Die Jungs aus der Altbau-WG: AnnenMayKantereit, Live in Flensburg

Flensburg – Donnerstag, 7. April 2016

Donnerstagabend, 20.30 Uhr. Vier schlaksige Jungs mit wuseligen Haaren betreten die Bühne des ausverkauften Max unter tosendem Applaus. AnnenMayKantereit heißen sie. AnnenMayKantereit, das sind Sänger Henning May, Gitarrist Christopher Annen, Schlagzeuger Severin Kantereit und Bassist Malte Huck. Letzterer stieß leider zu spät dazu, um im Bandnamen aufzutauchen.


Als der schüchtern zu Boden oder in die Luft guckende Frontmann nach den ersten Takten anfängt zu singen, merkt, wer die Band noch nicht kennt: da steckt mehr dahinter, als die Optik zunächst vermuten lässt. Mit markanter Reibeisenstimme über eingängigen Indie-Folk-Pop-Rhythmen, gräbt die Band von Beginn des Konzertes an tief in der Herzschmerz-Schublade. Gefühlvolle Balladen im Stil von Element of Crime oder Rio Reiser wechseln sich ab mit tanzbaren Pop-Songs der Marke Mumford & Sons.
Die Kölner spielten bereits in ausverkauften Hallen bevor sie überhaupt ein richtiges Album auf dem Markt hatten, zählt man das eigenproduzierte Debüt nicht mit, das mittlerweile nur noch zu Sammlerpreisen bei Ebay erhältlich ist.
Ihr erstes professionell aufgenommenes Album »Alles nix konkretes« katapultierte die Band auf Anhieb auf Platz 1 der deutschen Charts. Und obwohl das Album erst Ende März erschien, wurden sämtliche Texte auch in Flensburg lautstark und textsicher mitgesungen.
Die pseudo-lyrischen Ergüsse einiger deutschsprachiger Kolleginnen und Kollegen findet man bei ihren Songs nicht. Statt inhaltsloser Wort-Geschwülste sind die Texte schnörkellos, fast schon schlicht, spielen nicht in irgendwelchen Traumwelten sondern in Altbau-WGs und auf der Straße, sind ehrlich und authentisch. Und das mögen die Fans. AnnenMayKantereit spielen Lieder für ihre Zielgruppe, die sich, mit einigen Ausnahmen, alters- und gesellschaftsmäßig irgendwo zwischen dem Abitur und dem vierten Semester des Lehramtsstudiums befindet. Wer sich dort wiederfindet, oder vor nicht allzu langer Zeit in dieser Gruppe zuhause fühlte, erkennt bekannte Situationen, geteilten Schmerz, in den Liedern, die May mit tiefer Stimme von der Bühne ins Publikum singt, mal am Klavier, mal stehend, die Arme am Körper herunterbaumelnd, als wüsste er nicht so wirklich wohin damit.
Er singt von Liebe und Freundschaft, nicht von Liebe à la Pretty Woman, eher von der Jugendliebe von nebenan.
So ist am Ende auch das Konzert eine bodenständige Wohlfühl-Show, ohne Rockstar-Einlagen auf der Bühne und verschwitzte Tanz-Mobs im Publikum. Stattdessen stehen vier Mittzwanziger mit Schlabber-Shirts und Turnschuhen vor einer Menge Indie-Mädchen mit Blumenstirnbändern, die sie anhimmeln, Typen an der Bar, die sich nicht anmerken lassen wollen, wie geil sie die Musik in Wahrheit finden und einigen Pärchen, die sich verliebt in den dunkleren Ecken der Disko in den Armen liegen.
Aber das ist ja auch ok.

Der Ruf der Aale bei Facebook

(Old School in gedruckter Form erschien der Artikel am Sonnabend, dem 9. März 2016 in der Flensborg Avis)

2 Gedanken zu “Die Jungs aus der Altbau-WG: AnnenMayKantereit, Live in Flensburg

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