Unterwegs mit Aalkreih, oder: Morslock klingt viel besser als Arschloch

»Moin!«.
»Moin!«, sagen Birger, Cuddel, Schorsch, Marvin und Gerri von der Flensburger Band Aalkreih nacheinander, nicken dem entgegenkommenden Mann kurz zu und schlendern weiter die Hafenpromenade an der Schiffbrücke entlang.
Man kennt sich, Flensburg ist halt doch irgendwie ein Dorf. »Un immer uk fein grööten« singen sie nicht umsonst im Lied »To Huus« von ihrer aktuellen Debüt-Platte »Watt Schasst Mooken«. Aalkreih halten sich dran.

_MG_5169.CR2 08SEP15 Bandportrait Aalkreih Foto: Lars Salomonsen

Fotos: Lars Salomonsen

Wie muss man sich eigentlich einen perfekten Tag in Flensburg vorstellen?
»Pizza bei Toni, anschließend Bier im Volksbad und danach vielleicht abhängen am Hafen«, antwortet Sänger Thomas »Gerri« Christiansen.
Klingt eigentlich ganz gut.
Die erste Station ist also die „Pizzateca da Tonis“ in der Nordstadt. Die kleine Pizzeria ist in Flensburg ungefähr so unbekannt wie die »Geheimtips« in den Lonely Planet-Reiseführern.

_MG_5197.CR2 08SEP15 Bandportrait Aalkreih Foto: Lars Salomonsen

Überdacht von den ikonisch über die Stromleitungen der Norderstraße geworfenen Schuhe, quetschen sich mindestens eine handvoll Menschen mehr auf die drei auf dem Fußweg aufgestellten Bierzeltgarnituren als eigentlich drauf passen sollten.
Auch die fünf Jungs von Aalkreih schieben sich auf eine der Bänke.
»Toni ist ein cooler Typ und die Pizza ist einfach Weltklasse«, sagt Gitarrist Marvin Opitz.
»Und der Laden ist einfach so geil rödelig«, ergänzt Christiansen (was auch immer er damit meint).
Kennen tun sich die Bandmitglieder schon lange. Die meisten von ihnen spielten oder spielen schon seit 20 Jahren in verschiedenen Bandformationen zusammen, allesamt im Punk/Hardcore-Bereich angesiedelt. Außer ihrem Lap-Steel-Gitarristen der Band Cnud »Cuddel« Jensen. Der Inhaber des Musikladens am Norder Markt hat seine musikalischen Wurzeln eher im Bluesrock.
»Cuddel war der einzige, den wir kannten, der so ein exotisches Instrument spielen konnte. Außerdem hingen wir sowieso dauernd bei ihm im Laden ab um zu klönen«, erzählt Christiansen, während aus dem Innern des Mini-Restaurants der Duft von frisch gebackener Pizza strömt.
Als Opitz mit der Idee einer Countryband kam, musste man sich über die Besetzung also keine Sorgen machen. Christiansen erklärte sich als Sänger bereit, einzige Bedingung: es musste plattdeutscher Country sein.
Damit konnten alle leben. Aalkreih war geboren.

_MG_5174.CR2 08SEP15 Bandportrait Aalkreih Foto: Lars Salomonsen

Durstig vom ganzen Erzählen der Bandgeschichte, entscheidet man sich weiterzugehen zur nächsten Station, dem Volksbad. Auf den dunklen, mittlerweile biergetränkten Brettern der kleinen Bühne des historischen Badehauses an der Schiffbrücke standen schon Bands wie die Beatsteaks, Fettes Brot, Deichkind und Against Me.
Nacheinander treten die Bandmitglieder aus der Septembersonne, die den Flensburger Hafen für diesen Tag noch einmal in goldenes Licht taucht, durch die schmale Seitentür des alten Backsteingebäudes ins Innere des Volksbads. Einer nach dem andern bewegt sich in Richtung Theke und nimmt auf den Barhockern am Tresen Platz. Christiansen, der als Veranstaltungskaufmann im Volksbad arbeitet, greift in den Kühlschrank unter der Bar und versorgt alle mit Bier. Vier Becks und ein Flens für Jensen.

_MG_5236.CR2 08SEP15 Bandportrait Aalkreih Foto: Lars Salomonsen

Die Luft riecht nach altem Rauch und allem, was sich über die Jahrzehnte voller verschwitzter Punkshows in den Holzbalken des Gebäudes abgesetzt hat. Für die Band ein vertrauter Duft. Das Volksbad ist seit der ersten Probe ihr Proberaum.
Erste Probe
Das erste Lied, dass sie ausprobierten, war ein Cover des Hot Water Music-Songs »Trusty Chords«, allerdings nicht die originale Hardcore-Version, sondern die Akustik-Interpretation des Chuck Ragan-Weggefährten Dave Hause.

»Im Kopf hatten wir die Idee, dass wir auch ungefähr so klingen wollten«, erzählt Opitz. »Wir haben das Lied gehört und dachten: Das wird so richtig geil«, ergänzt Christiansen.
Dann kam die Bandprobe.
»Es war ganz fürchterlich«, erinnert sich Scholz. »Keiner von uns war daran gewöhnt richtig zu singen statt zu schreien. Am allerwenigsten Gerri.«
Die ersten Versuche schienen so deprimierend gewesen zu sein, dass Christiansen seine Bandkollegen fragte, ob sie wirklich glauben, dass das was wird, oder ob sie lieber aufhören sollten.
Einer der größten Unterschiede war die fehlende Lautstärke im Vergleich zur dezibelstarken Hardcore- und Punk-Musik. »Unter 140 dB ging bei mir normalerweise nichts«, erzählt Schlagzeuger Schorsch Otto. Leise spielen, musste also erst einmal erlernt werden. Aus Ermangelung eines Schlagzeugbesens, schnappte sich Otto bei der ersten Bandprobe kurzerhand eine Klobürste, um den Drum-Sound zumindest etwas runterzuschrauben.

_MG_5256.CR2 08SEP15 Bandportrait Aalkreih Foto: Lars Salomonsen

Ob es nun der angekratzte Stolz der Musiker war oder etwas anderes, jedenfalls rissen sie sich noch mal zusammen und probten weiter.
Im Februar 2013 wurde die Band bei ihrem ersten Konzert, ebenfalls im Volksbad, auf die Probe gestellt. Da hätten sie zum ersten Mal gemerkt: das passt, erzählen die Band-Mitglieder, und gingen kurze Zeit später ins Studio, um ihre ersten Demos aufzunehmen.
Kein geringerer als Sven Mikolajewicz, der in den 90ern Teil der Hip Hop-Combo Fischmob war, produzierte die Demo-EP. Mikolajewiczs Hip Hop-Background zeigte sich auch in der Arbeitsweise im Studio. »Beim Hip Hop arbeitet man sehr sequentiell. Bis dahin waren wir eigentlich gewohnt, ein Lied einfach komplett durchzuschrappen und das solange zu wiederholen, bis es gut klingt«, berichtet Bassist Birger Scholz.
Um die Produktionskosten möglichst gering zu halten, machte man so viel wie möglichst selbst, vom Coverfoto bis zum Design des Bandlogos.
Geht auch leise
Mittlerweile haben sich alle an die ruhigeren Töne gewöhnt. Es sei schön, mal ohne Kopfschmerzen und Klingeln in den Ohren von der Bandprobe nach Hause zu gehen, erzählen sie.

_MG_5253.CR2 08SEP15 Bandportrait Aalkreih Foto: Lars Salomonsen

Wird man automatisch mit den Alter ruhiger?
»Auf keinen Fall! Wir sind alle noch gefühlte 25«, antwortet Bassist Birger Scholz fast schon empört. Seine Bandkollegen stimmen ihm zu. Das habe nicht mit dem Alter zu tun, man habe einfach mal etwas anderes machen wollen. »Wir haben sogar kurz mit dem Gedanken gespielt eine plattdeutsche Top-40-Band zu gründen«, berichtet Christiansen. Aber die Vorstellung eines Queen-Songs auf Platt habe sie dann doch abgeschreckt.
Wer ist Turbostaat?
Die anderen Projekte der Bandmitglieder müssen momentan etwas kürzer treten. Auch Christiansens Zweitband Hallo Kwitten.
»Wir müssen uns unseren Schlagzeugen mit dieser anderen Band teilen, daher würden wir wahrscheinlich eh dieses Jahr nicht mehr zum Proben kommen«, erzählt Christiansen. »Diese andere Band« heißt übrigens Turbostaat und ist derzeit Flensburgs größter musikalischer Exportschlager nach Santiano.
»Wir hatten ursprünglich eigentlich gar nicht geplant, die Demos zu verkaufen. Aber mittlerweile haben wir von der Platte mehr verkauft, als mit all unseren anderen Bands zusammen«, erzählt Opitz.
Rollator-Pogo
Von »dieser anderen Band« lieh und leiht sich Christiansen übrigens nicht nur ab und zu den Drummer, sondern auch ein Lied namens »Am Ende einer Reise«, um es es einer akustischen Komplettkur zu unterziehen und ihm einen Aalkreih-Stempel zu verpassen.
Mit der musikalischen Stilrichtung änderte sich auch das Publikum. Zumindest teilweise.

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»Mit Aalkreih spielen wir Konzerte, von denen wir bisher gar nicht wussten, dass sie existieren«, sagt Opitz und nippt an seinem Bier.
»Wir haben ein Konzert in Eggebek gespielt, bei dem die Zuschauer mit Rollatoren reingeschoben kamen«, erinnert sich Scholz.
»Ach, so viele waren das gar nicht«, versucht Christiansen die Situation herunterzuspielen.
»In der ersten Reihe standen zwei direkt vor mir. Ich musste die ganze Zeit drauf gucken«, erwidert Scholz. »Die Landfrauen haben sogar extra Kuchen für das Konzert gebacken«. Aalkreih fanden’s cool, besonders als sich unter die bis dahin eher weißhaarigen bis kahlköpfigen Zuschauer in Eggebek Freunde der Band aus Flensburg mit Dreadlocks und buntgefärbten Haaren mischten.
Apropos Haare, auch in einem Friseursalon in Oldenburg hat sich Band bereits mehrmals die Ehre gegeben.
Country-Gedöns
Seit der Veröffentlichung ihrer Demos sind mittlerweile mehr als zwei Jahre vergangen. Vor den Aufnahmen für ihr Debüt-Album wollte die Band live spielen, am Sound feilen und den eigenen Stil perfektionieren.
»Wir klingen mittlerweile ganz anders als ursprünglich geplant. Klar spielen wir noch Country, aber mittlerweile ist auch viel Indie, Folk und Rock dabei«, sagt Scholz, zieht an seiner Zigarette und bläulicher Rauch steigt empor zu den Tresenlampen über der Theke.
Dieser Sound hat zwischen den Aufnahmen der ersten Demos bis zum neuen Album, das Anfang September erschien, noch weiter gefestigt.
Verantwortlich für die Aufnahmen des Debüts, zeichnete sich abermals Mikolajewicz.
Platt
Neben der musikalischen Komponente ist es allerdings besonders eine Sache, die Aalkreih ihren eigenen Charakter gibt: die plattdeutsche Sprache. Sie ist für die Band mehr als nur Mittel zum Zweck. Sie gibt den Liedern ihren ganz eigenen Charme »Die Lieder haben dadurch eine ganz andere Stimmung. Auf Hochdeutsch könnte ich sie so gar nicht singen«, sagt Christiansen.

_MG_5247.CR2 08SEP15 Bandportrait Aalkreih Foto: Lars Salomonsen

Beherrschen tun die Sprache alle Bandmitglieder, die verstreut in der norddeutschen Pampa zwischen Husum und Kappeln aufwuchsen. Der eine mehr, der andere weniger.
Zumindest bei Drummer Otto hat die Band dessen Plattdeutsch-Kenntnisse sogar gerettet. Bis dato war für ihn die Sprache nur auf Familienfesten präsent und dementsprechend uninteressant. »Ich bin einfach kein großer Fan von Familienfesten«, gesteht Otto.
Die Sprache passt zu den Geschichten die Texter Christiansen erzählt und die geprägt sind vom typisch norddeutschen, teils bitterbösen Humor. Sie handeln vom Leben auf dem Dorf und den Eigenarten derer die dort groß werden. Von den Schwierigkeiten die daraus resultieren, nicht zum dörflichen Establishment zu gehören und vom Wunsch raus zu kommen und dann trotzdem irgendwann, irgendwie vom Heimweh gepackt zu werden. Jeder der vom Land kommt kennt das und auf Platt wird es einfach noch einmal deutlicher.
»Wir verwenden natürlich auch Vokabeln, die aus dem Hochdeutschen übernommen wurden, aber so spricht man nunmal heutzutage Platt. Mein Vater spricht anders als mein Opa und ich anders als mein Vater«, erklärt Christiansen.
Sie sehen sich daher nicht als Schützer des »Kulturguts Plattdeutsch«. Auf Sprachpuristen können sie getrost verzichten.
Jensen bring es auf den Punkt: »Die Sprache gehört hier in der Gegend einfach dazu. Außerdem kann man mit ihr ganz andere Sachen sagen als auf hochdeutsch. Morslock klingt einfach viel besser als Arschloch.«

_MG_5133.CR2 08SEP15 Bandportrait Aalkreih Foto: Lars Salomonsen

Zu kaufen gibt’s die Scheibe übrigens hier und hier oder im Plattenladen eures Vertrauens.

 

(Old School, in gedruckter Form, erschien der Bericht am Sonnabend, dem 19. September in der Flensborg Avis. Fotos: Lars Salomonsen)

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