Der Berg ruft, oder: Schwitzen Walrösser eigentlich beim Sex? (Kuba – Teil 6)

Baracoa, Guantanamo

Ich bin jetzt seit fünf Tagen in Baracoa. Geplant waren eigentlich zwei. Seit drei Tagen allerdings finde ich keine Möglichkeit, aus Baracoa wieder wegzukommen. Die Camiones, umgebaute LKWs, auf deren Ladefläche man zusammengepfercht mit 50 anderen Menschen günstig von A nach B kommt, schaffen es nicht über die Berge (siehe Teil 5) und die Busse, die damit die einzige Möglichkeit für mich bieten, aus Baracoa herauszukommen, sind restlos ausgebucht.

Für die nächsten zwei Wochen, wie die nette Dame am Ticketschalter mir versicherte.

Ich solle es trotzdem am frühen Morgen noch einmal versuchen, riet sie mir, da könne es sein, dass einer der Passagiere abspringe. Das ließe sich allerdings meist erst spontan sagen.

Seit drei Tagen packe ich also jeden Morgen um sechs Uhr meinen Rucksack, laufe die immer gleiche Strecke von meinem Casa zur Busstation, um zu fragen, ob noch Platz im Bus ist, was verneint wird, winke dem abfahrenden Bus in Richtung Santiago de Cuba hinterher, laufe den gleichen Weg zurück, und frage die Besitzerin der Unterkunft, ob ich noch eine Nacht bleiben kann.

Obwohl reichlich anstrengend, ist die Situation für mich weit weniger nervenaufreibend als sie vielleicht sein sollte.

Um ehrlich zu sein, habe ich sogar jedes Mal ein klein wenig die Hoffnung, dass der Bus erneut ausgebucht ist, da ich so eine Ausrede habe, noch einen Tag länger im wunderschönen Baracoa zu bleiben.

Selbst wenn der zeitliche Puffer, den ich mir ausgerechnet habe, um meinen Rückflug nicht zu verpassen mit jedem neuen Tag dünner wird.

Ich habe also einen weiteren Tag in dem kleinen Städtchen am Meer, bevor ich mich morgen früh wieder auf den Weg zum Ticketschalter der Busfirma mache.

Die Besitzerin des Casas in dem ich die letzten vier Nächte verbracht habe, erwartet mich bereits.

„Ich weiß wo es lang geht“, signalisiere ich ihr, laufe die Treppe an der Seite ihres Hauses hoch in das kleine Gästezimmer, werfe meinen Rucksack ab und mache mich auf den Weg zum Strand.

Etwas außerhalb des kleinen Ortes gibt es einen kleinen, verlassenen Nationalpark an der Küste, den Parque Majayara, den ich mir ansehen will.

Der Weg führt geradewegs über einen aus pechschwarzem Sand bestehenden Strand.

Ich bin völlig allein, abgesehen von zwei Kubanern, auf die ich nach einem knappen Kilometer treffe und die Kokosnüsse von einer der Palmen am Rand des Strandes pflücken. Ich gehe zu ihnen und frage sie, ob ich ihnen eine ihrer Kokosnüsse abkaufen kann. Sie nicken, begutachten den Haufen grüner Kokosnüsse vor sich einen Augenblick, suchen sich eine der Nüsse aus und öffnen sie mit einer Machete.

„Willst du noch einen Schuss Limette in deine Kokosnuss?“ fragt mich einer von ihnen.

Was für eine Frage.

Kurze Zeit später setze ich meinen Weg über den Strand mit einer dicken Kokosnuss, inklusive einem Schuss Limette, in der Hand fort.

 

 

Ich laufe weiter über den Strand, während ich den Rest meiner Kokosnuss austrinke, lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen und ignoriere die Sorge, dass ich schon wieder vergessen habe mich einzucremen.

Weiße Gischt schlägt an den  Strand, umspült meine Füße und fließt langsam durch den schwarzen Sand zurück, bis sich das Spiel mit der nächsten Welle wiederholt.

Der Strand verläuft irgendwann in einen kleinen von Palmen, Farnen und bunten Blumen gesäumten Weg durch eine immer Dschungel-artiger werdende Landschaft.

Ich treffe nach ein paar Minuten auf einen etwas älteren Kubaner, der den gleichen Weg geht wie ich und mir lächelnd zunickt.

Wir kommen ins Gespräch und er erzählt mir, dass er Lehrer an einer Schule im Ort ist. Er will schwimmen gehen und fragt mich, ob ich ihn begleiten möchte.

Klar.

Er hat einige Narben im Gesicht, einen Goldzahn und einen Gesichtsausdruck, als hätte er die letzten Nächte durchgemacht.

Umso mehr ich mit ihm rede, umso weniger glaube ich ihm, dass er wirklich Lehrer ist, was mir allerdings auch relativ egal ist. Er ist nett und sieht so aus, als ob hinter seiner rauen Schale ein liebenswerter Kern steckt.

Er stellt sich als Manuel vor.

Wie ich bald herausfinde, gehen wir zum Schwimmen nicht an den Strand, sondern zu einem unterirdischen See in einer Tropfsteinhöhle.

Klingt doch gut, denke ich mir und frage Manuel, wo denn diese Höhle sei.

„Dahinter“, sagt er und zeigt auf einen Berg, der sich vor uns in einiger Entfernung auftürmt.

„Und wie kommen wir da herum?“, frage ich ihn.

„Gar nicht. Die Höhle befindet sich auf einem Privatgrundstück. Gehört ’nem Kumpel von mir. Das heißt wir müssen erst einmal auf den Berg rauf zu seiner Hütte und von dort aus dann auf der anderen Seite runter zur Höhle“, antwortet Manuel.

Als wäre meine Frage der Auslöser gewesen, wird der Weg plötzlich steiler.

Und steiler.

Immer weiter geht es bergauf. Meter für Meter, Kilometer für Kilometer.

Ich schnaufe wie ein Walross beim Geschlechtsverkehr und schwitze, sofern Walrösser schwitzen können, auch wie eins.

„Ich brauch ’ne Pause“, signalisier ich Manuel, aber der alte Mann ist gnadenlos.

„Wir sind gleich da“, sagt er zum mittlerweile sechsten Mal.

Dieses Mal hat er sogar recht. Vor uns hängt ein in die Jahre gekommenes Gartentor etwas schief in seinen Angeln. Dahinter steht zwischen Palmen eine kleine Hütte.

Auf der winzigen, selbstgezimmerten Veranda der Hütte sitzt ein älter Mann mit einer dicken Zigarre im Mund, der uns zuwinkt, als er Manuel erkennt.

Wir setzen uns zu ihm und er lacht freudig, als er erfährt, dass ich Deutscher bin. Wie sich herausstellt, hat er in den 70ern einige Zeit in Leipzig gearbeitet und gelebt.

Er fragt mich, ob ich auch aus der DDR komme, woraufhin ich ihm erkläre, dass die Mauer schon seit ein paar Jahren Geschichte ist, und wir jetzt ein gemeinsames Land sind, was er mit einem Kopfnicken zur Kenntnis nimmt, an seiner Zigarre zieht und uns fragt, ob wir einen Tee wollen.

 

Der Tee tut gut und ich bin nach der kurzen Verschnaufpause bereit für den Abstieg zur Höhle.

Eine improvisierte Treppe, die aus Steinen, Stöckern und den Wurzeln der Bäume besteht, die am Berghang wachsen,  führt uns die gleiche Höhe, die wir gerade mühsam heraufgekraxelt sind, auf der anderen Seite des Bergs wieder hinunter.

Unten angekommen stehen wir vor einem Haufen Felsbrocken in deren Mitte ein Loch ist. Die Höhle.

Manuel signalisiert mir hineinzuklettern und kramt eine alte Taschenlampe aus seinem Rucksack, die wahrscheinlich genau so alt ist wie Fidel Castro.

Ich geh voraus. Zehn Meter, zwanzig Meter. Die Steine werden immer glitschiger und die Höhle immer dunkler. Das Licht von der Oberfläche kommt in dieser Tiefe nicht mehr an und das Relikt, das Manuel eine Taschenlampe nennt, hat den Namen „Lampe“ wahrlich nicht verdient.

Und wo soll jetzt der See sein?, frage ich mich und stehe im gleichen Moment mit einem Fuß im Wasser.

Das Wasser des kleinen unterirdischen Sees ist so klar und die Oberfläche so spiegelglatt, dass ich den ganzen verdammten See nicht gesehen habe.

Scheiße, ich habe gar keine Badehose mit, denke ich mir, als Manuel kurz darauf nackt an mir vorbeiläuft und langsam ins Wasser steigt.

Ok, Badehose scheint nicht so wichtig zu sein.

Ich tue es ihm gleich und steige ebenfalls ins Wasser. Es ist frisch, aber nicht kalt und so sauber, dass das spärliche Licht der Taschenlampe ausreicht, um bis auf den Grund des kleinen Sees zu scheinen. Ich entdecke einige bleiche, fast weiße, Höhlenfische die zwischen mir und Manuel schwimmen.

Manuel grinst mich an.

Mir wird kurz bewusst, dass ich gerade allein mit einem nackten, alten Mann in einem Loch, 30 Meter unter der Erde sitze, schüttle den Gedanken allerdings schnell wieder ab und schenke meine Aufmerksamkeit  stattdessen wieder den kleinen weißen Fischen, die um mich herum schwimmen.

Manuel sagt irgendetwas auf Spanisch, das ich nicht verstehe.

Wahrscheinlich ein Witz, denn er lacht plötzlich so laut, dass die ganze Höhle vom Echo seiner Stimme erfüllt ist. Ich lache etwas gekünstelt mit und merke am schmerzhaften Ziehen in meinem Gesicht, dass ich einen ganz schönen Sonnenbrand habe.

Wir planschen noch etwas in dem kleinen See herum, bevor wir uns erfrischt wieder an den Aufstieg machen.

Als wir wieder oben auf dem Berg angekommen sind, ist von der Erfrischung bereits nicht mehr übrig.

Wir gehen wieder zurück zur Veranda der kleinen Hütte und setzen uns abermals zu dem Opa, der immer noch genüsslich an seiner Zigarre zieht.

Wir trinken eine weitere Tasse Tee mit ihm, verabschieden uns und machen uns wieder auf den Weg zurück, wobei sich am Horizont einige hundert Meter unter uns das Meer ausbreitet.

»Was  für ein Ausblick«, sage ich zu Manuel.

»Ist ok, aber wenn du einen wirklich guten Ausblick haben willst, müssen wir noch ein Stückchen weiter bergauf«, sagt er mir und deutet auf einen schmalen, felsigen Trampelpfad, der vom Hauptweg abzweigt und ohne ersichtliches Ende steil bergauf geht.

Er wartet meine Reaktion gar nicht erst ab, sonder nickt kurz, biegt auf den Pfad ab und beginnt den Aufstieg. Er signalisiert mir, ihm zu folgen, als ich zunächst keine Anstalten mache, hinter ihm her zu laufen. Ich werfe noch einen letzten, wehmütigen Blick auf den Weg bergab zurück zum Strand, dann beginne ich ebenfalls den Aufstieg.

Schritt für Schritt geht es den steilen Hang hinauf, immer in der Angst, dass ich auf den Geröll den Halt verliere und mir das Genick breche.

Meine Gedanken sind abermals bei kopulirenden Walrössern und der Frage, ob die voluminösen Tiere dabei schwitzen oder nicht.

Gerade, als ich Manuel fragen will, ob wir nicht doch noch einmal den Ausblick weiter unten ausprobieren sollen, hört die Steigung auf.

Der Gipfel.

Wir haben es tatsächlich geschafft.

 

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Vor mir breitet sich die gesamte Bucht der Bahía de Miel aus, an deren Ufer sich in einiger Entfernung die Häuser von Baracoa aneinanderreihen.

Ich bin mir relativ sicher, dass ich mich auf dem höchsten Punkt befinde, auf dem je ein Ostfriese gestanden hat. So ungefähr muss sich Reinhold Messner gefühlt haben, als er zum ersten Mal auf dem Gipfel des Nanga Parbat im westlichen Himalaya gestanden hat.

Mein Triumphgefühl wird nicht einmal geschwächt, als eine übergewichtige, englische Touristin in Bermuda-Shorts und mit einer Coca-Cola Flasche in der Hand mit ihrem ebenfalls übergewichtigen Kind neben mir ans Geländer tritt, die den Aufstieg anscheinend in Flip Flops gemeistert haben und die wesentlich fitter aussehen als ich.
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Ich genieße noch etwas den Ausblick, bevor Manuel und ich den Abstieg beginnen.

Unterwegs zeigt Manuel mir alles was er über die hiesige Flora und Fauna weiß. Ich verstehe nicht viel, aber er gibt mir allerhand zu essen, das er an irgendwelchen Büschen, Bäumen oder auch auf dem Boden findet. Mangos, Kaffeebohnen, Passionsfrüchte und allerhand Obst, das ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen habe und das es mit Sicherheit in keinem Supermarkt in Deutschland zu kaufen gibt.

Er reicht mir eine aufgeplatzte, faustgroße Frucht, die vor uns auf dem Boden liegt und aus deren Innern eine weiße, cremige Flüssigkeit läuft. Eine ganze Reihe Ameisen hat sich bereits daran gemacht, die Fruch mit ihrer süßen Fruchtcreme zu plündern. Manuell schnippst sie mit dem Finger herunter, reicht mir die Frucht und signalisiert mir sie zu probieren.

Sie schmeckt tatsächlich ganz gut. Eigenartig, aber gut.

Ich stoße auf etwas, das ich für einen Kern halte und beiße vorsichtig drauf.

Es knackt und der fruchtige Geschmack wird von einem ätzenden Chitin-Geschmack überlager, der sich leicht brennend über meine Zunge legt.

Jap… er hat nicht alle Ameisen erwischt.

Im nächsten Teil:

Im Nachtbus zur Schweinebucht

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