Im Nachtbus zur Schweinebucht, oder: warum man nicht viel haben muss, um etwas zu geben. (Kuba – Teil 7)

img_3798

Nach fünf Tagen des vergeblichen Wartens auf ein Ticket in Richtung Westen, habe ich endlich einen Bus aus Baracoa in Richtung Havanna bekommen.

Mittlerweile wünsche ich mir allerdings bereits, dem wäre nicht so gewesen.

Ich hatte zwar schon die ein oder andere schlimme Fahrt hinter mir, diese Busfahrt allerdings toppt alles.

Punkt 1:  Die Temperatur im Bus entspricht in etwa der eines Bofrost-Lieferwagens. Die Klimaanlage ist so niedrig gedreht, dass ich mir aus meinem Pulli und meinem Rucksack samt Inhalt einen wärmenden Kokon gebaut und mir aus einer Kuba-Flagge eine Art Turban gewickelt habe.

Wir sind in der verdammten Karibik. Ich sollte schwitzen und nackt sein.

Oder zumindest nicht frieren.

Punkt 2: Das Onboard-Entertainment, wie es auf Neu-Deutsch so schön heißt (zwei alte Fernseher, einer im vorderen,  einer im hinteren Teil des Buses), könnte ohne weiteres auch als Foltermethode in Guantanamo eingesetzt werden.

Der Lautsprecher über meinem Kopf ist auf volle Lautstärke aufgedreht und scheppert die gesamte Nacht vor sich hin, sodass an Schlaf nicht zu denken ist.

Die erste halbe Stunde läuft eine mexikanische Prank-Show in der ein Mann mit verschiedenen Horror-Kostümen Menschen erschreckt. Schließe ich die Augen höre ich daher nur Schreie und billige Sound-Effekte aus noch billigeren Gruselfilmen.

Es wird noch schlimmer, als direkt nach der Show ein Teeniefilm/Softporno gezeigt wird, dessen ersten fünf Minuten  aus einer expliziten Sexszene besteht, die der Busfahrer stur laufen lässt, obwohl mehrere kleine Kinder im Bus sitzen, die jetzt mit offenen Mündern den Bildschirm anstarren.

Schlechter kann es gar nicht werden, denke ich mir.

Dann kommt Boat Trip.

Absoluter Tiefpunkt in der Karriere von Oscar-Preisträger Cuba Gooding Jr. und einer der schlechtesten Filme aller Zeiten.

Ein Urteil, das ich ohne schlechtes Gewissen fällen kann.

Kurzzusammenfassung: Zwei Kumpels heuern auf einem Kreuzfahrtschiff an um Frauen aufzureißen. Der Haken an der Sache: Es ist eine Schwulen-Kreuzfahrt.

Schlimmer als Boat Trip jedenfalls kann es jetzt wirklich nicht mehr werden, denke ich mir, als der Abspann des Films nach einer gefühlten Ewigkeit über den Bildschirm flimmert.

Doch das Unterhaltungsprogramm der kubanischen Busagentur Viazul sollte mich ein letztes Mal eines besseren belehren.

Die nächsten drei Stunden läuft eine kubanische Live-Comedy-Show. Aufgenommen mit einem Handy. Ich sehe also ungefähr 40 verwackelte Comedians, die auf spanisch ihre Witze zum Besten geben, während die einzige Person im Bus, die außer mir noch wach ist und die einzige, die über die Witze lautstark lacht, die ältere Frau neben mir ist.

Einmal muss sie so laut lachen, dass sie sich an ihrem Essen verschluckt und fast erstickt. Ich klopfe ihr trotz ihrer nervtötenden Lache auf den Rücken, bis sie aufhört zu husten und sich direkt etwas neues zu essen in den Mund schiebt.

Punkt 3: Es gibt keine Toilette an Bord.

Punkt 4: Es gibt keine verdammte Toilette an Bord.

Irgendwann schlafe ich trotz der klirrenden Kälte, die mittlerweile in alle meine Knochen gezogen ist, dem dröhnenden Lautsprecher über meinem Kopf und der vollen Blase ein, nur um wenig später unsanft wieder geweckt zu werden.

Der Busfahrer rüttelt an meiner Schulter und signalisiert mir, meine Sachen zu nehmen und auszusteigen.

„Sind wir da?“ frage ich. Ich habe beschlossen, bevor ich wieder nach Havanna fahre, einige Tage an der Schweinebucht zu verbringen und habe den Fahrer gebeten, mir bescheid zu sagen, wenn wir angekommen sind.

„Si“, grummelt er.

Es ist stockdunkel, um mich herum schlafen alle, während im Fernsehen eine kubanische Seifenoper läuft und ich mir den Weg durch den engen Gang des Busses nach Draußen bahne.

Es ist kurz vor vier Uhr morgens und ich stehe mit meinem Rucksack in der Hand am Straßenrand vor einer wahrscheinlich vor Jahrzehnten verlassenen Tankstelle, die sich langsam in eine Ruine verwandelt, während ihr Verfall von einer flimmernden Straßenlaterne in das richtige Licht gesetzt wird.

Rund um mich herum staubige Felder.

Wo auch immer ich bin, das hier ist nicht die Schweinebucht.

Außer mir ist nur eine junge Frau mit ihrem kleinen Sohn ausgestiegen, die gerade ihren Vater angerufen hat, damit dieser sie abholen kann.

Die Frau spricht zwar so gut wie kein Englisch, aber ich versuche sie trotzdem zu fragen, wo wir sind.

”Schweinebucht?“, frage ich und zeige auf den Boden.

Sie schüttelt mit dem Kopf.

Na toll.

Ich krame eine Kuba-Karte aus meinem Rucksack und zeige sie ihr. Sie studiert sie einige Augenblicke und zeigt auf eine Stelle, mitten im Nirgendwo, rund 40 Kilometer nördlich des Punktes, an den ich eigentlich wollte.

Die Uhr hat mittlerweile längst vier geschlagen und weit und breit ist kein Auto, kein Bus, kein gar nichts zu sehen.

Naja, irgendwann wird schon jemand kommen, der mich mitnehmen kann, denke ich, schleppe meinen Rucksack in Richtung einer Bank neben der Tanke und lege mich hin.

Ich ziehe den kubanischen Flaggen-Turban, den ich immer noch auf dem Kopf trage, tiefer ins Gesicht, damit mich die grelle Laterne nicht allzu doll blendet und ich zumindest ein paar Stunden Schlaf bekomme, als mich jemand antippt. Die Mutter des Jungen steht über mir und sagt irgendetwas auf Spanisch, das ich nicht verstehe.

Sie versucht es erneut, dieses Mal in gebrochenem Englisch.

„Ist Winter! Du erfrieren. Tot!“, sagt sie mir mit eindringlichem Ton. Ihren kleinen Sohn hat sie in eine dicke Decke eingewickelt durch die man sehen kann, wie sehr er zittert.

Sie meint es furchtbar ernst, aber ich muss trotzdem lachen.

„Es sind immer noch knapp 20 Grad, ich werde nicht erfrieren, glaub mir. Es ist wärmer als im Bus“

So warm wird es bei uns in Norddeutschland normalerweise nicht einmal tagsüber.

Im Hochsommer.

Sie sagt, dass ich bei ihrer Familie übernachten soll. Ich bedanke mich für das liebe Angbot, lehne es allerdings trotzdem ab.

„Das ist wirklich nicht nötig. Ich möchte niemandem zur Last fallen und ich habe echt kein Problem damit, zwei oder drei Stunden hier auf der Bank zu schlafen, bis mich jemand zur Schweinebucht mitnehmen kann“, versuche ich ihr zu erklären.

Aber sie lässt nicht mit sich reden und ruft ihren Vater an, damit der noch ein Fahrrad-Taxi mehr bestellt.

Sie heißt Yaira.

Eine knappe viertel Stunde später kommen zwei Bicis, die kubanische Art des Rikschas, quietschend um die Ecke gebogen. Yairas Vater umarmt seine Tochter herzlich, drückt dann seinen Enkelsohn und begutachtet mich etwas misstrauisch. Er diskutiert etwas mit Yaira und obwohl ich nichts verstehe, ahne ich, das ich das Thema der Diskussion bin. Irgendwann kommt er auf mich zu und zeigt auf eins der Bicis, in das ich mich setzen soll.

Wir fahren etwa 20 Minuten durch die Nacht, bis wir in eine kleine Siedlung aus grauen, großen Häuserblocks kommen, auf deren Zentrum die beiden Fahrrad-Taxis zusteuern und schließlich vor einem der Blocks stehenbleiben.

Ihre Mutter steht verschlafen in der Tür und fällt ihrer Tochter und ihrem Enkelsohn um den Hals, bevor sie mich mit einem festen Händedruck begrüßt.

Die Wohnung besteht aus zwei kleinen Zimmern und einer winzigen Küche. Das eine Zimmer gehört Yaira, ihrem Mann, der gerade in Havanna ist, und ihrem Sohn, in dem zweiten schlafen Yairas Eltern und ihr kleiner Bruder.

Yaira deutet auf das Bett in ihrem Zimmer und stellt meinen Rucksack darauf.

„Und wo schlaft ihr?“, frage ich sie.

„Bei meinen Eltern“, antwortet sie nur.

„Kommt gar nicht in Frage“, sage ich, nehme meinen Rucksack vom Bett und bringe ihn in die Küche, wo ich ihn neben den Küchentisch stelle.

„Ich schlaf auf dem Fußboden. Das ist wirklich kein Problem. Ich bin euch super dankbar, dass ich nicht draußen schlafen muss“, versichere ich Yaira, aber sie lässt nicht mit sich reden und beginnt in ihrer Muttersprache auf mich einzureden.

Yairas Mutter kommt aus ihrem Zimmer und fragt, ob es ein Problem gibt. Die beiden reden kurz auf Spanisch und Yaira erklärt ihr die Situation, woraufhin die Mutter meinen Rucksack nimmt und ihn wieder auf das Bett im Zimmer stellt.

„Kein Problem“, sagt sie nur lächelnd und geht wieder in ihr Schlafzimmer.

„Nein, das geht wirklich nicht. Ich kann nicht zulassen, dass ihr zu fünft in einem Zimmer schlaft und ich wie ein König im anderen“, versuche ich Yaira klarzumachen.

Aber Yaira schüttelt nur mit dem Kopf.

Sie nimmt meine Hände, blickt mich durchdringend an und sagt nur ein Wort:

„Bitte“

Ich nicke.

Ich fühle mich zwar immer noch schlecht, wenn ich an die Familie im Nebenzimmer denke, aber jede weitere Diskussion hätte den gleichen Ausgang gehabt. Außerdem ist es mittlerweile fünf Uhr morgens.

Ich lasse mich ins Bett fallen.

Eine Art Sägemehl rieselt langsam wie bei  einer Sanduhr aus einer aufgeplatzten Naht der alten Matratze auf den Holzfußboden.

Im Hausflur hatten wir bei unserer Ankunft bereits einige Kakerlaken bei ihrem Mitternachts-Spaziergang überrascht, die verschreckt in verschiedene Mauerritzen huschten, als wir das Licht im Flur anmachten.

Ich befürchte, dass das leise Rascheln unterm Fenster ebenfalls nicht der Wind ist.

Die Toilette hat zudem keine eigene Spülung, sodass ich mit einem Becher zuerst Wasser aus dem Hahn im Flur holen muss, bevor ich aufs Klo gehe.

Aber ich fühle mich nicht unbehaglich. Es ist nicht schmutzig in dem Zimmer und in der Wohnung. Im Gegenteil. Selbst die Spielsachen des Kleinen sind ordentlich in einer Spielzeugkiste verstaut, einige vergilbte Familienfotos stehen in kitschigen Plastikbilderrahmen, penibel aufgereiht auf einem kleinen Regal  und die Kleider des Jungen liegen säuberlich zusammengenommen auf einem kleinen, blaulackiertem Kinderstuhl.

Am nächsten morgen werde ich von einem leisen Klappern und Stimmen aus der Küche geweckt.

Ich habe lange nicht mehr so gut geschlafen. Ich war erfüllt von einer tiefen Dankbarkeit, die mich sanft in den Schlaf hat gleiten lassen. Und die Übermüdung hat wahrscheinlich auch ihren Teil beigetragen.

Die ganze Familie sitzt am Küchentisch und die Mutter fordert mich mit einem Lächeln und einer einladenden Geste auf, mich zu ihnen zu setzen

Yaira steht auf und läuft in der Küche umher um mir einen Kaffee zu machen.

Ich frage sie, ob ich ihr irgendwie zur Hand gehen kann, aber sie signalisiert mir nur, mich hinzusetzen und bringt mir eine Minute später einen frisch gebrühten Kaffee und setzt sich wieder zu uns.

Wir verständigen uns mit Händen und Füßen und lachen viel. Ich könnte den ganzen Tag bei Yaira und ihrer Familie bleiben, habe mir aber vorgenommen früh in Richtung Schweinebucht zu kommen, da ich keine Ahnung habe, wie es vor Ort mit einer Unterkunft aussieht. Ich trinke also meinen Kaffee aus und beginne mich fertig zu machen.

Ich schnüre meine Rucksack fest zu und begebe mich langsam in Richtung Tür.

Ich krame einen Schein aus meinem Portemonnaie und will ihm dem Vater geben, um mich zumindest etwas für alles was die Familie für mich getan hat zu revanchieren. Außerdem können sie das Geld sicherlich sehr gut gebrauchen.

Er allerdings ist zutiefst beleidigt von meinem Versuch, ihm Geld zu geben und winkt heftig kopfschüttelnd ab.

Yaira schiebt ihn zur Seite und drückt mir einen Zettel in die Hand.

„Das ist unsere Telefonnummer. Wenn du Hilfe brauchst, ruf uns an“

Ich umarme die Familie noch einmal und laufe zur Hauptstraße, wo mich nach knapp 20 Minuten ein Auto mit in Richtung Schweinebucht nimmt.

Ich bin immer noch von der Gastfreundschaft der mir völlig fremden Familie überwältigt, die mir zuteil wurde.

Ich stelle mir vor, wie die Geschichte wohl in Deutschland abgelaufen wäre, wenn jemand einen Typen wie mich schlafend auf einer Parkbank vorgefunden hätte.

Da ich mich außer mit einem ehrlichen Danke nicht bei der Familie revanchieren konnte, ist das einzige was ich tun kann, zu versuchen, es bei einem anderen Menschen wieder gut zu machen, der einmal in eine ähnlichen Situation steckt und dem ich durch solch eine vermeintlich simple Geste wie ein warmes Bett und eine Tasse Kaffee am Morgen helfen kann.

img_3827

Der Ruf der Aale bei Facebook

2 Gedanken zu “Im Nachtbus zur Schweinebucht, oder: warum man nicht viel haben muss, um etwas zu geben. (Kuba – Teil 7)

  1. Ganz, ganz tolles Kompliment!!!
    Habe genau die selben Erfahrungen gemacht. Meinen Kindern sagte ich: alles, alles anziehen, T-Shirt, Schlafanzug und noch was um den Hals!
    Als ich Alleine war, wollte ich das cubanische Leben kennen lernen. Lief auf der Landstraße und wurde natürlich angesprochen. Ich landete in einer Familie, war insge. ca. 2 Wochen dort. Es war jeden Abend außerordentlich lustig, die Nachbarn kamen, ich verstand nur wenig, aber immer ein herzliches Lachen.
    Beim Abschied weinen, das Schwein wird Weihnachten geschlachtet, wenn ich komme!
    Doch was bezahle ich? Habe dann Geld da gelassen.
    Das ist eine Seite von Cuba! Natürlich gibt es auch eine andere! Als Cuba-Freund muß man auch die Abzocke, die Betrügereien erkennen und sehen! Bedauerlicherweise wird gerade das bei den leichtgläubigen „14Tage Touristen“ auf Kuba, entweder nicht gesehen, oder negiert!
    Mein Credo: Freundschaft ist da, wo Geld fern ist!
    Habe wieder Sehnsucht nach Cuba, sehnsucht nach den Cubanern!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s