Neues aus dem Schrebergarten, oder: Wahnsinn zwischen Oettinger und Orchideen.

Kolonie 113, Nummer 6. Das bin ich. Und Sören, Sientje, Cord und Johanna. Zusammen haben wir uns vor einigen Monaten freiwillig dazu entschlossen, ein Stückchen Grünfläche samt Hütte zu mieten und damit unfreiwillig Teil eines suburbanen, gesellschaftlichen Randprodukts zu werden, dass im Allgemeinen als Schrebergartensiedlung oder Kleingartenverein tituliert wird.

Jenes Idyll, in dem die Verfechter kleinbürgerlicher Leitkultur darauf scheißen, wie schnell sich der Rest der Welt um sie herum weiterentwickelt. Die letzte Bastion des totalitären Spießertums. Zweite Heimat all derer, die wissen, dass die besten Anzüge nicht von Hugo Boss, sondern von Adidas kommen, Reisverschluss und Gummizug haben und nicht schwarz sondern neonfarben sind. Refugium für alle, die nicht wahrhaben wollen, das Hans Meiser bereits Ende der 90er abgesetzt wurde und sich seitdem einen Ausgleich in ihrer Kleingarten-Utopie suchen.

Zwischen Oettinger und Orchideen, zwischen Sterngladiolen und Sternburg Export, wird hier uniformer Individualismus gelebt.

Kleingärtner. Diese sozialen Outlaws in Badelatschen und Tennissocken. Diese Grünland-Biedermänner und Öko-Opportunisten.

Hier herrschen nur zwei Gesetze: die Bundeskleingartenverordnung von 1983 und das, was morgens in der BILD-„Zeitung“ steht. Hier regiert der mit dem größten Gartenzwerg und dem meisten Zubehör für sein Gardena-Special-Deluxe-Gartenschlauch-System.

Hier werden Stammtischparolen nicht nur am Leben gehalten, hier fanden viele von ihnen ihren Ursprung.

Die zehn meistverwendeten Sätze in der Kleingartenkolonie:

1. „Ehrlich! Stand heute in der BILD“

2a. „Ich bin ja nicht…., aber….“

2b. „Ich habe ja nichts gegen…, aber…“

3. „Genug getan für heute. Ich leg mich jetzt erstmal hin“

4. „Das wollt ihr wegschmeißen?! Das ist doch noch gut!“

5a. „Früher hatten wir noch richtig Sommer“

5b. „Früher hatten wir noch richtig Winter“

6. „Ich hol‘ uns erstmal ein Bier“

7. „Wir sind da ja normalerweise nicht so, aber…“

8. „So ein kleiner Gefallen unter Freunden“

9. „In D-Mark wäre das doppelt so viel!“

10. „Letztens an der Kasse…“

Der Schrebergarten ist der Ort, an dem man schon Montags im Wochenend-Look rumlaufen darf und wo keiner schief angeguckt wird, wenn er mal einen Fleck auf der Hose, beziehungsweise überhaupt eine an hat.

Und ich bin mittendrin.

Herrlich.

Gemeinschaftsarbeit – Alles für die Kolonie!

Für die Gemeinschaftsarbeit lassen die Kleingärtner alle paar Monate sogar ihren eigenen Garten ausnahmsweise für einige Stunden ruhen, um sich dem großen Ganzen zu widmen: der Kolonie. Hier wird solange gearbeitet, bis das Bier alle ist.

Es ist Sonnabend, Mitte Juli, 10 Uhr. Es ist heiß. Die Strapazen der letzten Nacht sitzen mir und Sören noch etwas in den Knochen und der Blick um uns herum macht unseren Gemütszustand nicht besser. Glasige Augen blicken uns an. Männer mit wettergegerbter Lederhaut, Bierbauch und Genitalien nur aufs Nötigste durch Unterhemd und abgeschnittene Jeans verdeckt, stehen neben ihren Frauen, die mit herausgewachsener Dauerwelle und lose aus dem Mundwinkel hängender Fluppe ins Leere starren.

Nach und nach treffen die restlichen Koloniebewohner ein.

Vermeintlich lustige Foppereien werden ausgetauscht. Warum der eine erst so spät kommt, warum der Rasen beim anderen so ungepflegt ist, blablabla…

„Hallo? Ich bin schon seit 8 Uhr am Arbeiten für die Kolonie“, sagt Karl-Heinz aus der Nummer 1 erbost, als er bezichtigt wird, bis gerade geschlafen zu haben.

„Achja? Wat haste denn gemacht?“, fragt ein Ungläubiger.

„Ich war schon direkt nachm Aufstehn im Getränkemarkt und hab Bier geholt, damit wir nachher was zu trinken haben“

Die Antwort scheint zufrieden zu stellen.

Für Bier ist also gesorgt.

Mein Fluchtinstinkt setzt kurz ein, als ich Ernst aus der Nummer 7 auf mich zuwanken sehe. Dabei ist es gar nicht so, dass ich ihn nicht mag, er redet nur unglaublich viel. Viel und banal.

Durch meinen Kopf rattern mögliche Wege mich von der Gemeinschaftsarbeit zu drücken. Einen Ohnmachtsanfall vortäuschen? Sagen, dass meine Tante im Sterben liegt? Mir mit der Heckenschere die Hand abhacken?

Ich verwerfe die Ideen schnell wieder. Die Konsequenzen wären fatal. Denn: nicht zur Gemeinschaftsarbeit zu erscheinen, ist wie die Führerscheinprüferin zu fragen, ob sie auch noch einen richtigen Job hat. Man kann sich danach so sehr anstrengen wie man will, man hat verloren.

10.15 Uhr. Es scheinen alle da zu sein. Die Aufgaben werden verteilt und es kommt Bewegung in die Gruppe. Meine Aufgabe ist es, die Hecken und Bäume am Weg zu stutzen.

Mir wird eine elektrische Heckenschere in die Hand gedrückt und ich frage, ob es denn überhaupt erlaubt ist, im Sommer die Bäume zu beschneiden, wegen der Vogelnester und so weiter.

»Jo, gar kein Problem. Wenn die Heckenschere anfängt zu zwitschern, musste aufhören«, sagt Ernst, während er mit einer Zigarette im Mundwinkel Benzin in den Tank seines Rasenmähers füllt. Ich gehe vorsichtshalber einen Schritt zurück aus Angst, dass Ernst sich, den Rasenmäher und einen Teil der Kleingartensiedlung in die Luft sprengt.

„Ich mach mich dann mal an die Arbeit“, sage ich zu Ernst, schnappe mir die elektrische Heckenschere  und versuche mich schnellstmöglich zu verziehen.

“Wem sein Moped tut hier so im Weg rumstehen?”, bölkt plötzlich jemand von der Seite, der sich als Günter (Nummer 12) herausstellt.

“Mir seins!”, antworte ich.

“Ach so. Tu den mal wegstellen”

Ich nicke kurz, schiebe meinen Roller an die Seite und will gerade beginnen der ersten Hecke eine neue Frisur zu verpassen, als die anderen ihre Geräte ausschalten und in Richtung Bierkiste laufen.

Pause.

Ernst gesellt sich zu mir und lässt mich ungefragt an seinem reichen Erfahrungsschatz in Sachen „Leben Allgemein“ teilhaben.

Irgendwann ist die Pause vorbei und ich weiß mittlerweile mehr über Ernst, als über meine Eltern. Ernst begleitet mich zu meiner Heckenschere ohne dabei aufzuhören zu reden.

Was wir denn mit unserem Garten vorhätten, fragt er mich. Nicht, dass er uns da reinreden wolle. Auf keinen Fall. In unserem Garten könnten wir machen was wir wollen. Sie seien hier alle nicht so, beteuert er mir. Ganz locker alles! Solange die Hecke nicht höher ist, als 1,20 Meter. Und unseren Rasen müssten wir auch mal wieder mähen. Für ihn selbst wäre das zwar eigentlich überhaupt kein Problem, aber der Kompanie-Obmann sehe das etwas anders. Anschließend erzählt er mir eine Anekdote darüber, als seine Hecke mal zu hoch war.

Er redet sich langsam warm, berichtet mir ausführlich, wie er es geschafft hat, sein Dieselaggregat für die Hälfte des Preises zu bekommen, warum seine Geranien so gut wachsen (Antwort: Er pinkelt jeden Morgen dagegen),  wie man aus zwei alten Baurohren einen Kühlschrank für Bier bauen kann und warum der HSV niemals absteigen wird.

Ich werfe einen verzweifelten Blick zu Sören, der schwitzend mit einer Schubkarre voller Blätter an mir vorbeischiebt. „Tu die einfach dahinten um die Ecke kippen“, ruft ihm Johnny (Nummer 4) hinterher.

„Alles Grammatik-Vergewaltiger hier“, raunt er mir zu, während er mit der Schubkarre um die Ecke biegt.

Ernst lässt sich währenddessen von meinem kurzen Intermezzo mit Sören nicht aus der Façon bringen und redet unbeirrt weiter.

Was Ernst denkt was in meinem Kopf vorgeht:

„Wow! Dein Leben ist unglaublich interessant! Und das ist dir wirklich heute morgen passiert? Erzähl mir mehr!“

Was tatsächlich in meinem Kopf vorgeht:

„Das hast du mir vorhin schon dreimal erzählt! Wenn du noch einen Satz sagst, reiße ich mir das Gesicht vom Kopf“

Seine neuesten Abenteuer bei Aldi und am Kiosk „Zur süßen Ecke“ wären soweit abgearbeitet und er beginnt, mir seine Sicht auf die aktuelle Tagespolitik zu erläutern.

„Kein Wunder, dass keiner mehr wählen geht“, resümiert er irgendwann kopfschüttelnd.

“Als nächstes kommt das Wetter dran”, denke ich mir und beschließe das Spiel Plattitüden-Bingo zu nennen.
“Glaubst du ich bin dieses Jahr schon dazu gekommen angeln zu gehen? Ne! Nur Stress! Mit der Arbeit, mit dem Vermieter, mit der Alten…“
“Verdammt, doch kein Wetter”, denke ich.
”Andererseits, macht ja bei dieser scheiß Hitze auch gar keinen Spaß. Ist ja nicht auszuhalten”, sagt er, und ich mache in Gedanken mein erstes Kreuz.
“Meintest du nicht letztens erst, dass es für Juli viel zu kalt sei und dass man das ja gar nicht Sommer nennen kann bei dem Scheißwetter?”, frage ich ihn.
“War ja auch so. Aber bei der Hitze kann man auch nix anfangen”
“Sehe ich genauso”, pflege ich ihm bei, “Ein guter Deutscher braucht konstante 22,7 Grad im Sommer. Von Anfang Mai bis Ende September. Damit das kalte Bier schmeckt und er trotzdem beim Fußballgucken nicht ins Schwitzen gerät. Bei allem anderen geht er ein”.
“Genau! Aber wann haben wir das das letzte mal so gehabt?”, fragt er mich ernst, während er mir kopfnickend zu verstehen gibt, dass ich ihm anscheinend aus der Seele gesprochen habe.
Er beginnt, mir von seinem Sohn zu erzählen, der nach seiner Aussage “irgendwas mit Computer oder so” studiert und ich merke wie eine Gehirnzelle nach der anderen beim Zuhören kapituliert und abstirbt, während ich mich dem Bingo immer weiter näher.
Ich lasse surrend die Heckenschere laufen und gebe ihm gestikulierend zu verstehen, dass ich bei dem Lärm nix hören kann, woraufhin er einen Schritt näher kommt und beginnt mir ins Ohr zu schreien.

Sieht er nicht das Funkeln in meinen Augen und die messerscharfen, rasendschnell aneinanderschleifenden Messer der Schere in meinen Händen? Merkt er nicht, dass er mir mit jedem seiner Worte mehr Nährboden für meine wachsenden Mordphantasien gibt? Hat er keine Angst, dass diese überhand nehmen könnten und ich mir statt dem Rhododendron den Bereich zwischen seinen Männertitten und seiner Säufernase vornehme? Anscheinend nicht, denn er redet unberührt weiter.

Ich beginne mich wieder zu beruhigen, versuche an etwas völlig anderes zu denken und werfe ab und zu nach dem Rotationsprinzip ein „Wirklich?“, „Das ist ja ein Ding“ oder „Hätte ich an deiner Stelle ganz genauso gemacht“ ein.

Irgendwann ist Feierabend und Ernst und ich machen uns auf den Weg zur Bierkiste.

Einige sitzen immer noch am gleichen Platz wie vorhin und scheinen von der Pause direkt in den Feierabend übergegangen zu sein.

”Nehmt euch ein Bier. Habt ihr euch verdient”, sagt  uns der Kompanie-Obmann

Nett sind sie ja alle, irgendwie.

Sören und ich greifen in die Kiste, prosten uns zu und sind froh, gleich wieder in die normale Welt zu kommen.

“Prost Jungs! So jung kommen wir nicht mehr beieinander”, ruft Günter uns zu.

Bingo.

Der Ruf der Aale bei Facebook

Im nächsten Teil:

Neues aus dem Schrebergarten II, oder: The Return of the Kleingärtner

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