Neues aus dem Schrebergarten II, oder: The Return of the Kleingärtner

Parzelle Nummer 6 , Schrebergarten-Kolonie 113 des Flensburger Kleingärtnervereins e.V.

Herrlich. Schönster Altweibersommer. Ich sitze mit meinem Vater und meiner Freundin im Kleingarten und versuche die eventuell letzten warmen Sonnenstrahlen des Jahres mit einem leckeren Herbst-Grillen zu zelebrieren.

Unsere Parzelle ist mittlerweile ein kleines, zwar nicht perfektes, aber gemütliches Fleckchen Erde geworden. Kein Verkehr, kein Fernsehen, keine Menschen.

Es hat fast schon etwas Zen-artiges hier gemeinsam zu sitzen, zu essen und Bier zu trinken, unabhängig des Unkrauts, der verwelkten Blumen im überwucherten Beet und der vermeintlichen Altlasten, die noch im Boden schlummern.

„Moin“

Ich zucke zusammen.

Ernst.

Zen, Lennart, Zen! Doch es ist zu spät. Ernst aus Parzelle Nr. 7 schafft es, nur durch den Anblick des haarigen Nippels seiner Männertitte, die an der rechten Seite des ausgeleierten Trägers seines vergilbten Schiesser-Feinripp-Unterhemds neckisch hervorlugt, das fein aufgebaute Gerüst meines Seelenfriedens zusammenstürzen zu lassen wie einen Turm aus schlecht gestapelten Jenga-Klötzchen, während er durch die lose in den Angeln hängende Gartentür geht und auf uns zuschlurft.

„Moin“, sagt er noch mal.

„Moin“, sagen wir, während in meinem Kopf Gedanke a) Was zum Teufel will der hier? und Gedanke b) Wie werde ich ihn wieder los? miteinander um die Vorherrschaft im Panik-Karussel kämpfen.

„Ich will gar nicht lange stören“

„Tust du nicht“, antworte ich und versuche gleichzeitig so freundlich und abweisend wie möglich zu klingen.

„Geht um Folgendes: Stadt sagt, wir soll’n hier so’n Biotop bauen, wegen Umgehungsstraße und so. Ausgleichsfläche. Neben euch, also Nachbargrundstück. Nu‘ hab‘ ich ’n Bagger bestellt. Riesen Ding! Sechs Meter! Kleiner geht nich‘, sonst steckt der fest. Ham wir nur Ärger mit. Naja, und kann halt sein, dass denn so’n bisschen Erde zu euch rüber fällt, wenn ich so am Baggern bin mit dem Ding“, erzählt Ernst und beschreibt gestikulierend, wie enorm groß der Bagger sein wird.

„Alles klar, aber das hast du mir doch schon zwei Wochen erzählt und ich hab gesagt, dass das überhaupt kein Problem für uns ist. Fällt halt Erde rüber. Was soll’s?“, sage ich und sehe in Gedanken schon die Schlagzeilen:

  • „MANN ENTHAUPTET ZWÖLF KLEINGÄRTNER MIT SECHS-METER-BAGGERSCHAUFEL!“
  • „MANN ENTHAUPTET SICH SELBST MIT SECHS-METER-BAGGERSCHAUFEL!“

»Jo, weiß ich doch. Aber, ich dachte so, bevor ich hier so… ne? Und das dann, ohne vorher mit dir und so. Und du dann so: „Nönönö…«

Ernst schweift ab in ein unverständliche Aneinanderreihung von Geräuschen und Gesten, die wahrscheinlich zum Ausdruck bringen sollen, wie ich seiner Meinung nach reagiert hätte, wenn er mir nicht ein weiteres Mal Bescheid gesagt hätte.

Man kann merken: reden ist nicht so seins. Andere Menschen sind auch nicht so seins. Die Kombination von beidem: nicht so seins.

Während er mir mit immer stärker ausschweifender Gesichtsakrobatik die potentielle Situation im Falle eines Versäumnisses einer weiteren Schilderung des kommenden Großereignisses näher zu bringen versucht, beginne ich zu überlegen, ob ich die Waschmaschine zuhause nun schon ausgeräumt habe oder nicht. Ich hatte sie ausgestellt, aber habe ich die Sachen danach auch zum Trocknen aufgehängt? Ich bin mir beim besten Willen nicht sicher. Doch! Ich kann mich an meine Socken erinnern, deren Geruch irgendwie auf die anderen Klamotten abgefärbt hat. Jetzt weiß ich wieder.

„… und das wollt‘ ich halt vermeiden. Kannst‘ versteh’n, ne?“, schließt Ernst seine Exkursion ins Reich des Artikulationsgulaschs ab.

„Klar kann ich das verstehen. Sicher ist sicher.“

„Dann weißte also Bescheid? Montag komm ich mit ’nem Bagger und dann wird ein richtig geiles Loch gebaggert“, wiederholt er sich stolz.

„Bagger“, sag ich, „geil.“

„Hammergeil“, verbessert er mich.

„Hammergeil“, wiederhole ich zustimmend.

„Sechs Meter“, ergänzt Ernst und in Gedanken höre ich Tim Taylor, den Heimwerker-King, männlich grunzen.

„Megageil. Aber wie gesagt: gar kein Problem“

„Das is‘ gut. Ich wollte auch gar nicht weiter stören….“

„Tust du nicht“

„… aber ich dachte, bevor ich hier jetzt mit so ’nem Sechs-Meter-Bagger ankomm‘ und ihr dann ankommt, warum ich denn hier einfach so ankomm und mir den Kopf abreißt, weil ich nicht Bescheid gesagt hab‘. Darum dachte ich: Ernst, sag lieber Bescheid! Weißte, nur, dass Du Bescheid weißt“

„Alles klar, danke“, sage ich und werfe einen verzweifelten Blick zu meinem Vater,

Während sich die Steaks auf dem Grill von der Unterseite langsam schwärzen, führt Ernst zum fünften Mal aus, warum genau er jetzt hier steht, und wie genau es ablaufen wird, wenn er am Montag mit seinem Monster-Bagger wahrscheinlich sein eigenes Grab schaufelt.

Kann man wirklich so besoffen sein? Oder bin ich, ohne es zu merken, in ein kosmisches Wurmloch getreten, das sich zwischen dem Löwenzahn versteckt hat und mich nun in einer niemals enden wollenden Schleife des Stumpfsinns gefangen hält?

„Naja, nun will ich nicht mehr länger stören“

„Tust du nicht“

„Joa, weiß ich doch. Wollt nur auf Nummer sicher gehen und wo du gerade da bist eben Bescheid sagen.“

„Bescheid“, ich kann dieses Wort nicht mehr hören. Gibt es ein Synonym für Bescheid? Meldung? Auskunft? Kunde?

„Danke Ernst, dass du mir die Kunde überbracht hat“, sage ich und Ernst sieht mich an, als hätte ich versucht Sanskrit mit ihm zu reden.

„Naja, weißt Bescheid“

Mit was für kognitiv Minimalkonfigurierten muss dieser Mann normalerweise reden, um nicht zu verstehen, dass man einen Sachverhalt wie „Montag wird Loch gebaggert, kann Erde rüber fallen“ wenn schon nicht nach dem ersten, dann zumindest nach dem zweiten Mal verstanden haben sollte?

Ich sehe hinüber zu unserem Nachbarn aus der Nummer 4 und beobachte  ihn dabei, wie er versucht mit einem Benzinkanister und einem Bunsenbrenner das Moos zwischen seinen Geranien zu entfernen.

Meine Frage hätte sich damit erledigt.

„Ich weiß Bescheid, Montag kommst du mit einem Bagger. Riesen Ding. Gräbst ein Loch. Es kann sein, dass Erde rüber fällt. Wir wissen Bescheid und haben immer noch kein Problem damit“

„Das ist gut, dann bin ich ja beruhigt. Wird ja auch wahrscheinlich gar keine Erde rüber fallen. Ich sach ja nur: wenn. Nicht, dass es dann heißt, ihr hättet von nichts gewusst. Wegen dem Bagger und der Erde und so. Na gut…… ’schuldige die Störung, ne?“

„….“

„Schönes Loch wird das“, sagt Ernst.

„Ich kann’s kaum erwarten“, sage ich.

„Schönes Loch“, sagt Ernst noch mal, dreht sich schwungvoll um, erlangt mit einem grazilen Ausfallschritt das kurzzeitig verlorene Gleichgewicht wieder und wankt zielsicher in Richtung Gartentor.

Am Tor angekommen dreht er sich noch einmal um.

„Dann weißte also Bescheid, ne?“

Zwei Wochen später

Ich rieche das Loch schon, bevor ich es sehe. Es riecht nicht so abartig wie ich es erwartet, aber auch nicht zu gut wie ich es erhofft habe.

Das Wasser, dass sich im unteren Drittel des Loch sammelt, ist so ekelerregend trüblich-schleimig, dass es mich nicht wundern würde, wenn plötzlich Cthulhu persönlich aus seinem todesähnlichem Schlaf erwachen und aus den Tiefen des „Biotops“ empor steigen würde.

Selbst mit viel Phantasie sieht das Loch, an dessen Wasserkante sich bräunlicher Schaum bildet, nicht so aus, als wäre eine Ausgleichsfläche der Stadt in ein Biotop verwandelt worden, sondern vielmehr, als hätte ein Wahnsinniger unser Nachbargrundstück mit einem überdimensionalen Sandkasten verwechselt. Ich muss nicht lange nachdenken, um zu realisieren, dass mit größter Wahrscheinlichkeit genau das  der Fall war.

Ich versuche schnellstmöglich das Bild von Ernst aus meinem Kopf zu bekommen, in dem er in seinem Feinripp-Unterhemd und wahrscheinlich erigiertem Penis mit seiner Sechs-Meter-Schaufel in den Boden hackt, bis das nun zu bewundernde Loch entstanden ist.

Ich schüttle den Kopf und laufe zwei Meter weiter zu unserer Pforte.

Keine Erde auf unserem Grundstück. Noch nicht einmal ein Krümel.

Dafür der uneingeschränkte Blick auf das stinkende, trübe Loch.

Verdammt, wir werden uns sowohl an den Anblick, als auch den Geruch und die sicherlich nicht unerhebliche Anzahl an Mücken im Sommer gewöhnen müssen, denn wenn sich Ernst nicht dazu entschließt, dass ihm das Baggerfahren so viel Spaß gemacht hat, dass er das Loch spontan wieder zuschütten möchte, wird sich nichts daran ändern.

Ein Biotop hatte ich mir eigentlich etwas anders vorgestellt.

Ich meine… ich habe jetzt natürlich nicht im Duden nachgeguckt. Kann ja sein, dass dort wirklich so etwas steht wie:

Biotop, das – Subst., Neutrum
I. Stinkendes, braunes Erdloch mit Mücken drin

Dann hätten die Kleingärtner wieder einmal alles richtig gemacht.

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2 Gedanken zu “Neues aus dem Schrebergarten II, oder: The Return of the Kleingärtner

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