Planlos durch Guantanamo, oder: Kakaotrinken in Zeiten der Cholera (Kuba – Teil 5)

5. Januar, Baracoa/Guantanamo

„Guantanamo“. Als ich den Namen in verwitterten Buchstaben auf dem rostigen Ortsschild der Stadt sehe, habe ich plötzlich ein mulmiges Gefühl im Bauch. Zu viele schreckliche Berichte und verwackelte Bilder von Menschen mit Säcken über dem Kopf flackerten bereits durch die Medien, als dass es nicht so wäre.


Das Städtchen selbst wirkt indessen völlig unbeeindruckt vom Grund seiner traurigen Berühmtheit. Kinder spielen mit einer zertretenen Cola-Dose Fußball auf der Straße, ein älterer Mann mit Strohhut fährt mit seiner bis zur Belastungsgrenze der Achse beladenen Pferdekutsche holpernd über die Straße und ein überdimensionales Propaganda-Banner am Ortseingang zeigt „El Comandante“ Fidel Castro und seine Mannen zu Zeiten der Revolution, die Gewehre stolz in die Luft gestreckt, während die kubanische Flagge dezent in den Hintergrund retuschiert wurde.

Ich drücke meine Nase an die verdreckten Scheiben des Busses und halte Ausschau nach irgendwelchen ausgebrochenen Häftlingen, die sich in ihren orangefarbenen Jumpsuits durch die Büsche der Vorstadt schlagen. Vergebens.

Ich befinde mich auf dem Weg nach Baracoa.

Das kleine Hafenstädtchen liegt so versteckt hinter den grünen Bergen der Guantanamo-Provinz am östlichsten Zipfel der Insel, dass es, wenn auch kein Geheimtipp, so doch zumindest ein wenig beachteter Flecken Erde der Insel ist. Wenn auch nicht wegen seiner touristischen Belanglosigkeit, sondern lediglich aufgrund der Erschwerlichkeit des Anfahrtswegs. Busverbindungen dorthin gibt es erst seit ein paar Jahren , da die alten Busse  bis dato schlicht nicht genügend Pferdestärken hatten, um es über die steilen Bergkämme zu schaffen. Und noch immer stöhnen die Dieselmotoren der Busse unter Anstrengung, während sie sich Stunde um Stunde schaukelnd die Serpentinen und Bergkämme hoch kämpfen. Auch meiner ist hier keine Ausnahme.

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Da ich meinen Reiseführer eher als Schreibunterlage für Postkarten benutze, denn als wirkliches Nachschlagewerk, weiß ich (wie die meiste Zeit bisher in Kuba) nicht, was mich auf der anderen Seite der Berge erwartet. Mein einziges Ziel ist, dass ich keines habe. Denn ich habe mir schnell abgewöhnt in irgendeiner Weise vorausschauend zu reisen, da mir die nicht vorhandene kubanische  Zeitökonomie, das Wetter, ausgebuchte Busse, Autopannen oder meine eigene Schusseligkeit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Und wenn man, wie ich, von vornherein keinen Plan hat, kann dieser auch nicht schiefgehen. Ganz einfach, eigentlich.

Über Baracoa weiß ich lediglich das, was ich einige Tage vorher von einem bekifften kubanischen Rastsafari gehört habe. Dass es „ganz schön cool“ sein soll, wie er es ausrückte. Was mich etwas verunsicherte, war, dass er auch Dinge wie IPhones, Cheeseburger, das flackernde Licht der Straßenlaterne unter der  wir zusammen bei einem Cuba Libre saßen und eigentlich alles über das wir uns unterhielten „ganz schön cool“ fand.

Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit im viel zu stark klimatisierten Bus den Hafen von Baracoa passiere, der Busfahrer auf den geschotterten Vorplatz der Bushaltestelle fährt und ich leicht unterkühlt meinen Rucksack schultere, frage ich den Fahrer beim Aussteigen daher, ob es irgendetwas gibt, das ich mir nicht entgehen lassen sollte.

„Hmm… Du solltest Kakao trinken gehen. Ziemlich guter Kakao in Baracoa. Den besten, wenn du mich fragst“, murmelt er mir entgegen.

Ein Kulturprogramm nach meinem Geschmack, auch wenn ich ernsthaft bezweifele, dass der Kakao besser sein wird, als der meiner kubanischen Mutti (Siehe Teil 4).

Vor dem Parkplatz der Busfirma steht eine kleine, runzlige Frau, die mich mit eisernem Blick fixiert, während ich unweigerlich auf sie zusteuere, da sie sich mitten in den schmalen Ausgang gestellt hat.

Sie winkt mir zu und deutet mir an ihr zu folgen, während sie irgendetwas mit ihrem zahnlosen Mund brabbelt. Für eine Drogendealerin schätze sich sie rund 50 Jahre zu alt ein. Obwohl es sehr gut sein könnte, dass sie Al Capone noch persönlich aus seiner Zeit in Havanna kannte. Sie will mir daher bestimmt ein Zimmer vermieten, denke ich.

Aus Ermangelung jeglicher Spanischkenntnisse nicke ich einfach nur und folge ihr. Meine Intuition hat mich nicht getäuscht und ich habe tatsächlich eine Bleibe gefunden. Ich bedanke mich bei ihr, werfe meinen Rucksack aufs Bett und beschließe, mich direkt auf die Suche nach einem Kakao zu machen.

Ein kurzer Geruchstest unter den Achseln bewegt mich allerdings dazu, zunächst mein Hemd zu wechseln.

Ich greife nach dem nächstbesten Oberteil in meinem Rucksack, rieche daran und beschließe, mein aktuelles Hemd doch noch etwas anzulassen, während ich mir die Tränen aus den Augen wische.


Baracoas „Zentrum“ ist, wie erwartet, sehr übersichtlich. Ein Marktplatz, eine kleine Straße mit einer Post, einer Handvoll Bars, zwei oder drei kleine Restaurants und ein Kunst-Laden der furchtbar schrille Bilder von alten, amerikanischen Autos, nackten Kubanerinnen und Che Guevara verkauft sowie ein kleines Geschäft in dem man den gesamten Rest erwerben kann, also alles was man nicht essen, trinken oder sich an die Wand hängen kann.


Ich steuere auf das erstbeste Café zu.

An der linken Seite des Gebäudes hängt eine tanzende Kakaobohne. Das baumelnde Schild Schild über dem Eingang, auf dem in bunten Buchstaben „Casa del Cacao“ steht, ziert ein abstraktes rundliches Ding, das ich, ohne mich zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen, ebenfalls als Kakaobohne einstufen würde.

Ich betrete das Innere des Casa del Cacao und fühle mich direkt wie in der Erwachsenen-Version von Willy Wonkas Schokoladenfabrik. Kitschige bunte Bilder von Kakaobohnen in allen erdenklichen Variationen hängen an der Wand, während der wissbegierige Gast auf einigen Schautafeln alles über die Kakao-Herstellung lernen kann.

Der Name des Casa del Cacao ist eindeutig Programm.

„Einen Kakao hätte ich gerne“, sage ich freundlich über die Theke gebeugt und schieb der Bedienung einen Schein über den Tresen.

„Haben wir nicht“, grummelt mir die Frau unfreundlich entgegen.

Ich stutze kurz und wiederhole meinen Wunsch, da ich annehme, dass mich die Bardame einfach nicht richtig verstanden hat, doch werde direkt unterbrochen.

„Haben wir nicht, hab ich doch gesagt. Probier es beim Casa del Chocolate“, sagt sie mir noch unfreundlicher.

Auch im Casa del Chocholate, das es nicht weniger dezent mit seinem kakaobezogenen Interieurs hält, als das Casa dem Cacai, hält der Name eindeutig nicht, was er verspricht. Kakao? Nada!

Ich solle es im Schokoladen-Laden auf der anderen Straßenseite probieren.

Auch hier erlange ich schnell erschreckende Gewissheit: keine Schokolade, kein Kakao.

Der Besitzer des schokoladenlosen Schokoladen-Ladens, erklärt mir allerdings endlich den Grund für die Kakao-Knappheit von Kubas vermeintlicher Kakao-Hauptstadt: Cholera.

Ich war bis dato der Auffassung gewesen, dass die Cholera in der heutigen Zeit nur noch als Aufmacher für historische Liebesdramen benutzt wird, aber keine mehr real-existierende Gefahr für Leib, Leben und Kakao darstellt. Cholera ist doch so was von 19. Jahrhundert…

Aber anscheinend ist dem nicht so und die kubanische Regierung hat als Zwangsmaßnahme den sofortigen Ausschankstopp für Kakaogetränke angeordnet, um der akut grassierenden Krankheit Einhalt zu gebieten.

„Scheiße… dann hätte ich gerne eine Cola“, sage ich.

»Cola ist auch aus. Aber ich kann dir einen Cocktail machen. Für Mojitos oder Caipirinha haben wir alles da«, sagt der Barkeeper und zeigt auf einen großen Haufen frischer Pfefferminze neben sich, der neben einem Berg an Limetten liegt. Dahinter steht genügend Rum, um mich für den Rest des Urlaubs meinen Wunsch nach Kakao vergessen lassen sollte.

Ich nicke resignierend.

Diese Insel will mich einfach nicht nüchtern lassen.

Im nächsten Teil:

Der Berg ruft, oder: Schwitzen Walrösser eigentlich beim Sex?

Der Ruf der Aale bei Facebook

Ein Gedanke zu “Planlos durch Guantanamo, oder: Kakaotrinken in Zeiten der Cholera (Kuba – Teil 5)

  1. Viele wollen nach Baracao! Warum eigentlich?
    Liegt sicher nicht an der Geschichte, Baracao war der letzte Hafen spanischer Karavellen nach Europa.

    Der Grund, ganz einfach, es liegt am Ende einer Straße! und wer kehrt schon vorher um? Keiner!

    Neben Kakao (Havanna) war ich hin und weg durch Schokolade. Man mußte schon fragen, in Geschäften,oder auf der Straße. Immer als Riegel eingepackt, für eine peso national! – Lecker!

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