Marokko Teil 9 – Casablanca, oder: Warum Sam es meinetwegen nicht noch mal spielen muss

Casablanca 

„Da bring ich dich nicht hin, da kommst du nicht mehr lebend raus“

Ich habe zwar gehört, dass Casablanca ein härteres Pflaster als der Rest Marokkos sein soll, aber diese Aussage des Taxifahrers überrascht mich nun doch.

„Meinst du das ernst?“, frage ich ihn und er guckt mich mit einem Blick an der sagt: „Ja, das meine ich ernst.“

„Hör zu, es ist mir im Grunde genommen egal, was mit dir passiert. Ich sag‘ nur, wenn ich dich in die Gegend bringe, die du mir gesagt hast, kannst du glücklich sein, wenn du nur dein Geld  verlierst.“

Klingt ziemlich melodramatisch.

Ich bin kurz ratlos. Ich habe dem Taxifahrer am Bahnhof von Casablanca einfach nur die günstigste Adresse genannt, die im Reiseführer stand. Immerhin steht sie im Reiseführer. Aber wenn ich eins in meinem bisherigen Leben gelernt habe, dann, dass es keine Berufsgruppe gibt, die mehr über eine Stadt und deren Menschen weiß, als Taxifahrer. Abgesehen von Friseuren vielleicht.

Ich zeige ihm die Liste der Hotels, die in der Casablanca-Sektion meines Reiseführers unter der Kategorie „Budget“ abgebildet sind und er beginnt sie zu studieren.

„Das ist ok, die haben gute Wachleute“, sagt er, zeigt auf eins der Hotels und setzt das Taxi in Bewegung.

Verdammt, wo bin ich hier gelandet?

Er erklärt mir während der Fahrt, dass die Kriminalitätsrate in den letzten Jahren durch die Decke gegangen sei. Einerseits hätten sich in letzter Zeit immer mehr internationale Firmen angesiedelt und das Zentrum der Stadt boome. Andererseits hätte dieser Wachstum aber auch immer mehr Menschen aus dem ganzen Land angelockt, die hier ihr Glück suchten und gescheitert seien. Hier prallen Armut und Reichtum auf krasseste Weise aufeinander.

„Dreiviertel der Leute hier wohnt mittlerweile in Slums vor der Stadt. Die Menschen haben keine Hoffnung mehr. Erst letzten Monat hat sich wieder einer in die Luft gesprengt“, erzählt er.

Die Slums habe ich auf der Fahrt vom Norden aus in die Stadt gesehen. Primitivste selbstgebaute Hütten, Löcher in den Wellblechdächern notdürftig mit Plastiktüten geflickt, keine Türen, keine Fensterscheiben. Jugendliche auf der Straße, die sich Tüten mit Klebstoff oder anderen Dingen ins Gesicht halten und anschließend mit glasigen Augen zusammensacken. Ein mehr als erschreckendes Bild.

Umso weiter wir allerdings ins Zentrum kommen, umso mehr rückt der Anblick weiter in die Ferne, auch wenn mir die Erinnerung wie ein schaler Nachgeschmack auf der Zunge hängenbleibt.

Wir fahren vorbei an prachtvollen Art-Deko-Gebäuden,  die Casablancas Glanz der 20er Jahre erahnen lassen. Langsam verstehe ich, was Antoine de Saint-Exupéry an der Stadt gefunden hat.

Davon solle ich mich nicht täuschen lassen, sagt mir der Taxifahrer. Immer wieder würden Touristen auch im Zentrum und am helllichten Tag überfallen.

Leicht paranoid der Mann, denke ich.

Wir stehen an einer Ampel am falschen Ende einer Einbahnstraße, in der mein Hotel ist. Es sind nicht einmal 50 Meter, aber mein Taxifahrer beharrt darauf, einmal um den Block zu fahren, um mich direkt vor der Tür abzusetzen.

„Das kann ich doch laufen“, sage ich.

„Nein, kannst du nicht“, sagt er. Die Ampel schaltet auf Grün, er dreht wie geplant seine Runde um den Block und bleibt vor der Tür des Hotels stehen.

Schnell raus hier, denke ich mir und greife zum Türgriff.

„Halt! Warte bis sie dich abholen“, hält mich der Fahrer zurück

Das ist jetzt wirklich übertrieben, ich bin doch nicht Madonna?

Ich lasse mich trotzdem wieder in den ausgesessenen Sitz des alten Mercedes-Taxis zurückfallen und sehe aus den Augenwinkeln, wie zwei Security-Männer aus dem Hotel  auf uns zukommen, meine Autotür öffnen und mich, einer an meiner linken, einer an meiner rechten Seite neben mir herlaufend, ins Hotel begleiten.

Später 

Wenn ich schon einmal in Casablanca bin, muss ich natürlich auch einen Abstecher in Rick’s Café machen, die Bar aus dem nach der Stadt benannten Kultfilm von 1942 . So viel Klischee muss sein.

Ich beschließe allerdings vorher noch einen kleinen Umweg zu machen und mir noch den Hafen von Casablanca anzugucken, bevor ich mir einige Drinks in Rick’s Café gönnen werde. Ich liebe Häfen. Der Geruch von Fisch und Schiffsdiesel, alter Farbe, Rost und Salzwasser. Was andere als unangenehm empfinden, ist für mich ein Synonym für Freiheit. Für Heimat und Fernweh zugleich.

Ich schlendere etwas an der menschenleeren Kaimauer entlang, genieße die Ruhe um mich herum. Das Rauschen des Meeres, das Knarren und Quietschen der Schiffe, die sich sanft im Takt der Wellen bewegen. Ich vergesse die Zeit und laufe einfach immer weiter am Wasser entlang.

Irgendwann komme ich an Gruppe von etwa 15 Typen vorbei, die auf einem Mauervorsprung sitzen und mich misstrauisch begutachten, während ich sie passiere. Ich nicke ihnen freundlich zu und sehe, wie sie miteinander tuscheln.  Ich bekomme ein unwohles Gefühl in der Magengrube, blicke mich um und bemerke, dass ich weiter gelaufen bin als ich dachte. Ich bin mitten im Industriehafen und kein Mensch außer der Gruppe junger Männer ist zu sehen. Sie setzen sich in Bewegung und fangen an mir hinterher zu laufen.

Ich beginne etwas schneller zu laufen und sehe aus den Augenwinkeln, dass auch die Gruppe ihren Gang beschleunigt.

Fuck….

Ich werde noch schneller, drehe mich noch einmal um und fange an zu rennen. Wohin ich renne weiß ich nicht, denn im gesamten Hafengelände ist weit und breit immer noch kein Mensch zu sehen. Weder auf der Straße, noch auf den zwei oder drei einsam vor sich hindümpelnden Schiffen im Hafen. Ich höre hinter mir die schnellen Schritte meiner Verfolger.

Ich war noch nie der beste Läufer, aber die schiere Panik scheint mir ungeahnte Kräfte zu verleihen.

Ich schlage einen Haken in die nächste Seitenstraße, in der Hoffnung hier auf irgendwelche Leute zu treffen, doch statt Menschen und Geschäften nur leerstehende Lagerhallen.

Ich drehe mich im Rennen um.  Ist das ein verdammtes Messer in der Hand von dem einen Typen? Meine Panik schlägt um in Hysterie. Sie holen langsam auf während die Luft in meinen Lungen anfängt zu brennen wie Feuer. Die Panik macht sich immer weiter in mir breit, da ich weder weiß, wo ich hinrennen soll, noch wie lange ich noch durchhalte.

Ich laufe einen Bogen, renne aus der nächsten Gasse hinaus und sehe, dass ich wieder am Hafen heraus gekommen bin.

Plötzlich vor mir: Menschen!

Und zwar nicht irgendwelche Menschen, sondern bewaffnete. Eine Gruppe von 50 Soldaten mit geschulterten Maschinengewehren marschiert etwa 200 Meter vor mir den Kai entlang.

Auch die Typen  haben die Soldaten gesehen und bleiben abrupt stehen. Sie rufen mir noch irgend etwas hinterher und rennen zurück in die Gasse, während ich weiter zu den Soldaten renne.

Jetzt erst erkenne ich, dass es sich nicht um die Armee, sondern die marokkanische Staatspolizei handelt, die Sûreté Nationale, die mir mit ihrem Auftauchen  wahrscheinlich das Leben gerettet hat.

Mein Herz schlägt mir immer noch bis zum Hals, aber die Panik weicht einem Gefühl unglaublicher Erleichterung.

Ich bleibe stehen und muss mich vor Anspannung fast übergeben. Ich reiße mich schnell wieder zusammen, um dem Trupp zu folgen, da ich befürchte, dass die Gang mich noch aus der Ferne beobachten könnte.

Ich will mir gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn die Polizei nicht in genau diesem Moment an genau dieser Straße vorbeimarschiert wäre, denn außer den Uniformierten ist hier immer noch weit und breit kein Mensch zu sehen.

Ich laufe in einigen Metern Abstand hinter der Truppe her, bis es nach und nach belebter wird.

Ich brauche dringend einen Drink. Ich schnapp mir das erste Taxi, das ich sehe und sage in Gedanken meinen Lebensrettern Lebewohl, die sich im Gleichschritt entfernen, ohne mich wahrscheinlich überhaupt beachtet zu haben.

„Einmal zu Rick’s Café, bitte“, sage ich zum Taxifahrer, lehne mich zurück und kann zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit in Ruhe durchatmen.

Rick’s Café

Als ich in Rick’s Café ankomme, bin ich immer noch völlig verschwitzt. Ich kann mich selber riechen. Kein gutes Zeichen. Besonders nicht, wenn ich mir die restliche Gesellschaft ansehe.

Der Kellner mustert mich genauso misstrauisch, wie einige der Gäste. Ich hab mich jetzt seit drei Wochen nicht rasiert, an meinen Schuhen klebt immer noch Wüstensand aus der Sahara und mein Hemd hat auch schon einmal bessere Zeiten erlebt.

„Ähm… bist du allein?“, fragt mich der Kellner höflich, was ich bejahe.

„Pass auf, dein… ähm… Kleidungsstil entspricht nicht ganz dem Dresscode“, sagt er immer noch ausgesprochen höflich. Auch ihm scheint die Konversation unangenehm zu sein. „Willst du denn etwas essen?“, fragt er mich.

„Nein, nein. Nur trinken. Viel trinken“

Er lacht. „Alles klar, da können wir was machen“, sagt er und führt mich an den Gästen vorbei eine Treppe hinauf in einen kleinen, leeren Raum in dem außer einer massiven Ledercouch, einem kleinen Couchtisch und einem Fernseher nichts weiter steht und in dem ich außer Reich- und Riechweite der übrigen Gäste bin.

Kann ich mit leben.

„Soll ich dir den Fernseher anmachen?“, fragt der Kellner.

Warum nicht, mit mir reden tut hier eh keiner und bevor ich mich in Selbstgespräche verwickle, kann ich genauso gut einen Film gucken.

„Was habt ihr denn für Filme?“

„Casablanca.“

Natürlich.

„Sonst noch was?“

„Wir haben den auf Englisch und Französisch.“

Ich entscheide mich für die englische Variante.

Als der Film losgeht, halte ich endlich meinen ersten Drink in der Hand.

Ich stoße innerlich mit mir selber auf das Leben an.

„Keep them coming“, rufe ich dem Kellner hinterher und höre ihn lachend verschwinden.

Nach Mojito Nr. 3 bin ich voll im Film. Irgendwann kommt die Szene, in der Elsa  Sam zusäuselt, er solle doch noch einmal „As Time Goes By“ spielen.

„Play it once, Sam. For old times‘ sake.“

Fünf Minuten später spielt auch der Klavierspieler im Restaurant, der Sam aus dem Film zum Verblüffen ähnlich sieht, den Song. Zum wahrscheinlich 1000. Mal.

102 Minuten später

„Louie, I think this is the beginning of a beautiful friendship.“

The End.

Der Film ist aus und ich mittlerweile ziemlich betrunken. Der Kellner hat inzwischen Feierabend und hat sich zu mir gesellt, um das Ende vom Film mit anzugucken.

„Scheiß Film“, sagt er.

„Och…“, sage ich.

„Na ja, die ersten zehn Mal fand ich ihn auch noch ok“, sagt er und verabschiedet sich.

Ich beschließe mich ebenfalls auf den Weg zu machen und versuche aus der Kuhle im Sofa aufzustehen, die mein Arsch in den letzten eineinhalb Stunden geformt hat, nur, um sofort wieder in diese zurück zu sacken. Beim zweiten Anlauf und mit etwas mehr Schwung klappt es. Ich bewege mich, am Geländer festhaltend, nach unten.

Frischluft. Der größte Feind des Trinkers.

Ein Ehepaar schiebt sich an mir vorbei. Sie öffnen die Tür zur Bar und geben noch einmal die Geräuschkulisse frei, die sich dahinter abspielt. Ich habe die Tür des Taxis schon in der Hand und höre von Drinnen, wie Sam es noch einmal spielt.

Der Ruf der Aale bei Facebook

Im nächsten Teil:

Marokko Teil 10: Essaouira

Ein Gedanke zu “Marokko Teil 9 – Casablanca, oder: Warum Sam es meinetwegen nicht noch mal spielen muss

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