Von isländischen Göttern und europäischen Dämonen, oder: Heinz Ratz auf der Suche nach Europa

Heinz Ratz hat eindeutig einen Hang zum Größenwahn. Wenn auch im bestmöglichen Sinne. Wo andere Menschen froh sind, einen Triathlon an einem Tag hinter sich zu bringen, nimmt er sich drei Jahre, läuft 1000 Kilometer durch Deutschland, um Geld für Obdachlose zu sammeln, schwimmt 800 Kilometer von Konzert zu Konzert, um auf die Verschmutzung der Flüsse aufmerksam zu machen und radelt im dritten Jahr insgesamt 7000 Kilometer von Flüchtlingsheim zu Flüchtlingsheim, um dort mit Musikern aus aller Welt Musik zu machen.

Und wo andere Musiker sich einen Ort, vielleicht auch eine Stadt aussuchen, um darüber zu singen, nimmt er sich ganz Europa vor.

Zehn Alben in zehn Ländern will er machen, jeweils mit Musikern aus dem jeweiligen Land, um so ein musikalisches Bild Europas zu zeichnen, darunter Spanien, Russland, Albanien und Island.

Der Kieler Liedermacher ist Rebell, autodidaktisch versteht sich, und lässt sein widerständlerisches Gemüt auch in sein neuestes Projekt einfließen. Er macht Weltmusik mit Punkattitüde. Oberthema bleibt die Gesellschaft mit all den Facetten und Gestalten, die in ihr wohnen. Ratz’ Texte sind genauso komisch wie tragisch, so hoffnungsvoll wie niederschmetternd. Sie sind aber vor allem ehrlich, so unbequem die Wahrheit auch sein mag. Seine Lieder legen den Finger in Wunden, die man schon fast vergessen hat, die durch Bequemlichkeit, durch Wegschauen und Verdrängen zu einer Kruste verkümmert sind, die vielleicht noch etwas unangenehm ist, aber nicht weiter stört. Verheilt ist sie deshalb noch lange nicht, die Probleme, die Missstände schlummern weiter unter ihr. Auch in Europa. Gerade in Europa.

»Europa ist ein Kontinent, der für vieles verantwortlich ist, was auf der Welt geschehen ist und geschieht. Im guten wie im schlechten Sinn. Fremde Kulturen wurden von Europa aus gnadenlos überrannt und zerstört, Diktaturen haben von hier aus Terror in die Welt getragen. Wir stehen deshalb in einer großen Verantwortung gegenüber dem Rest der Welt«, sagt Ratz.

Mit seinem Europa-Projekt will er nun das fertigbringen, bei dem die Politik seiner Meinung nach versagt: Menschen unterschiedlichster Kulturen zusammenbringen, um mit ihnen gemeinsam etwas zu erschaffen. Er macht sich auf die Suche nach dem humanistischen Europa, das gegründet wurde, um Grenzen zu überwinden und Frieden zu sichern. Was ist übrig geblieben von den Grundsätzen der Toleranz und Solidarität, auf denen Europa nach den beiden Weltkriegen aufgebaut wurde? Leben wir diese Werte überhaupt noch, oder werden sie ad absurdum geführt, wenn wir sie auf Kosten anderer versuchen zu verteidigen?

Fragen, die Ratz bereits seit einiger Zeit beschäftigten. Erste Antworten darauf hat er in Island gefunden

»Ich habe die Distanz gesucht zur deutschen Perspektive auf Europa, überhaupt zum zentraleuropäischen Selbstverständnis. Ich wollte an den Rand Europas, nicht nur geographisch gesehen«, erklärt Ratz. Er fand diesen Ort rund 2100 Kilometer von seinem Wohnort Kiel entfernt. In Reykjavik traf er gleichgesinnte Musikerinnen und Musiker, die sich aufmachten, mit ihm und seiner Band Strom & Wasser die Kultur des Landes zu ergründen.

Das Produkt seiner Erlebnisse in dem skandinavischen Inselstaat liegt nun in Form der Doppel-CD »Reykjavík« vor, aufgenommen in Hamburg und der namengebenden isländischen Hauptstadt. Die Lieder, die aus der Kooperation entstanden sind, sind poetischer geworden als gewohnt. Ratz hat sich verzaubern lassen, von der Landschaft, den Menschen (besonders den Frauen). Aber von einem Land, in dem Straßen verlegt werden müssen, damit sie nicht über Trollgebiet führen und das neue Wörter erfindet, um ihren Wortschatz vor Anglizismen zu bewahren, ist dies auch nicht weiter verwunderlich.

Der Großteil der Lieder entstand dabei direkt im Studio. »Auf dem Rückweg nach Island, nach drei Tagen im Hamburger Studio, war ich etwas skeptisch, bis Heinz uns dann das fertige Ergebnis vorgespielt hat. Ich weiß nicht, wie er es gemacht hat, aber er hat die einzelnen Teile zu einem großen Ganzen zusammengefügt«, sagt die Sängerin Ragga Gröndal. Gemeinsam haben es die Musiker der beiden so fernen, und doch gar nicht so unterschiedlichen Länder, geschafft, die sanfte Melancholie des Landes ebenso einzufangen wie dessen Wildheit.

Die Mystik des Landes wohnt auch der Sprache inne, man muss sie nicht einmal verstehen. Gröndal und ihr isländischer Musiker-Kollege Egill Ólafsson lassen ihre Lieder so bildhaft erscheinen, dass man sofort die ungezähmte Landschaft Islands vor Augen hat, die moosbedeckten Berge, Vulkane und Gletscher, mal sphärisch, tragend, Nordlicht-gleich, mal impulsiv, unbändig wie die isländischen Geysire.

Ratz steuerte die deutschen Passagen bei, erzählt Geschichten von Feuer und Eis, von einsamen Laternen und Dystopien. Er singt von nordischen Gottheiten, von Odin und Loki, lässt aber selbst in diesen historischen Kontext zeitgenössische Sozialkritik einfließen. So ist Loki heute nicht mehr Widersacher der anderen Götter, sondern Banker, treibt nicht in Asgard, sondern an der Börse sein Unwesen.

So paaren sich auf dem Album Hip-Hop-Beats mit über 1000 Jahre alten isländischen Gesängen, uralten Mantras wird wieder Leben eingehaucht und nordische Sagen treffen auf Geschichten aus der heutigen Konsum-Gesellschaft.

»Ich liebe die isländische Geschichte und die isländische Musik. Aber wir leben im Jahr 2016 und sind mittlerweile genauso von zeitgenössischer Musik beeinflusst wie von unseren klassischen Dichtern. Trotzdem haben wir unser musikalisches Erbe, unsere Wurzeln, tief verinnerlicht. Es wird immer Teil unserer Musik sein«, sagt Ólafsson.

Der Musiker Heinz Ratz hat Europa in Island gefunden, die Hoffnungen ebenso wie die Sorgen. Bei ihm selbst überwiegt die Hoffnung. Schon deshalb, weil es für ihn gar nicht anders geht. »Die Aufgaben, vor denen wir stehen, können nur global gelöst werden. Das erfordert Zusammenhalt in Europa und keine Isolation der einzelnen Nationalstaaten«, sagt Ratz.

Das Album und Infos zu Strom & Wasser gibt es hier.

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(Old School in gedruckter Form erschien der Artikel am Sonnabend, dem 30. Januar 2016 in der Flensborg Avis. Coverartwork: Wolfgang Letil)

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