Die rumgetränkte Geschichte einer kubanischen Odyssee – Teil 1

Havanna, Kuba – 23. Dezember

Ich bin jetzt seit etwa einer Woche in Kuba und war zwar bisher noch in keinem Museum, dafür aber in so gut wie jeder Bar, die sich im Umkreis von einem Kilometer um mein Bett befindet.

Um dem stetigen Kulturverfall meiner selbst entgegenzuwirken, habe ich daher beschlossen, heute etwas mit kulturellem Hintergrund zu unternehmen. Und da die Rumproduktion einen der bedeutendsten Eckpfeiler der kubanischen Geschichte darstellt, fiel meine Wahl auf die Besichtigung der Havana Club Fabrik.

Hinzu kommt, dass ich Rum liebe.

Verdammt, ich bin in der Karibik! Selbst wenn ich Rum hassen würde, hätte ich mich über kurz oder lang der Anziehungskraft, die der Spirituose in diesen Breitengraden innewohnt, ergeben müssen.

Und ich liebe Rum.

Ein Blick in den Reiseführer verrät mir, dass sich die Fabrik etwa 50 Kilometer außerhalb von Havana befindet und nur sehr schlecht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist. Ich versuche trotzdem mein Glück und mache mich auf den Weg zum Busbahnhof, nur um einsehen zu müssen, dass der Reiseführer recht hat.

Die Taxifahrer, die direkt gewittert haben, dass ich aufgeschmissen bin, verlangen Unsummen von mir, um mich an mein Ziel zu bringen.

Dann sehe ich zwei Typen, die reichlich desinteressiert auf der verrosteten Motorhaube ihres Wagens neben dem Taxistand sitzen. Fragen kostet nichts, denke ich mir, und gehe zu den beiden hinüber. Ich frage sie, ob sie mich zur Fabrik fahren könnten, ich würde sie natürlich auch bezahlen. Obwohl sie nicht so aussehen, als hätten sie etwas wesentlich besseres vor, wirken sie etwas skeptisch und beginnen miteinander zu diskutieren, als mir die kleine Flasche Havana Club einfällt, die ich am Flughafen gekauft und seitdem vergessen habe aus der Tasche zu tun.

„Ich habe auch Rum dabei“, sage ich und ziehe die kleine Flasche aus meiner Tasche.

Kurz darauf befinden wir uns auf der Straße in Richtung Santa Cruz del Norte, wo sich die Fabrik befindet. Ich sitze auf der ausgesessenen Rückbank des babyblauen Cadillacs, trinke einen Schluck aus der Flasche und gebe sie weiter an den Beifahrer, der ebenfalls einen Schluck trinkt und die Flasche weitergibt an den Fahrer.

Keine Ahnung, ob das so eine gute Idee ist, aber die beiden wissen sicherlich, was sie tun.

Hoffentlich…

Ich genieße die Fahrt durch die palmenbedeckte Landschaft, allein deshalb, da ich nicht auf meinen Füßen stehen muss. Ich habe mir in den letzten Tagen zuerst Blasen gelaufen, dann wunde Stellen, die irgendwann anfingen blutig zu werden und mittlerweile haben sich die Wunden so sehr entzündet, dass ich das dadurch aufgekommene Fieber nur noch mit Schmerzmitteln weit genug senken kann, um morgens überhaupt aus dem Bett zu kommen.

Die Flasche Rum ist relativ schnell leer und meine schmerzenden Füße geraten zunehmend in Vergessenheit. Ich beginne über den kubanischen Lebensstil zu philosophieren, die beiden Herren vor mir über die kubanischen Frauen.

Schwarzer Qualm, der plötzlich nach der Hälfte der Fahrt unter der Motorhaube hervorkommt, scheint die beiden nicht wirklich zu erschrecken. Wir fahren rechts ran, die beiden schrauben etwa zehn Minuten scheinbar wahllos an irgendwelchen Schrauben am Motorblock herum und wir fahren weiter.

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Irgendwann sind wir dann da, die beiden verabschieden sich und fahren leicht schlenkernd zurück nach Havanna.

Vor mir die legendäre Havanna Club Fabrik.

Hmm….

Hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt.

Die Fabrik sieht nicht so aus, als würde in ihr irgend etwas trinkbares produziert werden. Rostige Wellblechdächer über hohen, beigeverputzen Wänden an denen die Farbe abblättert und die zur Hälfte mit Grünspan überdeckt sind.

Würde vor dem klapprigen Eisentor nicht ein Wachmann stehen und in der Ferne ein ebenso klappriger, alter Gabelstapler qualmend über den Hof fahren, hätte man glauben können, dass die Fabrik seit Jahren verlassen ist.

Naja, vielleicht täuscht das Äußere auch nur, denke ich, laufe den kleinen Schotterweg von der Straße zum Eingangstor und frage den Wachmann, wo man sich für die Führungen anmelden kann.

„Es gibt keine Führungen“, sagt er mir und dass die Fabrik nicht für die Öffentlichkeit zugänglich sei.

„Das kann gar nicht sein!“, sage ich verwirrt und hole den Reiseführer heraus.

”Hier steht eindeutig…“, sage ich und lasse den Reiseführer direkt wieder sinken.

Scheiße… im Reiseführer steht eindeutig, dass die Fabrik nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Warum hab ich nicht weitergelesen? Da stehen nur zwei verdammte Sätze.

Fuck! Meine beiden Fahrer sind längst nicht mehr zu sehen und weit und breit ist kein Auto, geschweige denn ein Taxi, in Sicht, das mich aus dem Nirgendwo zurück in die Zivilisation bringen könnte.

Ich werfe dem Wächter noch einmal meinen herzzerreißendsten Dackelblick zu, aber er lässt sich nicht erweichen.

Nagut, mache ich zumindest ein Selfie vor dem Eingang, denke ich mir, und zücke mein Handy.

„Hrmm, hrmm“, räuspert sich der Security-Mann neben dem verwitterten Havana-Club-Eingangs-Schild.

Ein Griff zum Schlagstock an seinem Gürtel und die freundliche Bitte, das doch bitte zu unterlassen, hindern mich daran, den bisher größten Fehlschlag meiner Reise für die Ewigkeit festzuhalten.

Ich stecke mein Handy also wieder in die Tasche.

„Ist hier irgendwo ein Strand in der Nähe?“, frage ich den Wachmann.

„In der Nähe nicht, aber etwas weiter weg schon“, sagt er und zeigt nach Osten. „Ist allerdings ein ganz schönes Stück“

„Das macht nichts. Ich habe gerade eh nichts besseres zu tun“, sage ich und laufe los. Nach einer Viertelstunde tun meine Füße so weh, dass ich sie nur mühsam voreinander setzen kann. Hinzu kommt, dass die letzte Portion Rum gerade beginnt sich bemerkbar zu machen und gemeinsam mit dem Wirkstoff der letzten Ibuprofen in meiner Blutbahn Polka tanzt.

Ich wanke also Captain-Jack-Sparrow-ähnlich durch die karibische Pampa, in der Hoffnung auf einen Bus, ein Taxi, ein Auto oder einfach nur irgendein Gefährt, das mit Rädern bestückt ist und mich bis zum nächsten Strand befördern kann, damit ich meinen Rausch ausschlafen und meine Füße hochlegen kann.

Letzteres kommt etwa eine halbe Stunde später.

Zwei Räder, ein Typ, ein Pferd, 50 Kohlköpfe und genauso viele Papayas.

Meine letzte Rettung ist also die Pferdekutsche eines Gemüse- und Obstverkäufers. Ich wäre ihm vor Dankbarkeit am liebsten um den Hals gefallen, als er sagte, dass er mich ein Stück mitnehmen könne.

Ich frage ihn, wie er heißt und er sagt zweimal nacheinander „Pepe“, lässt mich allerdings in dem Unwissen zurück, ob er einen Doppelnamen besitzt (Pepe-Pepe), einen Sprachfehler hat, oder ob sowohl er, als auch sein Maultier Pepe heißt. Ich belasse es dabei und gehe von letzterem aus, da Pepe I in ungefähr so gesprächig zu sein scheint wie sein Maultier Pepe II.

Ich räume mir einen Platz auf der winzigen Ladefläche zum Sitzen frei und staple die Kohlköpfe, Papayas und Ananas fein säuberlich neben mir auf, um sie nicht zu zerquetschen.

Pepe I schnalzt Pepe II kurz zu, lässt die Zügel knallen und das Gefährt setzt sich holpernd in Bewegung. Es dauert keine Minute und die von mir liebevoll zur Seite geschobenen Ananas, Papayas und Kohlköpfe rollen kreuz und quer über den Wagen und über mich.

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Um mich herum nur grüne Felder, Äcker, Palmen und die schroffe Felsenküste des Ozeans. Ich höre nichts als das Rauschen der Brandung, das monotone Klappern von Pepes Hufen (II, nicht I) auf dem steinigen Untergrund und die gelegentliche Aufforderung von Pepe an Pepe (I an II), etwas schneller zu laufen. Alle zehn bis 15 Minuten halten wir am Straßenrand an, um irgendeiner schrumpeligen Oma einen Kohl oder einer Gruppe Kinder eine Papaya oder Ananas zu verkaufen.

Nach etwa einer Stunde halten die beiden Pepes an. Ich bin mittlerweile in eine lethargische Starre verfallen und habe das kleine Gebäude erst gar nicht gesehen, das sich einsam auf der anderen Straßenseite befindet.

Es ist tatsächlich eine Bar.

Und was für eine. Sie sieht aus wie Buffalo Bills feuchter Traum oder als hätte ihr Besitzer zu viele texanische Groschenromane gelesen und beschlossen sich eine Disneyland-Version der Ponderosa zu bauen.

(Für alle, die die Ponderosa nicht kennen:)

Das überschwänglich beflaggte und mit exorbitant kitschigen Wandgemälden „verschönerte“ Gebäude ist, nach den Stunden in der Einöde, eine solche Reizüberflutung für mich, dass ich etwas misstrauisch bin und nicht weiß, ob die Schmerzmittel-Rum-Mixtur in meiner Blutbahn mir nicht vielleicht doch einen Streich spielt.

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Aber nein, es ist wirklich eine Bar.

Ich verabschiede mich von den beiden Pepes und gehe durch die Schwingtür der Bar auf die Terrasse, auf der im Schatten unter einem Sonnenschirm bereits eine Gruppe Backpacker sitzt.

Deutsche.

Auf Deutsche habe ich gerade überhaupt keinen Bock. Ich gehe zur Theke, bestelle einen Mojito und setze mich etwas von ihnen entfernt in einen Schaukelstuhl, schließe die Augen und lasse mir die Sonne ins Gesicht strahlen, während ich an meinem Mojito schlürfe, den Wellen lausche und in Tagträume verfalle.

„Bist du deutsch?“, reißt mich plötzlich eine Stimme aus meinen Gedanken. Eine Frau aus der Gruppe steht neben mir und lächelt mich an.

„Ja, woher weißt du das?“, frage ich.

„Du hast ein Bundeswehrhemd an“, antwortet sie.

Mist.

Ich habe den gelben Balken der Deutschlandflagge zwar blau angemalt und sie damit in eine Ostfrieslandflagge verwandelt, die letzte Wäsche hatte die Tarnung allerdings zunichte gemacht.

Sie stellt sich als Marina vor, die anderen Namen habe ich bereits beim Zuhören vergessen. Ich setze mich, nachdem ich von Marina eingeladen wurde, mich zu ihnen zu gesellen, an ihren Tisch und grabe in meiner Smalltalk-Kiste nach möglichen Themen.

„Wie ist denn der Strand hier so?“, frage ich.

„Mega scheiße! Nur scharfkantiges Lavgestein, kein Sandstrand. Wir haben im Voraus gebucht, sonst wären wir schon längst abgehauen. Sind schon seit drei Tagen hier“, sagt Marina.

Großartig.

Ich beschließe trotzdem, dem Lava-Strand einen Besuch abzustatten, um den Trip nicht völlig umsonst gewesen sein zu lassen, trinke meinen Drink auf, verabschiede mich und verschwinde durch die Hintertür der Bar in Richtung Meer.

Auf der anderen Seite des Zaunes, das türkis-blaue Wasser der Karibik und ein Strand, dessen Begehung in etwa so schmerzhaft ist, wie wenn man als Kind morgens mit nackten Füßen auf einen Legostein getreten ist. Nur, dass dieser Strand zur Gänze aus Abermillionen von bräunlich-schwarzen, gemeinen Legosteinen zu bestehen scheint.

Und meine Füße schon vorher schmerzten.

„Was für eine Kacke“, denke ich mir.

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Cliffhanger: Werde ich jemals meine wunden Füße ins kühlende Meer stecken können? Oder bin ich dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit auf  dem Lego-Strand des Todes herumzulaufen? Komme ich jemals wieder zurück nach Havanna? Oder zu meiner Mutti? Werde ich in der Karibik vielleicht sogar verdursten? Oder hat die Bonanza-Bar noch genügend Rum, damit ich zumindest die Nacht überlebe?

Viele weitere Fragen und vielleicht auch ein paar Antworten gibt es in Teil 2!

 

Der Ruf der Aale bei Facebook

 

3 Gedanken zu “Die rumgetränkte Geschichte einer kubanischen Odyssee – Teil 1

  1. Ich liebe es! Kuba, Rum, deinen Bericht, die Bar, den Strand! Genau da war ich auch und ich hoffe, du hast den gleichen griesgrämigen Wachmann getroffen wie ich 😀 Und deswegen bin ich mir auch sicher, dass du nicht verdursten musstest, es genug Rum für dich gab und du es über den Lego-Strand ins Meer geschafft hast -um dann festzustellen, dass es verdammt weh tut, seine kaputten Füße in das Salzwasser zu halten 😀
    Du bist gerade mein neuer Held, ich freue mich auf den Rest der Berichte aus Kuba!

    Liebe Grüße 🙂

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  2. Hallo Lennart,
    toller Artikel! Dein Tag hört sich nach einer ziemlich schrägen Odyssee an und gibt einen ziemlich guten Einblick, wie es tatsächlich auf Kuba abgeht. Ich hatte vor im Mai 2 Wochen auf Kuba zu verbringen, habe die Flüge allerdings noch nicht gebucht. Höre in letzter Zeit sehr viel Negatives, besonders wenn man alleine unterwegs ist.
    Alles Liebe,
    Julia

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  3. Pingback: Storytelling-Monatsrückblick Februar | Bezirzt

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