Couchsurfing vor der Haustür Teil 2 – Bier, Bruce und Behaglichkeit in Apenrade

Apenrade​​/Dänemark 

​Apenrade, oder Aabenraa im Dänischen, war bis zum Ende des Deutsch-Dänischen Kriegs 1864 dänisch und anschließend bis 1920 deutsch. Erst als die Grenze in jenem Jahr nach einer Volksabstimmung einige Kilometer oberhalb von Flensburg gezogen wurde und das Herzogtum Schleswig damit in Nord- und Südschleswig geteilt wurde, wurde Apenrade wieder Teil des dänischen Königreichs.

Kein Wunder also, dass in dem kleinen Städtchen im Süden Jütlands die Einflüsse beider Nationen zu spüren sind und noch immer viele Deutsche hier leben.

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In wenigen Städten in Dänemark ist die deutsche Vergangenheit von Südjütland so präsent wie in Apenrade. Auch die Nachbarin meines heutigen Gastgebers ist Deutsche. Mein Couchsurfing-Host Anders selbst ist Däne und erst vor ein paar Jahren in das beschauliche Apenrade gezogen.
Er wohnt in der unteren Etage eines kleinen Hauses in der Altstadt. An den Wänden hängen Erinnerungen von seinen Reisen und eine Große Weltkarte mit verschiedenfarbigen Stecknadeln.

Die schwarzen Stecknadeln zeigen an, in welchen Ländern Anders schon überall war, die grünen und gelben Stecknadeln zeigen aus welchen Teilen der Welt die Couchsurfer kamen, die schon bei ihm übernachtet haben. Auch Flensburg ist jetzt mit einer kleinen Nadel gekennzeichnet.
Mit dem Couchsurfen starteten Anders und ein Freund eher zufällig, als sie 2008 in der Türkei im Urlaub waren und durch eine Region reisten, die touristisch noch nicht wirklich erschlossen war. Seitdem bietet er auch seine eigene Couch für Couchsurfer an.

„Ich habe mehr wesentlich mehr Leute aufgenommen, als das ich woanders geschlafen habe. Die meisten sind auf der Durchreise. Das ist so eine Art Transit-Strecke nach oder von Deutschland. Die Menschen kommen daher von überall auf der Welt, aus Brasilien, Marokko. Das ist super spannend, man lernt immer auch ein kleines bisschen über deren Land. Man teil ein bisschen von seiner eigenen Kultur und bekommt dafür etwas von einer anderen ab“, sagt Anders.

Länger als zwei Nächte bleiben die wenigsten.

„Wirklich viel zu bieten hat Apenrade natürlich nicht. Aber ich glaube die meisten mögen es trotzdem hier, weil es eine kleine, entspannte Stadt ist. Die Geschichte der Stadt ist natürlich spannend und im Sommer haben wir den Strand. Aber ansonsten ist es nicht unbedingt ein Touristenmagnet. Einfach ein gemütlicher Stop auf dem Weg“, sagt Anders.


Auch Anders kann seine Wahlheimat gut leiden, obwohl er aus der wesentlich größeren Stadt Vejle kommt.

„Man ist schnell in Deutschland, in Flensburg und Hamburg. Es ist nur etwas schade, dass es kein so großes Kulturangebot hier gibt wie beispielsweise in Flensburg. Es gibt hier zwar Kultur, aber man muss schon mit der Lupe danach suchen“, sagt er.

Ich komme aus Ostfriesland, von nicht vorhandenem Kulturangebot muss er mir nicht erzählen.

Ich kann daher auch gut nachvollziehen, als er mir erzählt, dass es anfangs schwierig war, Anschluss zu finden.

Ein Fluch der Kleinstadt, egal wo, ist es nun mal, dass junge Leute aus Mangel einer Perspektive in die größeren Städte ziehen.

Anders könnte sich sogar vorstellen nach Flensburg zu ziehen, aber dafür sei sein deutsch noch zu schlecht, sagt er.
„Keine Sorge, dein Deutsch ist wahrscheinlich besser als mein Dänisch“, sage ich ihm.

„Dänisch ist aber auch wirklich schwer. Weißt du, warum man sicher sein kann, dass im Himmel dänisch gesprochen wird?“
„Nein“, antworte ich.
„Weil es eine Ewigkeit dauert, es zu lernen“, sagt Anders.

Wir lachen beide und reden anschließend etwas über das Leben in der Grenzregion, über Grenzkontrollen, Politik und Musik. Wie sich herausstellt, sind wir beide Bruce Springsteen Fans und waren beide schon mehrmals auf den selben Konzerten.
Wie klein die Welt ist merkt man am schnellsten, wenn man reist.

Das restliche Abendprogramm besteht daher aus Bier und Bruce.

Viel besser geht’s nicht. Da sind wir beide uns einig..

„Wie ist eigentlich das Verhältnis zu den Deutschen hier in der Grenzregion?“, frage ich Anders.
„Grundsätzlich würde ich sagen gut. Aber ich kenne mich natürlich nicht so aus wie die Einheimischen. Ich habe schon mitbekommen, dass, wenn die Dänen das Wort „Hjemmetysker“ für Menschen aus der deutschen Minerheit benutzen, es etwas negativ belastet ist. Aber im Vergleich zu den 60er und 70er Jahren ist es wirklich besser geworden. Damals waren das noch die Nachwirkungen des zweiten Weltkriegs. Aber heutzutage ist es eine andere Generation. Die jungen Menschen, sind anders aufgewachsen und sehen die Welt auch anders“, erzählt Anders.

Das denke ich auch. Ich habe allerdings auch ein Beispiel miterleben müssen, wo es anders war.

„Meine Freundin hat in Sonderborg mit einer anderen Deutschen zusammengelebt. Und deren Freund war Däne. Er hat einmal gesagt, dass er sich selbst dafür hasst, dass er eine Deutsche liebt“, erzähle ich.

Anders muss lachen.

„Vielleicht hat er Komplexe. Wir Dänen haben einen kleinen Minderwertigkeitskomplex, wenn es um das Thema Deutschland geht. Es gab zwar seit der Wikingerzeit immer wieder Konflikte, aber gleichzeitig importieren wir einen Großteil unserer Güter aus Deutschland und sind wirtschaftlich stark abhängig. Es ist ein bisschen so wie der kleine Bruder vom großen Bruder Deutschland zu sein“, erklärt Anders. „Dabei haben Deutsche und Dänen so viel gemeinsam. Sogar unsere Sprache gleicht sich. Wir sprechen die deutsche Sprache und dann haben wir einfach die Grammatik weggeschmissen“, lacht er.

„Dieser Freund aus Sønderborg ist ein Idiot und der Spruch ist einfach dumm. Es gibt nichts, weswegen man aufeinander sauer sein sollte. Ich habe fantastische Freundschaften mit Deutschen und einige der tollsten Menschen die ich kenne kommen aus Deutschland“, sagt Anders.

Mir geht es da genauso. Und der Typ war wirklich ein Idiot.

Anschließend fragt Anders mich, ob es beim Essen irgendwas gibt, das ich nicht mag, was ich verneine.

„Gut. Ist dir auch aufgefallen, dass unglaublich viele Couchsurfer Vegetarier oder Veganer sind?“, fragt Anders.

„Echt?“

„Ja, mindestens ein Drittel der Leute, die ich getroffen habe. Ich habe mittlerweile die Theorie aufgestellt, dass das mit dem Grundgedanken des Couchsurfings zusammenhängt. Dieses “Wir sind sind offen und gehen auf Menschen zu, bekämpfen Vorurteile, retten die Welt“-Ding. Ich glaube solch eine Community zieht Veganer und Vegetarier magisch an“, lacht Anders.

Ist vielleicht was dran.

Wir beschließen nicht zu kochen, weder vegetarisch, noch fleischig, sondern stattdessen eine Kleinigkeit am Strand essen zu gehen. Außerdem will Anders mir die Stadt zeigen.

Eine Weile laufen wir durch kleine, ruhige Gassen des Ortes („ausgestorben“ trifft es ehrlich gesagt besser). Links und rechts stehen kleine Häuser wie aus einem Märchen von HC Andersen.

Einige der Häuser und Brücken bestehen schon seit Hunderten von Jahren und glücklicherweise ist die Stadt und die Anwohner sehr aktiv, was die Erhaltung der alten Gebäude betrifft.
Auch beim Spaziergang durch die Straßen fällt die gemischte Vergangenheit der Stadt auf. Deutsche Schriftzüge und Namen an den Häusern wechseln sich mit dänischen ab.

„Wusstest du, dass es in Deutschland jetzt ein »Hygge«-Magazin gibt, dass sich nur mit dem dänischen hygge beschäftigt?“
„Ein »Hygge«-Magazin? Wirklich? Nur über das Wort?“, fragt Anders verwundert.
„Naja, und über die Bedeutung des Wortes. (Das dänische Wort „Hygge“ bedeutet ins Deutsche übersetzt in etwa „Behaglichkeit“ oder „Gemütlichkeit“. Wer etwas über die tiefere Bedeutung lernen will, kann HIER etwas darüber lesen) In New York gibt es sogar Hygge-Kurse“
Anders lacht etwas und überlegt.
„Das stelle ich mir ziemlich schwierig vor, denn jeder verbindet ja etwas anderes mit diesem Wort. Solche Abende wie dieser hier, das ist zum Beispiel für mich Hygge“, sagt Anders.

Abermals sind wir uns einig.

Der Ruf der Aale bei Facebook.

Im dritten Teil der Serie geht es ins dänische Sønderborg.

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