Jakobsweg Teil 1 – Nordisches Flachland statt spanisches Hochland, oder: Immer diese Pilgeranfänger

Ich bin dann mal weg – im kerkelingschen Sinn. Auf dem Jakobsweg. Nicht durch das spanische Hochland führt mich der Camino allerdings, sondern mitten durch das süddänische und norddeutsche Flachland. 14 Tage und 225 Kilometer von Rødekro/DK bis Lübeck. Hierin unterscheide ich mich von meinem Pilger-Vorbild Hape.

Und das ganze auch noch beruflich. Für die Zeitung, für die ich arbeite, soll ich jeden Tag Reportagen von meiner Pilgertour liefern, über die Leute, die ich auf meinem Weg treffe und über die Orte die ich passiere.

Streng genommen ist jeder Weg, der zur Kathedrale von Santiago de Compostela in Spanien führt, ein Jakobsweg – sogar die A7. Dennoch haben sich über die Jahrhunderte bestimmte Routen gebildet, die von Pilgern aus der ganzen Welt genutzt werden, um ihr Ziel im Herzen Galiciens zu erreichen. Die Via Jutlandica ist der nördlichste deutsche Jakobsweg. Er verbindet historische Pilgerrouten in Dänemark, Schweden und Norwegen mit dem spanischen Camino de Santiago und schlägt so die Brücke zwischen Skandinavien und Santiago de Compostela.

Als ich einen letzten Blick auf meine Route werfe und den Weg, der vor mir liegt, beschleicht mich das leichte Gefühl, dass ich mir mal wieder zu viel aufgehalst habe.

TAG 1 –  Von Rødekro bis Kliplev, 18 Kilometer

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Meine Pilgertour beginnt am Bahnhof von Rødekro.
Ich atme noch einmal tief ein. Die Wanderstiefel sind am Vortag frisch eingefettet worden und versprühen immer noch einen starken Duft von Schuhfett. Der Rucksack wird ein letztes Mal festgezurrt, ich gehe im Kopf noch einmal durch, ob ich wirklich alles von Aspirin bis Zahnpasta dabei habe. Habe ich natürlich nicht.

Fuck.

Ich habe sowohl meine Kulturtasche, als auch meinen Beutel mit Medikamenten und Blasenpflastern in Flensburg vergessen.

Egal, wird schon passen, denke ich mir und laufe los.

Die ersten Schritte auf dem Jakobsweg.

Bis jetzt keine Erleuchtung.

Kommt vielleicht noch.

Es geht zunächst durch den Ortskern von Rødekro, wo sich im 70er-Jahre-Fertigbau-Charme gebaute Häuschen aneinanderreihen und einige vereinzelte Supermärkte und Pizzabäcker abwechseln, bevor mir das erste Zeichen mit dem Wort „Pilgerroute“, signalisiert, von der Hauptstraße herunter auf einen kleinen Waldweg abzubiegen.

Das Rauschen der Autos wird leiser und wird von Zwitschern der Vögel abgelöst.
An der Kirche von Rise treffe ich meinen ersten Pilger-Kollegen. Gänzlich in grüner Wachstracht gekleidet, mit einem großen Schlappgut auf dem Kopf, einem langen Wanderstab in der Hand, einem stattlichen Bierbauch und einem mächtigen, grauen Bart, sieht er aus, als wäre er von einer Alm in Tirol ausgebrochen.

Ich frage ihn wohin er pilgert. „Soweit die Füße tragen. Vielleicht bis Norwegen, mal schauen“, sagt er und zuckt mit den Schultern.

Er erzählt mir, dass er vor kurzem einen Motorradunfall hatte und die ganze Pilgertour trotz mehrerer Schrauben und Metallplatten an seiner Wirbelsäule macht. Ich bin kurz sprachlos. Das ganze Gespräch dauert nur etwa eine Minute, dann gehen der Alm-Öhi und ich in getrennte Richtungen auseinander. Er in Richtung Norden, ich in Richtung Süden.
Binnen weniger Augenblicke ist auch das letzte Haus hinter mir verschwunden und vor mir liegen nur noch weite Felder und Wiesen.

Für die nächsten Stunden ist nichts zu hören, als das Singen der Vögel und das gelegentliche Blöken einer Kuh.

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TAG 2 – Kliplev bis Flensburg, 21 Kilometer

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Ich hatte eigentlich gedacht, dass meine Wanderschuhe genügend eingelaufen seien. Das war ein Trugschluss. Es kann natürlich auch sein, dass ich die falschen Socken gekauft habe. Oder ich habe einfach merkwürdige Füße. Jedenfalls schmerzen diese mittlerweile so sehr, dass ich beim Aufstehen kurz wieder in mein Bett zurückgesunken bin, nachdem ich meine Beine zuvor schwungvoll aus diesem heraus bewegt habe.

In der Herberge in der ich die erste Nacht meiner Pilger-Tour verbracht habe, ist in einem alten Bauernhof mitten im Nirgendwo, außerhalb von Kliplev untergebracht. Ich sitze am Frühstückstisch mit zwei älteren Damen, die mich sorgenvoll angucken, als ich mir mit schmerzverzerrtem Gesicht die Füße reibe. „Neue Schuhe“, erkläre ich ihnen.

„Hast du sie dir zu groß gekauft?“, fragt mich die kleinere der beiden. „Ne, ne. Die passen genau“, antworte ich.

Die beiden ziehen synchron die linke Augenbraue hoch, grinsen und tauschen einen Blick aus der sagt: „Typisch, immer diese Anfänger.“

Wanderschuhe müsse man immer zwei Nummern zu groß kaufen, da die Füße während des Wanders anschwellen, erklären sie mir. Sie müssten es wissen, wie sie mir kurz danach beteuern, denn sie sind sowohl den Camino in Spanien, als auch den gesamten Ochsenweg durch Dänemark gepilgert. „Ich glaube, wir können dir helfen“, sagt die eine, steht auf, kommt mit einer Tasche voller Medikamente wieder und fordert mich auf, ihr meine Füße zu zeigen.

„Müssen wir amputieren?“, frage ich. Die beiden Pilger-Omas lachen. „Blasenpflaster reichen, glaube ich“, sagt die eine, greift in ihre Hausapotheke und holt zwei große Pflaster heraus.

Dann gibt sie mir noch zwei Stücke Watteverband mit und erklärt mir, dass ich die Stücke in den Fersenbereich meiner Socken stopfen soll, bevor ich loswandere.

Ich bedanke mich und tue wie mir geheißen. Die Watte hilft tatsächlich und sorgt für eine gute, zusätzliche Polsterung, sodass ich meinen Weg nach Flensburg fortsetzen kann.

Zumindest am Anfang.

Dann fangen meine Füße wieder an zu brennen.

Die Schmerzen werden mit jedem Schritt schlimmer.

Ich mache eine Pause, ziehe vorsichtig meine Schuhe aus und begutachte meine Füße.

Meine Socken haben sich mittlerweile rot verfärbt.

Ich wickle die blutigen Verbände ab und lege aus Ermangelung an neuem Verbandszeug Tempo-Taschentücher auf die wunden Stellen, bevor ich meine Socken wieder vorsichtig anziehe.

Schritt für Schritt laufe ich weiter und gebe dabei Geräusche von mir, die klingen, als würde ich versuchen, mir eine Ananas in den Arsch zu schieben.

Die Stunden ziehen dahin, während ich das Gefühl habe, mich überhaupt nicht von der Stelle zu bewegen.

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Gerade, als der Gedanke, mich einfach in ein Gebüsch am Straßenrand zu legen und zu sterben immer verlockender wird, sehe ich das Ortseingangsschild Flensburgs vor mir.

Ich schleppe mich die Förde entlang.

Der erste Gang in Flensburg gilt Bens Fischhütte am Flensburger Museumshafen.

Ich sinke erschöpft auf dem alte Bollwerk des Stegs vor der Fischbude nieder, lasse mich vom Wind berieseln, schauen den alten Holzschiffen im Hafen dabei zu, wie sie gemächlich hin und her schaukeln und beiße genüsslich in mein Fischbrötchen.

Besser als Sex.

Als ich aufgegessen habe, führt mich mein zweiter Gang direkt in die nächste Apotheke, wo ich mich mit so vielen Blasenpflastern eindecke, dass sie wahrscheinlich bis Santiago reichen würden.

Der Ruf der Aale bei Facebook

In nächsten Teil:

Eine Pizza zum Jakobsweg, bitte, oder: Fear & Loathing in den Fröruper Bergen.

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