The Star-Spangled Boxershorts, oder: Warum man immer kontrollieren sollte, ob man seinen Schlüssel dabei hat, bevor man die Tür zuzieht.

Flensburg, Sonntag, 6 Uhr morgens.
Irgend etwas zwickt an meiner Nase.

Ich blinzle schlaftrunken und sehe direkt in die Augen meines Hundes Polli, der auf meinem Bauch steht und mich schwanzwedelnd anblickt, während er mir abermals in die Nase beißt.

„Musst du pinkeln?“, frage ich ihn. Er beißt mir noch mal in die Nase.

Ich interpretiere das als „Ja“.

Ohne wirklich die Augen zu öffnen, steige ich aus dem Bett in meine Schlappen, klemme den Hund unter meinen Arm und zieh die Tür hinter mir zu um Polli die Treppen herunter in den Garten zu lassen.

Dann bin ich schlagartig wach.

„Fuck“, denke ich nur, während das Geräusch des einrastenden Türschlosses durch den Hausflur hallt und ich den Türknauf immer noch in der Hand halte.

In meinem Kopf höre ich die weit entfernten Worte meiner Freundin: „Ich hab dir meinen Schlüssel hier hingelegt“, hat sie mir vor einer Viertelstunde auf ihrem Weg zur Arbeit mitgeteilt, was ich zwar im Halbschlaf mitbekommen, aber mental nicht wirklich verarbeitet habe. Meinen eigenen Schlüssel hatte ich Tags zuvor bei der Arbeit vergessen.

„Fuck“, rufe ich, während Polli mich erschrocken anguckt.

Ich blicke erst zu Polli, dann zur Tür und dann an mir runter. Ich habe weder ein Handy dabei noch eine Hose an. Nur eine Boxershorts, die aussieht wie eine Amerikaflagge.

Fuck, fuck, fuck.

Ich gehe im Kopf meine Möglichkeiten durch, wie ich wieder in die Wohnung komme ohne die Tür einzutreten.

a) Zur Arbeit meiner Freundin gehen.

Fällt flach, da ich keine Hundeleine habe und ich Polli nicht durch ganz Flensburg tragen kann. Außerdem habe ich immer noch keine Hose an und sie keinen Schlüssel. Den habe ich. Und der liegt in der Wohnung.

b) Ich könnte einen meiner Kollegen anrufen, damit er mir meinen Schlüssel aus der Schublade meines Schreibtisches holt und vorbeibringt.

Fällt ebenfalls flach, da alle meine Kollegen schlafen, es Sonntag ist und ich alle ihre Nummern in meinem Handy gespeichert habe, das auf meinem Nachtisch liegt.

c) Ich könnte bei einem meiner Nachbarn klingeln um zu fragen, ob ich den Schlüsseldienst anrufen könnte, was allerdings teuer wird.

d) Ich könnte mich einfach auf den Boden setzen und weinen und hoffen, dass sich alles von selbst klärt.

Letzteres scheint mir in diesem Moment am Rationalsten, aber ich beschließe trotzdem zuerst bei meinen Nachbarn zu klingeln.

Es bereitet mir beinahe physische Schmerzen am Sonntagmorgen um kurz nach sechs Uhr morgens bei meinen Nachbarn zu klingeln, von denen ich noch nicht einmal weiß, wie sie mit Vornamen heißen.

Mit zusammengekniffenen Augen drücke ich auf den Klingelknopf der Wohnung unter uns, in der ein junges Pärchen mit ihrem Baby wohnt, während das schrille Geräusch der Klingel durch das ansonsten ruhige Innere der Wohnung dringt.

Meine Nachbarin macht mir im Schlafanzug und mit zerzausten Haaren die Tür auf.

„Tut mir wahnsinnig leid, dass ich euch wecken musste, aber ich hab mich ausgeschlossen als ich mit dem Hund raus wollte und jetzt wollte ich fragen, ob ich von euch aus den Schlüsseldienst anrufen kann“, sage ich.

„Ach Scheiße. Ja klar, kein Problem, der Kleine ist gerade erst eingeschlafen, von daher war ich eh noch wach“, antwortet sie mitleidig lächelnd.

„Ich hoffe, ich hab ihn nicht geweckt“, sage ich und bekomme ein schlechtes Gewissen.

„Nene, wenn er erst einmal schläft, dann schläft er zum Glück auch“, sagt sie und man sieht ihr an, dass sie diese Nacht wahrscheinlich noch nicht allzu viel Schlaf hatte.

Ich höre das leise aber vehemente Schreien aus dem Schlafzimmer im gleichen Augenblick wie sie und sehe wie ihr Wunsch auf etwas Ruhe vor ihren Augen zerbricht. Zerstört von einem Typ in Boxershorts mit einem Hund auf dem Arm.

Sie drückt mir ihr Handy in die Hand und sagt mir, dass ich bis der Schlüsseldienst kommt bei ihr in der Küche warten kann, während sie zurück ins Schlafzimmer geht, um ihr Baby zu beruhigen.

Nach etwa einer Stunde, in der ich versucht habe auf dem unbequemsten Hocker der Welt zu schlafen, einem Möbelstück, das wahrscheinlich in Guantanamo ein ideales Gerät für den Schlafentzug der Gefangenen abgeben würde, klingelt es.

„Warum gehst du nicht an dein scheiß Handy, Mann?“, ist das erste, was der Typ vom Schlüsseldienst zu mir sagt.

„Sorry, war nicht mein Handy, sondern das von der Nachbarin“, sage ich zu ihm, während er mir nach oben zu meiner Wohnungstür folgt. Er guckt sich die Tür kurz an, kramt in seiner Werkzeugkiste, holt ein Stück Plastik heraus, schiebt es auf Höhe des Türknaufs in die Ritze zwischen Tür und Rahmen und die Tür springt mit einem leichten Klacken auf. Der ganze Prozess dauert vielleicht drei Sekunden.

„Vierhunzwansich Euro“, nuschelt er.

„24? Das geht ja voll klar“, sage ich.

„Nene, Sportfreund. 420“, berichtigt er mich.

Ich merke wie mir das Blut kribbelnd in den Kopf schießt und mir wird kurz schwindelig.

„420 Euro? Dein Ernst?“

»Teures Gassigehen, wa?«, lacht er.

Ich gucke ihn einfach nur an und meine Augen scheinen so viel Abscheu auszusprühen, dass er sich verlegen, meinem Blick ausweichend, umdreht und plötzlich krampfhaft so tut, als würde er etwas in seinem Werkzeugkoffer suchen.

Er dreht sich wieder um.

„Jetzt mal unter uns, du darfst keinen Schlüsseldienst holen, lass das privat machen“

„Sorry, aber die professionellen Einbrecher in meinem Freundeskreis sind gerade alle im Urlaub“, sage ich pampig und kann noch nicht ganz glauben, dass mich die Aktion gerade 420 Euro gekostet hat.

Er nickt und blickt mich wieder an.

„Hmm… das war nicht dein Handy, mit dem du angerufen hast, ne?“

Ich schüttle den Kopf.

„Das heißt, wenn mein Chef jetzt darauf anruft, würdest du gar nicht rangehen, ne?“

Ich schüttle abermals mit dem Kopf.

„Dann hast du mich auch nie gesehen. Wir fahren jetzt zum nächsten Bankautomaten, du gibst mit 150 Tacken und die Sache ist gegessen. Deal?“

Ich nicke.

Er nickt ebenfalls.

Wir nicken beide noch einmal und ich folge ihm zu seinem Auto. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass er das schon die ganze Zeit geplant hatte.

Ich weis nicht, ob ich mich freuen soll, dass ich fast 300 Euro spare oder ärgern, weil ich diesem Gauner trotzdem noch 150 Euro geben muss. Meine Gedanken sind so aufgewühlt, dass ich erst im Auto merke, dass ich immer noch keine Hose anhabe.

„Willst du dir nicht noch etwas anziehen?“ fragt er mich und guckt an mir herunter.

Ich werfe ihm einen erneuten bösen Blick zu, der ihm nahe bringen soll, dass er sich gefälligst um seinen eigenen Scheiß kümmern soll.

„Fahr einfach“, sage ich und zeige in Richtung Bank. Mittlerweile füllen sich die Straßen mit Menschen, die zum Einkaufen oder zur Arbeit fahren.

150 Euro. Ich versuche nicht daran zu denken, was ich alles damit hätte machen können und was er jetzt stattdessen damit für seine drei Sekunden Arbeit tut.

Er blickt mich noch einmal an ohne loszufahren und sein Blick sagt „Dir ist klar, dass du gleich auf Boxershorts am Bankautomaten stehen musst“, aber in diesem Augenblick wäre es mir auch egal, wenn ich nackt über den Supermarktparkplatz ins Foyer der Sparkasse spazieren müsste.

„Fahr einfach“, sage ich noch mal und kontrolliere ob ich meinen Schlüssel auch dabei habe.

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