier studiert. Nach einem Jahr in einer WG auf der Insel Alsen, auf der sich der Großteil der Stadt befindet, bin ich in Richtung Süden geflohen. In Flensburg bin ich hängen geblieben. Und hier lebe ich seitdem immer noch.

Von daher hatte meine Sønderborger Zeit auch seine guten Seiten.

Außerdem habe ich während des Studiums meine Freundin kennengelernt.

Da hört es dann aber auch schon auf.


Völlig inkompetente Dozenten, die sich mit einem völlig inkompetenten Studenten wie mir herumschlagen mussten, der sich den Bologna-Prozess selbst zum ultimativen Feindbild auserkoren hat und Regelungen wie Anwesenheitspflicht versuchte durch Totalverweigerung im Unterricht zu kompensieren, haben dazu geführt, dass ich nie einen wirklichen Zugang zu der kleinen Stadt im Süden Dänemarks gefunden habe.

Hinzu kamen Kommilitonen, die lieber stricken als feiern wollten. Studentenleben hatte ich mir damals irgendwie anders vorgestellt.


Aber alles hat eine zweite Chance verdient.

Sønderborgs zweite Chance kommt in Form von Birte.

Es gibt Menschen, mit denen man sich, ohne sie wirklich zu kennen, sofort verbunden fühlt. Die Zeit verfliegt und ehe man sich versieht, sind drei oder vier Stunden vorbei.

Einerseits, weil die Geschichten, die solch ein Mensch zu erzählen hat, nicht alltäglich sind, andererseits, weil der Gegenüber es ebensowenig ist.

Birte ist so ein Mensch.

Sie ist Couchsurferin.

Die Dänin aus Sønderborg ist alleredings nicht der typische Couchsurfer. Während die meisten nach der Schule oder in den Semesterferien mit dem Couchsurfen beginnen, startete sie ihr Couchsurfing-Abenteuer, als sie in Rente ging.

Seitdem allerdings, hat die 68-jährige den Geist, aus dem Heraus die Community gegründet wurde, mehr verinnerlicht, als die meisten anderen.

Ihre Beweggründe sind simpel:

„Man trifft Menschen, und genau das mag ich beim Reisen. Klar, die Sehenswürdigkeiten sehe ich mir auch an. Aber es gibt mir die Möglichkeit, die Orte aus einer anderen Perspektive zu sehen“, sagt Birte.

Kurz bevor sie in den Ruhestand fing sie an Pläne zu schmieden, um nach Nicaragua zu gehen, wo sie bereits seit Jahren ein SOS Kinderdorf unterstützt. Über einen Artikel in der Zeitung wurde sie auf ein junge Frau aus der Region aufmerksam, die couchsurfte. Birte schrieb sie an und bekam von ihr alles Wissenswerte über Couchsurfing gezeigt.

Sechs Wochen lang reiste sie anschließend durch das Land in Mittelamerika, machte Sprachkurse und schlief bei fremden Menschen auf der Couch.

„Nicaragua war ein Abenteuer“, sagt sie.

Ohne Frage. Couchsurfing zeigt einem das Leben abseits der Reiseprospekte, gibt einem Blicke hinter Türen, die normalerweise verschlossen sind und ermöglicht es einem, einen Ort durch die Augen eines Einheimischen zu sehen.
Wenn Birte auf ihren Reise keine Couch findet, geht sie in ein Hostel, denn auch hier geht es um die Menschen.

„Schöne Hotels brauche ich nicht mehr. Das habe ich gehabt“, sagt Birte.

 

Ihre Töchter haben mittlerweile alle Familie, ihre Enkelkinder kommen langsam in das Alter in dem sie zu Reisen beginnen.

„Sie couchsurfen nicht, aber sie respektieren meine Art zu Leben und zu Reisen. Sie finden es tatsächlich ziemlich cool“

„Es ist auch ziemlich cool“, sage ich.

Damit sich ihre Töchter trotzdem keine Sorgen machen müssen, wenn sie mal wieder alleine durch die Welt reist, achtet Birte darauf, dass die nur bei verifizierten Couchsurfern übernachtet. So kann die Organisation im Ernstfall nachvollziehen, wo und bei wem Birte als letztes übernachtet hat.

„Wenn du reist, oder wenn du jemanden aufnimmst. Wie entscheidest du, ob es passt, oder nicht?“, frage ich.
„Man weiß natürlich nie, wie die Menschen wirklich sind, aber man lernt mit der Zeit Profile richtig zu lesen und so herauszufinden, ob dies ein Mensch ist, den man gerne treffen würde. Was sagen sie über sich selbst? Was für Fotos haben sie hochgeladen?“, sagt Birte.

„Was hältst du denn von meinem Profil?“, frage ich sie und schiebe ihr mein Handy herüber.

Birte schiebt ihre Brille zurecht und begutachtet mein Couchsurfing-Profil eine Weile.
„Sagen wir so, es gibt nichts, was ich nicht mag. Du bist nicht komischer als andere“, sagt sie lächelnd.
Damit kann ich zwar leben, aber vielleicht sollte ich mein Profil trotzdem noch mal überarbeiten.

„Und dann gucke ich mir natürlich an, was für Referenzen der Couchsurfer schon hat«, erklärt Birte.
Birtes Referenzen jedenfalls lesen sich wie eine Liebeserklärung. Und es sind nicht gerade wenig.

„Birte is a wonderful and inspiring person. Definitely 100% Couchsurfing soul“, schreibt beispielsweise Karolina aus Krakau.

„Only one night is enough to make me love this woman“, schreibt Lu aus Kiel.

„Such a great woman, young at heart, generous and full of positive energy. Gives a whole new meaning of the word retired“, schreibt Nikola aus Leipzig.

The list goes on.

„Die Menschen sagen, dass ich immer noch jung im Herzen bin. Ich finde, ich bin ganz normal. Aber wahrscheinlich ist mein Lebensstil tatsächlich nicht so alltäglich“, sagt Birte. „Einige sagen, Alter ist nur eine Zahl. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Natürlich wird man älter. Ich würde nirgends mehr couchsurfen, wo ich auf dem Fußboden schlafen muss. Es gibt einfach Unterschiede, wie man auf das Leben blickt. Auch junge Leute sind nicht alle gleich. Genau wie alte Menschen“, erzählt sie.

Auch ihre nächste Reise ist schon geplant. Nach Indien soll es für mehrere Wochen gehen.

„Ich habe mir Rundreisen von mehreren Reiseveranstaltern angesehen. Die klangen auch sehr gut und man bekommt sicherlich viel zu sehen. Aber ich habe habe ich mir gesagt: Du hast schon so viele Kontakte in Indien über Couchsurfing, du wärest dumm, wenn du den Menschen nun sagen würdest, „Nein, ich komme nicht, ich fahre mit einer Reisegruppe“. Es ist natürlich nicht leicht, alleine als Frau durch Indien zu reisen. Aber andere haben es getan, also kann ich es auch“, sagt sie resolut.

Nicht nur in Indien hat Birte mittlerweile Freunde und Bekannte über das Couchsurfing-Netzwerk gefunden.
„Es ist schön, über Couchsurfing Freunde auf der ganzen Welt zu haben. An Orten, von denen man Träume hat, sie eines Tages zu besuchen“

Auch vor der eigenen Haustür, in Sønderborg, hat Birte über Couchsurfing zwei gute Freunde gefunden, mit denen sie mittlerweile sogar gemeinsam auf Reisen war und neue Dinge erlebt hat.

Eine Sache allerdings überwältigt Birte, egal wie oft sie es schon gesehen hat:
„Jedes Mal wenn ich Reisen war, für Wochen in anderen Teilen der Welt, sobald ich über die neue Brücke in Sønderborg fahre und die Universität auf der einen Seite sehe, das Wasser auf der anderen und das Schloss in der Ferne, dann verschlägt es mir den Atem«, sagt sie.

Auch deshalb nutzt sie nicht nur Couchsurfing auf Reisen, sondern bietet auch ihre eigene Couch regelmäßig Reisenden an, um ihnen Sønderborg zu zeigen.

„Ich habe Freunde kennengelernt, die ich ohne Couchsurfing nie getroffen hätte, allein deshalb bedeutet es mir sehr viel. Und ich habe Dinge gemacht, die ich noch nie in meinem Leben vorher gemacht habe. Ich habe Graffiti gesprüht in Holland und war in Bergwerken in Rumänien. Das sind unvergessliche Momente«, erzählt Birte.

Auch mit 68 Jahren gibt es eben noch Dinge, die man zu ersten Mal machen kann.

Wenn man den Mut dazu hat.

 

Der Ruf der Aale bei Facebook.

Im vierten Teil der Serie geht es auf die Nordseeinsel Amrum.

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