Making Of Volksbad

Freitag, 15.03 Uhr

Sven Mikolajewicz sitzt am Computer im ersten Stock des Volksbads und scrollt durch die E-Mails, die seit dem gestrigen Tag im Postfach des Kulturzentrums gelandet sind. Die meisten Nachrichten sind Anfragen von Bands, die gerne bei ihnen spielen möchten. Mikolajewic ist gemeinsam mit Axel »Kwixi« Suhling, Thomas »Gerri« Christiansen und Pia Knies einer der vier hauptamtlich Beschäftigten im Volksbad. Hinzu kommen noch knapp 30 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, die sich während der Veranstaltungen um die Bar, die Garderobe, die Kasse und vieles mehr kümmern.

Bis zu 40 Band-Anfragen kommen täglich bei ihnen an. Von guten wie schlechten, von großen wie kleinen Bands. Gerade guckt sich Mikolajewic ein Video einer vielversprechenden Band aus Hamburg an. Für einen Auftritt, sei sie allerdings noch zu unbekannt, auch wenn sie Potenzial habe. Bei lokalen Bands, sei dies kein Problem, die würden meist genügend Freunde und Familienmitglieder mitbringen, aber bei Bands von außerhalb sei dies schon schwieriger. »Das ist manchmal wirklich bitter, aber der Band tut man keinen Gefallen, wenn am Ende fünf Leute vor der Bühne stehen«, sagt er und beginnt die Absage-Mail an die Band zu verfassen. Manchmal würden sie dieses Risiko allerdings trotzdem eingehen, denn die Förderung von Nachwuchsmusikern und der lokalen Musikszene sei einer der Eckpunkte ihrer Arbeit.

Seit 1981 wird das Volksbad von dem gemeinnützigen »Verein zur Förderung der Kultur und Kommunikation in Flensburg« geführt und mit öffentlichen Geldern von der Stadt Flensburg gefördert. Dies ist auch der Grund, weshalb das Volksbad seinen kulturellen Auftrag verfolgen kann, ohne gezwungen zu sein, gewinnorientiert arbeiten zu müssen. »Solange wir am Ende des Jahres finanziell  bei Null rauskommen, ist alles gut. Nur so können wir Bands eine Plattform geben, die nicht unbedingt zum Mainstream gehören«, sagt Mikolajewicz und guckt sich die nächste Bandanfrage auf seinem Schirm an.

15.45 Uhr

Im Nebenraum ist Geschäftsführer Axel Suhling dabei, Zwiebeln für das Catering der Band zu schneiden. Heute steht vegetarischer Kartoffel-Broccoli-Auflauf auf dem Speiseplan. Suhling ist bereits seit über 20 Jahren tief mit dem Volksbad verbunden. Damals sei der gesamte untere Teil des Gebäudes noch ziemlich verfallen gewesen, weswegen die Konzerte im ersten Stock stattfanden, in dem sich heute die Büro- und Aufenthaltsräume befinden. »Ich hing früher selber hier ab und bin seitdem irgendwie hier hängen geblieben«, sagt er, füllt die Zwiebeln zu den übrigen Zutaten in die Auflaufformen und streut etwas Käse darüber.

Seinen alternativen Charakter konnte das alten Badehaus bis jetzt aufrecht erhalten, auch wenn es mittlerweile besonders auf technischer Seite weitaus besser ausgerüstet ist als noch vor einigen Jahren. »Wir müssen kein breites Publikum ansprechen oder massentauglich sein. Darum geht es uns nicht, sondern darum, Nischen zu füllen«, sagt Suhling und schiebt den Auflauf in den Ofen.

Eine wirkliche Rollenverteilung oder Hierarchie gebe es bei den Mitarbeitern nicht. Jeder mache einfach das, was er oder sie am besten könne. Das gilt auch für das Booking der Bands. Musikalisch habe im Team jeder seinen Schwerpunkt, bei ihm selbst liege dieser besonders auf der Punkschiene, Christiansen kümmere sich dafür beispielsweise eher um alles, was in die Folk-Richtung gehe, erzählt er. Auch Christiansen arbeitet bereits seit 15 Jahren im Volksbad. »Und das tue ich immer noch mit voller Überzeugung. Denn genau das, wofür das Volksbad steht, ist mir wichtiger als ein oder zwei Euro mehr in der Tasche«, sagt er.

16.45 Uhr

Der Flensburger Musiker Tom Klose kommt, seine Gitarre geschultert, die Treppe des Volksbads hochgestapft. »Moin«, sagt er. »Du bis zu früh«, entgegnet Mikolajewicz. »Aber schön, dass du da bist.«

Statt um 18 Uhr hat er die Musiker diesmal bereits für 17 Uhr bestellt. Einige Bands hätten die Tendenz, ihr Zeitmanagement etwas zu locker zu nehmen, erzählt er und hat die potenzielle Verspätung daher mit einkalkuliert und sich und dem Soundtechniker so eine Stunde Puffer für den Soundcheck gegeben.

Tom Klose und die Band Salamanda, ebenfalls aus Flensburg, spielen an diesem Abend ein Benefizkonzert zugunsten von Flüchtlingen.

Das Volksbad ist eine der Institutionen, das sich an dem Netzwerk »Refugees Welcome Flensburg« beteiligt, das seit Wochen unermüdlich im Einsatz am Flensburger Bahnhof ist, um die Hunderte von Flüchtlingen zu versorgen, die dort täglich eintreffen. Ein Benefizkonzert zugunsten von Flüchtlingen zu organisieren, war daher Ehrensache.

17.48 Uhr

Salamanda treffen ein. Mikolaje­wiczs Plan ist aufgegangen, und der Soundcheck kann pünktlich beginnen, ohne dass es stressig wird. Stress scheint ohnehin nicht auf dem Programm zu stehen. Aber bei 100 bis 120 Konzerten pro Jahr kommt wahrscheinlich auch einfach eine gewisse Routine bei den Beteiligten hinzu. Es gebe natürlich auch Abende, an denen nicht alles glatt laufe, diese seien allerdings die Ausnahme.

Nach und nach schleppen die Bandmitglieder ihr Equipment am Tresen vorbei durch die Seitentür auf die Bühne und beginnen mit dem Aufbau.

19.40 Uhr

Die Bassdrum von Salamanda-Schlagzeuger Janos Nico Gafert schallt wummernd durch den Raum.

Die Stimmung ist entspannt, die Musiker lachen und witzeln auf der Bühne, während Soundtechniker Terje Grube hinter seinem Mischpult am Sound für den Abend feilt. »Musik ist eine sehr persönliche Sache. Das Publikum bekommt sofort mit, wenn die Stimmung hinter der Bühne relaxt ist«, berichtet Mikolaje­wicz.

Einige Bands kommen aus genau diesem Grund immer wieder nach Flensburg, um im Volksbad zu spielen. Sie schätzen die Atmosphäre und den Umgang miteinander. »Wir behandeln hier alle mit dem gleichen Respekt, egal ob Musiker oder Reinigungskraft, ob Festangestellter oder Freiwilliger«, sagt Mikolajewic, während die Bandmitglieder von Salamanda nach und nach ihre Instrumente anspielen, um sie am Soundboard abmischen zu lassen. »Check, check, hey, hey«, ertönt es aus den Boxen, als Sänger Leon Mancilla den Sound des Mikrophons testet.

21.17 Uhr

Tom Klose übernimmt die Bühne für den Soundcheck, während sich Salamanda im Gemeinschaftsraum über den Auflauf hermachen. Sollten Klose und sein Drummer Lampenfieber haben, so lassen sie es sich nicht anmerken.

Draußen vor der Tür wird die Menschentraube immer größer. Für das Benefizkonzert gab es keinen Vorverkauf, sondern nur Tickets an der Abendkasse und wie es aussieht, müssen einige von den an der Tür stehenden Menschen wieder nach Hause geschickt werden.

Das Volksbad bietet Platz für 250 Personen. Mehr lassen die Sicherheitsbestimmungen nicht zu. Mehr wäre auch zu ungemütlich. Wer schon einmal bei einer ausverkauften Turbostaat-Show war, weiß, wie schnell die Luft unter den tief hängenden Scheinwerfern des Konzertsaals beginnen kann zu brennen.

21.58 Uhr

Einlass. Die Menschen strömen ins Warme und der im Retro-Look tapezierte Raum vor der Bühne füllt sich bis in die letzte Reihe. Im Publikum befinden sich auch einige Flüchtlinge, die von der Flüchtlingshilfe eingeladen wurden. Klose drängelt sich durch die Menschen hindurch auf die Bühne, entschuldigt sich zunächst dafür, dass nicht alle reingekommen sind und beginnt zu spielen.

23.20 Uhr

Letzte Zugabe. Tom Klose winkt noch einmal seiner Mutti im Publikum zu und verlässt die Bühne. 15 Minuten später beginnen Salamanda ihre Show, während sich Klose in Richtung Bar verabschiedet.

Sonnabend, 1.18 Uhr

Salamanda spielen einen letzten Song, dann ist es vorbei. Die meisten Zuschauer gehen nach Hause. Einige bleiben noch für ein Bier oder zwei.

An diesem Abend traten die Künstler umsonst auf. Ansonsten spielen die Bands entweder für eine feste Gage oder sie werden an den Ticketverkäufen beteiligt. Den Ticketpreis allerdings bestimmt das Volksbad-Team. Nur so kann gewährleistet werden, dass die Konzerte weiterhin bezahlbar bleiben. Trotz steigender Kosten in den letzten Jahren. Mehr als zehn Euro für ein Ticket muss man im Volksbad nur für wirklich große Acts wie Fettes Brot oder Frittenbude zahlen.

Wenn die vier Verantwortlichen an etwas sparen, dann am eigenen Gehalt. »Reich werden wir hier jedenfalls nicht. Das ist schon okay, dafür hat die Arbeit andere Vorteile«, sagt Mikolajewicz. Als die letzten Gäste das Volksbad verlassen und die Helferinnen und Helfer hinter der Bar die letzten Gläser abwaschen und den Biervorrat im Kühlschrank auffüllen, hat seine Schicht gerade die 12-Stunden-Marke geknackt. Zeit fürs Bett ist es trotzdem noch nicht. »Nach so einem Abend setzen wir uns meist noch etwas an den Tresen, trinken ein Feierabendbier, lassen den Abend Revue passieren und schön ausklingen«, sagt Pia Knies.

Ohne eine große Portion Idealismus, würden sich wahrscheinlich weder die vier Festangestellten des Volksbad-Teams noch ihre ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Woche für Woche die Nächte um die Ohren schlagen. »Keiner von ihnen muss hier sein. Aber sie sind es trotzdem. Die Arbeit ist manchmal kräftezehrend, macht aber auch enorm viel Spaß. Im Grunde genommen ist das alles eine große Klassenfahrt hier«, sagt Mikolajewicz und lacht. »Aber vor allem ist der Job einfach mal ein paar Nummern geiler als jeder andere.«

Der Ruf der Aale bei Facebook

Volksbad 30OCT15

Foto: Sebastian Iwersen

(Old School in gedruckter Form erschien der Artikel am Mittwoch, dem 18. November in der Flensborg Avis. Fotos: Sebastian Iwersen)

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