Jakobsweg Teil 2 – Eine Pizza zum Jakobsweg, bitte, oder: Fear & Loathing in den Fröruper Bergen.

TAG 3 – Von Flensburg nach Sieverstedt, 20 Kilometer

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Von Flensburg sind es 3127 Kilometer bis nach Santiago de Compostela.

0,28 Prozent davon habe ich also bereits geschafft, denke ich nicht ohne Stolz, als ich auf den Sankelmarker See kurz hinter Flensburg blicke.

Zeit für eine Verschnaufpause.

Bei mir sind Praktikant Amed Sherwan und der Straßenmusiker Per Kruse, den ich für den nächsten Teil meiner Zeitungs-Serie über diesen Pilger-Trip interviewe.

Per ist nicht nur ein großartiger Musiker (Siehe hier), sondern vor einigen Jahren auch 800 Kilometer auf dem spanischen Jakobsweg gelaufen. Und das ohne einen Pfennig Erspartes.

„Ich wollte mir selbst beweisen, dass es möglich ist von meiner Musik zu überleben, denn ich habe während der Zeit nur von Straßenmusik gelebt. Ich bin mit knapp 40 Euro in der Tasche gestartet und hatte 2,50 Euro, als ich drei Monate später wieder in Flensburg stand“, erzählt der gebürtige Kopenhagener.

In größeren Städten die auf seinem Weg lagen, hat er dafür jeweils zwei Tage Halt gemacht, um genug Geld zu erspielen, damit er die vier bis fünf Wandertage bis in die nächste Stadt um die Runden kam.

Wir sitzen in einem kleinen Café nahe des Sees, während Per uns von seinen Erlebnissen auf dem Jakobsweg erzählt und den Menschen, die er dort getroffen hat.

„Man hat sofort ein Gemeinschaftsgefühl, denn alle laufen ja auf ein gemeinsames Ziel zu. Selbstverständlich mit unterschiedlicher Motivation, aber die Tatsache, dass man den Jakobsweg läuft, erzeugt sofort eine Art Solidarität. Auch wenn man im normalen Leben nie etwas miteinander zu tun haben würde“, sagt er.

Eine dieser Begegnungen war ein Kanadier, den Per über einige Tage verteilt immer wieder traf. So auch, als gerade eine Pause auf dem Weg einlegte. „Wir haben einige Zeit geredet und irgendwann hat er sich plötzlich geöffnet und mir erzählt, dass er sieben Jahre lang seine Frau betrogen hatte. Er musste jetzt nach Hause und geradestehen und hatte tierische Angst seine Frau, seinen Job und seine Karriere zu verlieren. Wie sich herausstellte, war er Priester“, erzählt Kruse.

Anschließend ist der Kanadier weitergelaufen. „Ich habe meine Sachen gepackt und wollte auch weiter, aber auf einmal war mein Gepäck so schwer, als hätte seine Geschichte meine komplette Energie geraubt. Ich bin einen Kilometer gelaufen und auf einmal kam mir eine Melodie in den Kopf. Ich habe mich hingesetzt und zwanzig Minuten später war ein Lied fertig. Und auf einmal war auch mein Gepäck wieder leichter, als hätte sich irgendwas in mir wieder gelöst“, sagt er. So schnell er konnte lief er dem Kanadier hinterher, in der Hoffnung ihn irgendwie einzuholen und tatsächlich kam der Priester im nächsten Dorf um die Ecke.

„Dann habe ich ihm das Lied vorgespielt, denn es war ja nicht mein Lied, sondern ich habe es ja für ihn geschrieben. Er sank auf die Knie und es flossen einige Tränen, aber am Ende fühlte auch er sich befreit“, erzählt Per.

(Video: Dennis Kater)

Per ist einer der Menschen, die in ihrem Leben schon so viel erlebt haben, dass es eigentlich für zwei reicht.

Er hat so eine klare, differenzierte Weltanschauung, dass ich jedes Mal mein Leben auf den Kopf stellen will, wenn ich mit ihm geredet oder einfach nur ein Bier getrunken habe.

Er selbst hat sich von fast allem materiellen Hab und Gut losgesagt. Was er noch hat, passt in einen Rucksack, eine kleine Tasche und einen Gitarrenkoffer.

Mein ganzer Kram hat beim letzten Umzug noch nicht mal in einen Sprinter gepasst.

Tasche, Rucksack und Gitarrenkoffen stehen neben ihm, während wir Kaffee trinken und uns die Sonne auf den Bauch scheinen lassen.

„Das ist ein unheimlich befreiendes Gefühl, sich loszumachen. Umso mehr Besitz man anhäuft, umso mehr Verpflichtungen gehen damit einher. Es gibt leider heute viel zu viele Leute die unglücklich sind, aber die wenigsten Menschen können sich eine Auszeit leisten, auch wenn sie diese bräuchten“, sagt Kruse.

Er hat sich vorgenommen, sich Zeit zu nehmen bis er 50 ist, um herauszufinden, wie er wirklich leben möchte. Dafür hat er noch zwei Jahre und will in dieser Zeit den Jakobsweg noch einmal laufen, zehn Jahre nach dem erste Mal.

„Was gefehlt hat, war Zeit. Ich war zwar sieben Wochen auf dem Jakobsweg unterwegs, aber ich hätte auch sieben Jahre laufen können. Allerdings musste ich wegen einer neuen Wohnung zu einem bestimmten Datum wieder in Flensburg sein. Dieses Mal mache ich es ohne Zeitdruck. Ich will so viel mitbekommen wie möglich. Das letzte Mal hatte ich das Gefühl, dass ich eine Menge verpasst habe“, sagt er.

Apropos Zeitdruck. Wenn wir nicht langsam weiterlaufen, kommen wir nicht mehr vor dem Dunkelwerden in Sieverstedt an, unserem nächsten Ziel auf dem Weg, denke ich mir.

Amed und ich verabschieden uns von Per und laufen weiter in Richtung Süden.

Amed wollte eigentlich nur ein harmloses Schulpraktikum bei meiner Zeitung machen. Zwei Wochen hineinschnuppern ins Journalistenleben. Und nun läuft er neben mir, Rucksack auf dem Rücken, Blasen an den Füßen, einmal quer durch Schleswig-Holstein.

Vom Zeitungs- zum Pilger-Praktikanten.

Ich hab eine Bescheinigung an seine Schule geschickt, in der ich geschrieben habe, dass wir ihn noch zwei Wochen länger benötigen. Warum, habe ich vorsichtshalber weggelassen.

Es geht abermals über kleine Feldwege und entlang von Landstraßen durch die südschleswigsche Natur.

Kurz hinter Oeversee biegen wir, wie uns die Pilger-Wegweiser am Wegesrand geheißen, in die Fröruper Berge ab.

Wir treffen zunächst eine Gruppe Camper aus dem Ruhrgebiet, die zwar keine Ahnung zu haben scheinen, wo sie selbst sind, uns aber trotzdem meinen erklären zu müssen, wo wir lang gehen sollten. Unser Problem ist, dass wir auf sie gehört haben. Der Wald wird schnell immer dichter, der Pfad auf dem wir uns durch ihn hindurchschlagen immer unwegsamer.

Irgendwann hören die Wegzeichen auf und der Weg selbst tut es ihnen kurz darauf nach.

Wir sind in einer Sackgasse gelandet.

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Egal welchen Spaziergänger oder Jogger wir anschließend fragen, wo wir lang müssen, wir werden meist in genau die Richtung wieder zurückgeschickt aus der wir gerade kamen.

Es ist ein wahres Labyrinth und statt vernünftigen Schildern auf denen vernünftige Richtungsangaben stehen wie „Sieverstedt diese Richtung“ oder zumindest „Raus aus diesem Scheiß-Wald diese Richtung“ zeigen die Schilder nur verschiedene Symbole wie Schmetterlinge, Eulen oder Frösche, die anscheinend für verschiedene Wanderrouten stehen. Wo diese Routen allerdings hinführen steht nirgends.

Welcher verdammte Waldorf-Pädagoge hatte diese großartige Idee?

Ich bekomme fast schon einen Hass auf die Eulen und Schmetterlinge, die mich schadenfroh von den Wegschildern anzugrinsen scheinen, während ich wieder und wieder aus verschiedenen Richtungen an ihnen vorbeilaufe.

Als ich kurz davor bin Amed vorzuschlagen, dass wir einfach in den Fröruper Bergen schlafen und unser Glück aus ihnen herauszufinden am nächsten Tag noch einmal versuchen sollten, treffen wir auf ein Pärchen mit Hund, das tatsächlich zu wissen scheint, wo wir sind, und, viel wichtiger, wie wir aus diesem Wald herauskommen. Wir schildern ihnen kurz unser Leid und sie fangen an zu schmunzeln.

„Das ist ja witzig. Wir haben letztes Jahr schon einmal eine Pilgerin getroffen, die nach Lübeck wollte und sich in den Fröruper Bergen verlaufen hat. Wir haben sie hier herumirrend gefunden, als es schon begann dunkel zu werden. Sie hatte danach so die Nase voll, dass sie in Tarp den Zug nach Lübeck genommen hat“, erzählt der Mann. Ich kann die Dame sehr gut nachvollziehen.

„Aber keine Sorge, wie zeigen euch den Weg. Ist eigentlich ganz einfach“, sagt er.

Als wir es endlich aus dem Fröruper Labyrinth herausgefunden haben, bekommen wir langsam Hunger. Dann uns fällt auf, dass wir gar nichts wirklich Essbares mithaben, da wir uns eigentlich im nächsten Ort mit Lebensmitteln eindecken wollten.

„Wir könnten einen Pizza bestellen. ‚Einmal zum Jakobswegs, bitte'“, schlägt Amed vor.
Ich müssen beide laut lachen. Mit jedem Schritt allerdings, in dem mir mein Magen weiter in die Kniekehlen sinkt, kommt mir Idee besser vor.

Irgendwann kommen wir zur Schutzhütte in der wir schlafen wollen. Drei Wände, ein Dach, nach vorne offen.

Rundherum Wald und keine Möglichkeit weit und breit, etwas zu Essen zu bekommen.

Wir werden verhungern, denke ich mir.

Als mein Arbeitskollege Volker mich aus Sieverstedt in genau dem Moment anruft, in dem ich gerade überlege, ob man Tannennadeln essen kann und mich fragt, ob Amed und ich nicht zum Grillen vorbeikommen wollen,  schicke ich kurz ein Stoßgebet an alle Götter die mir einfallen.

Ein Wunder!

Auf dem Jakobsweg!

„Ich weiß ja nicht, ob ihr unbedingt in der Hütte im Wald zu schlafen wollt, aber ihr könnt auch hier pennen. Kommt einfach vorbei“, sagt Volker am Telefon.

„Bier hab ich kalt gestellt“, ergänzt er.

 

Halleluja!!

Der Ruf der Aale bei Facebook.

Die Teile 3 bis 10 folgen… irgendwann..

 

 

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