Marokko Teil 8 – Rif-Gebirge oder: Warum ich, wenn alles schief geht, immer noch eine Karriere als Haschischbauer anfangen könnte

Rif-Gebirge

Um mich herum nichts als Felsen und Büsche. Diese Höhe, dieser Druck auf den Ohren. Wie bin ich hier nur gelandet?

Am Tag zuvor

Es ist der dritte Tag in Chefchaouen und das, obwohl ich eigentlich nur einen bleiben wollte. Gemeinsam mit zwei Österreichern, Schorsch und Franz (wie sonst?), mache ich mich auf die Suche nach einem Restaurant, das Bier ausschenkt. Wir finden sogar eins und beschließen, uns aus diesem nie mehr weg zu bewegen. Die beiden erzählen mir, dass sie am nächsten Tag einen Wanderausflug ins Rif-Gebirge unternehmen wollen und fragen, ob ich nicht mit will.

Ich zögere.

Berge, die nicht mit einem Lift ausgestattet sind, sind eigentlich nicht so meins. Es dauerte daher noch zwei weitere Bier, bis sie mich überredet hatten.

Heute

Hier sind wir nun also, ausgerüstet mit Keksen und einer Flasche O-Saft, mitten in den Bergen.

Meine alpinen Erfahrungen waren vor meinem ersten Ski-Urlaub lange Zeit auf den mit 9 Metern höchsten Berg Ostfrieslands, den Plytenberg, begrenzt (12 Meter, wenn man den Baum auf dem Wipfel mitzählt), sowie den fast 7 Meter über dem Meeresspiegel liegenden west-ostfriesischen Hochgebirgszug der Eierberge nahe Aurich. Es ist also nicht verwunderlich, dass ich gegenüber meinen österreichischen Freunde leicht im Nachteil bin, die Bergziegen-ähnlich über die Felsvorsprünge und Kluften abseits des Wanderwegs kraxeln, während ich eher mit der Grazie einer verwirrten Kegelrobbe, die man in den Alpen ausgesetzt hat, versuche hinterherzukommen.

Irgendwann kommen wir an einer kleinen Kirche an. Mein Hemd klebt an meinem Körper und ich versuche die Schnappatmung zu unterdrücken und möglichst so zu tun, als hätte mir der Aufstieg nichts angehabt.

»Schön hier«, sage ich, obwohl ich außer Sternchen und einigen verschwommenen Schemen nicht wirklich etwas wahrnehmen kann.

Nach zwei Minuten des Verschnaufens lichtet sich der Schleier. Wirklich schön hier.

Die kleine Kirche, die nur aus einem einzigen Raum besteht und einem Kirchturm, der nicht viel größer ist als ein handelsüblicher Schornstein, stammt noch aus der Zeit der spanischen Besatzung, erzählt uns ein Einheimischer, der sich als Raoul vorstellt.

In der Entfernung sind die Dächer von Chefchaouen zu erkennen, zwischen denen es hier und da blau von den darunter liegenden Gassen hervorblitzt.

Auf einem Mauervorsprung sitzen zwei junge Männer, spielen Gitarre und singen marokkanische Lieder.

Ich hätte nie gedacht, dass ich mich einmal in einer solchen Höhe wohlfühlen könnte, aber ich fühle mich, wider meiner flachländischen Natur, wohl.

Raoul erklärt uns welche Dörfer und Täler man von hier oben alle sehen kann und kann uns sogar zeigen, wo unser Hotel ist.

Er hat Apfelsinen dabei und gibt eine Runde aus. Wir holen unsere Kekse hervor und lauschen noch etwas dem Gitarrenspiel, bevor es beginnt aufzufrischen und anfängt zu nieseln.

„Das hört gleich wieder auf“, sagt Raoul, lädt uns aber trotzdem auf einen Tee zu sich ins Trockne ein. Seine Farm sei gleich in der Nähe, sagt er.

Er ist Haschischbauer.

Guck an.

Er führt uns also hinauf in sein Dorf. Noch höher. Und dabei hatte ich mich gerade vom Aufstieg erholt.

Die Armut, die in vielen ländlichen Gebieten des Landes vorherrscht, ist auch hier zu spüren. Die Hütten, die verstreut in der bergigen Landschaft stehen, sind klein und teilweise verfallen. Meist bestehen sie nur aus vier Wänden, die aus porösen Lehm zusammengebaut und spartanisch mit Wellblechplatten abgedeckt wurden.

Die Bauern sind eindeutig nicht die Gewinner des weltweiten Drogenhandels.

„Das sieht nicht so aus, als ob ihr wirklich genug für eure Arbeit bekommt. Könnt ihr wirklich von eurer Ernte leben?“, frage ich Raoul.

„Wir haben genug zu essen, unsere Tochter geht zur Schule. Das reicht uns“, erzählt Raoul und ich habe auf einmal einen Kloß im Hals. Raoul lächelt mich an und ich fühle mich plötzlich schlecht. Wann haben wir angefangen unser persönliches Glück in Abhängigkeit materiellen Überflusses zu setzen?

Die Bauern am Wegesrand grüßen freundlich lächelnd. Ein ehrliches, wenn auch meist zahnloses Lächeln. Auf den Hängen hüten einige Mädchen und Jungen Ziegen, die genüsslich die zwischen den Felsbrocken wachsenden Grasbüschel fressen.

Nach einer viertel Stunde kommen wir zu Raouls kleinem Häuschen, wo wir von seiner Frau begrüßt werden, die uns bereits von weitem zuwinkt. Sie heißt Azza . Als wir durch die kleine Holztür ins Innere der Hütte treten, ist sie bereits dabei Pfefferminztee aufzusetzen, den sie frisch aus ihrem Garten gepflückt hat.

Als wir ausgetrunken haben, führt Raoul uns über seine kleine Farm, in seine Scheune und zeigt uns, wie er Haschisch produziert.

Ein bisschen wie die „Sendung mit der Maus“ für Erwachsene, denke ich.

Die Herstellung von Haschisch ist gar nicht so kompliziert, wie ich mir es vorgestellt habe. Raoul nimmt eine Schüssel, legt ein Sieb drauf und darauf wiederum eine Hand voll getrockneter Marihuana-Blüten, bevor er diese mit einem Tuch bedeckt und anfängt mit klöppeln den staubigen Harz aus den Blüten zu schlagen.

„Willst du auch mal?“, fragt Raoul mich.

Was für eine Frage.

Ich klemme die Schüssel zwischen die Beine und beginne mit den Klöppeln in meiner Hand drauf los zu trommeln.

„Du stellst grade Drogen her, Lennart“, schießt es mir durch den Kopf und ich fühle mich plötzlich wie Tony Montana.

„Sehr gut! Du bist ein Naturtalent“, lacht Raoul.

Sauber, denke ich mir, wenn’s mit dem Schreiben nichts wird, werde ich halt Haschischbauer. Auch Pablo Escobar hat mal klein angefangen.

2 Minuten später

Scheiß auf das Drogengeld. Haschischklopfen ist auf die Dauer verdammt langweilig. Ich beschließe daher, vorerst beim Journalismus zu bleiben. Weniger Nervenkitzel, mehr Kaffeepausen und kostenlose Schnittchen.

Ich drücke Raoul die Klöppel in die Hand und er stellt die Gerätschaften zurück in den Schuppen.

„Wollt ihr eigentlich was mitnehmen?“, fragt uns Raoul.

Wir gucken uns an. Ein kleines Souvenir von einer Haschischfarm klingt eigentlich ziemlich cool.

„Eins, zwei, drei? Wieviel wollt ihr?“, fragt er mich.

„Eins reicht“, sage ich, „Ist nur zum Spaß“

Er nickt, geht in den Schuppen und kommt mit einem Brocken Haschisch in der Größe eines Ziegelsteins wieder heraus, nimmt ein Messer, zersäbelt den Klumpen in zwei Teile und drückt mir eins davon in die Hand.

„500 Dirham macht das“ (Umgerechnet etwa 60 Euro)

Ich blicke ihn irritiert an, woraufhin auch er anfängt etwas verwirrt aus der Wäsche zu gucken.

„Ähm… das ist mehr als ein Gramm, oder?“, frage ich ihn, woraufhin der Bauer anfängt zu lachen.

„Ich dachte ein Kilo. Weniger lohnt sich doch gar nicht“,  sagt er, nimmt den Klumpen wieder zurück, bricht ein Stück (das ebenfalls weit, WEIT mehr als ein Gramm ist) ab und wirft es uns zu. „Könnt ihr so haben“

Wir wollen ihm trotzdem etwas Geld geben, was er allerdings ablehnt.

Wir bleiben noch etwas bei ihm, trinken Tee mit ihm und seiner Frau und er erzählt uns etwas über die Chancen und Risiken des Marihuana-Anbaus in Marokko.

„Wenn die Welt endlich den Anbau und die Verwendung von Marihuana legalisieren würde, könnten wir Bauern auch endlich gerechte Preise verlangen“, sagt er.

Wo er recht hat, hat er recht, denke ich mir. Aber da ich nur noch zwei Wochen in Marokko bin und für das Anzetteln einer erfolgsversprechenden Haschischbauern-Revolution  mindestens drei bräuchte, beschließe ich, mich über mein Souvenir zu freuen und den Grünen die Reformierung der Rauschmittelgesetzes zu überlassen.

Der Ruf der Aale bei Facebook

Im nächsten Teil:

Marokko Teil 9: Casablanca

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