Marokko Teil 10 – Essaouira, oder: Von Dosenbier, AC/DC und dem Leben allgemein

Essaouira

„Du musst unbedingt nach Essaouira.“

„Ok, warum?“

„Richtig geil da!“

Mehr hatte ich meist nicht aus den Leuten herausbekommen, die mir auf meiner mittlerweile fast vier Wochen andauernden Reise durch Marokko begegnet sind.

Doch die Empfehlungen häuften sich, von Backpackern wie Einheimischen gleichermaßen.

Der Reiseführer hielt sich in diesem Punkt relativ wage. („Nettes, kleines Fischerstädtchen, viele Hippies, leckerer Fisch, blablabla“)

Nun stehe ich also am Busbahnhof von Essaouira in der mittlerweile gewohnten Traube an Menschen, die mich davon überzeugen wollen, dass ihr Hotel das günstigste, schönste, coolste und zentralste und überhaupt ist, als mich jemand auf die Schulter tippt und in breitem amerikanischen Slang fragt, ob ich nicht bei ihm im Hotel übernachten will. Er heiße Dan und sein Hotel sei das günstigste, schönste, coolste und zentralste und überhaupt.

Ich bin so verwirrt, dass ich sofort mit ihm gehe.

Auf dem Weg zum Hotel, bringt er schnell etwas Licht ins Dunkle. Dan ist Schriftsteller und darf umsonst im Hotel pennen, solange er ein paar kleine Aufgaben am Tag erledigt, zu denen auch das Anlocken unschuldiger Touristen wie meiner Wenigkeit gehören.

Beim Betreten des Hotels gibt es sofort eine Umarmung vom Hotelbesitzer, Abdul. Ich solle mich wie zuhause fühlen, sagt er, und fragt, ob ich mit ihm und den anderen gemeinsam Abendessen möchte. „Wir haben auch Bier“, sagt er.

Nicht, dass ich nicht auch so dabei gewesen wäre, aber der Gedanke an ein kühles Bier ist ein nicht zu verkennender Bonus. Besonders in einem muslimischen Land.

Als ich meinen Rucksack in mein Zimmer bringe, lerne ich Jake, Robert, Andy, Holly und Steph, einen Teil der anderen Gäste, kennen, die gerade auf dem Weg in die Stadt sind und mich fragen, ob ich mit möchte.

„Reist ihr zusammen?“, frage ich sie.

„Nene, wir haben uns auch erst hier kennengelernt. Wollten eigentlich alle nur eine Nacht bleiben. Und jetzt sind wir schon seit einer Wochen hier.“

Was für verplante Menschen, denke ich mir. Aber nett.

Wir schlendern entlang des Fischereihafens, in dem kleine, blaue Fischerboote säuberlich aneinander gereiht im Sand festgemacht sind, während die Möwen kreischend um ein paar Fischreste kämpfen, die sich noch in dem ein oder anderen Bötchen befinden.

Wir setzen uns kurz in den Sand und beobachten Touristenfamilien dabei, wie sie auf schaukelnden Kamelen den Strand entlang im Kreis geführt werden, bevor wir zurück ins Dar Afram zum Abendessen gehen.

Abends

Das Essen ist fantastisch. Aischa, die Haushälterin und Köchin des Dar Aframs hat eine traditionelle Hähnchen-Gemüse-Tajine zubereitet, die sie in zwei Lehmtöpfen von der Größe eines Wagenrads angerichtet hat und um die herum nun die 15 Gäste des Hotels, Abdul und Larry, ein Freund Abduls aus dem Ort, sitzen und genussvoll die von Aischa gezauberten Köstlichkeiten verschlingen.

Ich habe endlich etwas Zeit, um mit Abdul zu reden und er erzählt mir, wie er dazu gekommen ist, ein Hotel zu führen.

Abdul hat viele Jahre in Australien gelebt,  bevor er Mitte der 90er Jahre zurück in sein Heimatland Marokko gezogen ist und hat nach eigener Aussage drei bis fünf Kinder.

„Drei bis Fünf?“, frage ich ihn leicht irritiert.

„Ach, das passiert so schnell, Mann. So schnell. Besonders, wenn du in ’ner Band spielst“, antwortet Abdul und schüttelt lachend den Kopf.

Mit seiner Band Afram (nach der auch das Hotel benannt ist) hatte er mehrere Nummer-1-Hits in Marokko, ist um die halbe Welt getourt  und lebt seitdem sein Leben so wie er es will. Im Sommer, wenn es in Marokko zu heiß ist, lebt er auf einer Alm in der Schweiz und sobald die Wohlfühl-Temperatur  dort im Frühherbst unterschritten ist, geht er zurück nach Afrika, kümmert sich wieder um sein Hotel, macht Musik mit seiner Band und hat Spaß.

Eigentlich wollte er nie Hotelbesitzer sein, erzählt er. Aber nachdem er in den 90ern mit Afram erfolgreich einige Platten in Marokko verkaufte, erstand er irgendwann von seinem Geld eine Riad in Essaouira, das heutige Dar Afram. „Es war viel zu groß für mich alleine, darum waren eigentlich immer irgendwelche Freunde da“, erzählt er.

Irgendwann kamen dann auch Freunde von Freunden, um bei ihm zu übernachten und mit ihm zu jammen und zu feiern, dann Freunde von Freunden von Freunden und irgendwann gänzlich unbekannte Menschen. Unter ihnen auch ein Autor vom Lonely Planet, der das Dar Afram direkt in die nächste Auflage aufnahm.

„Scheiße, und auf einmal kamen Leute wie Sau“, erzählt Abdul lachend, „und ich hatte doch überhaupt keine Lizenz und keinen Plan wie man ein Hotel führt.“

Er hat es sich irgendwie beigebracht. Auf seine Art.

Das Essen ist vorbei und Abdul und Larry holen ihre Gitarren raus und beginnen eine Jamsession, die bis in die Morgenstunden andauert. Wir schnappen uns einige Perkussionsinstrumente, die an den Wänden im Raum hängen und steigen mit ein. Dan bringt immer mehr Dosenbier aus dem Kühlschrank und Abdul langt reichlich in seinen scheinbar grenzenlosen Haschischvorrat.

Irgendwann, ich habe keine Ahnung wie spät es mittlerweile ist, verabschiedet sich Larry und auch die ersten Gäste machen sich auf den Weg ins Bett.

Ich habe Larry gar nicht gefragt, was er sonst so macht und warum er mit uns im Dar Afram gegessen und gejammt hat.

„Was macht Larry eigentlich sonst so?“, frage ich Abdul.

„Er spielt Bass in meiner Band. Ich kenne ihn noch aus Australien. Da hat er auch schon Musik gemacht, hat AC/DC mitgegründet und so und ist dann irgendwann mit mir nach Marokko gezogen“

„AC/DC?!“

„Ja, kennst du die? Kommen auch aus Australien“

„Habe ich von gehört“, antworte ich.

Nächster Tag 

Eigentlich wollte ich nur eine Nacht in Essaouira bleiben, aber nachdem ich mich mit meinen Zimmergenossen und den übrigen Hotelgästen aus den Betten gepellt habe und wir gemeinsam auf die Dachterrasse gegangen sind, um zu frühstücken, habe ich irgendwie die Zeit vergessen.

Außerdem habe ich einen scheiß Kater und in diesem Zustand absolut keinen Bock auf Busfahren.

Naja, dann halt morgen.

„Willst du noch einen Pfefferminztee? Ich hole noch welchen“, fragt mich Holly.

„Klar“, sage ich und lehne mich zurück in eins von den auf der Terrasse verteilten Kissen.

Die Sonne scheint mir auf den Bauch, während ich dem Rauschen des Atlantiks lausche und das Spiel der Möwen über meinen Köpfen beobachte.

Ich habe das ungute Gefühl, dass ich es morgen ebenfalls nicht schaffen werde weiter zu reisen.

Der Ruf der Aale bei Facebook

Im nächsten Teil: 

Marokko – Letzter Teil: Zurück nach Hause

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