Marokko Teil 5 – Am Meer, oder: Vom marokkanischen Snoop Dogg, Hinterhof-Schamanen und den pinkesten Flamingos der Welt

Moulay Bousselham

Ich atme tief ein.

Salzluft.

Schön.

Wenn ich mich konzentriere, kann ich sogar in der Ferne Meeresrauschen hören. Kann aber auch nur der Straßenverkehr oder jemand am Staubsaugen sein.

Moulay Bousselham

StepMap Moulay Bousselham

 

Ich habe relativ schnell nach meiner Ankunft in Moulay Bousselham eine günstige Unterkunft in einem etwas heruntergekommenen Hotel in der Nähe des Hafens gefunden. Hakem, der Hotelbesitzer, ist eine der skurrilsten Gestalten, die mir bisher begegnet sind und wirkt in dem sonst sehr unscheinbaren Fischerdorf recht deplatziert, fast, als wäre er frisch aus einer Zeitkapsel gestiegen.

Er sieht als, als hätten Snoop Dogg und Bibo aus der Sesamstraße ein Kind gezeugt und redet, als wäre Bob Marley sein Englisch-Nachhilfelehrer gewesen.

Ich betrachte ihn von seinen glattpolierten Lederstiefeln über seine zerschlissene Schlaghose und sein Hawaii-Hemd bis zur bunten Feder, die einen großen schwarzen Filzhut krönt und bekomme sofort einen Ohrwurm von Isaac Hayes‘ Soundtrack zu „Shaft“ :

Er sitzt entspannt in einem großen, blauen Schaukelstuhl. In der einen Hand hält er ein Glas Pfefferminztee, in der anderen einen Joint. Ein Bild, an dem sich den gesamten Abend über nichts ändert. Während er die letzten glühenden Überreste seines Joints im Mundwinkel hält, baut er sich bereits den nächsten. Sobald sich der Inhalt seines Glases dem Ende neigt, kommt seine Frau und füllt es wieder auf.

Ich setze mich zu ihm, wir trinken gemeinsam Tee und er erzählt mir, dass er früher einmal durch Amerika gereist ist und dass er irgendwann auch dorthin ziehen will. „Nach San Francisco“, sagt er mit verträumten Blick.

Wir reden über Allah und die Welt. Hakem ist zwar ziemlich verstrahlt und wahrscheinlich auch ein wenig verrückt, aber unterhaltsam.

Irgendwann allerdings, bekomme ich ein mulmiges Gefühl im Bauch. Entweder sind es die gefühlten drei Liter Tee, die Hakem mir mittlerweile eingetrichtert hat, oder es sind noch die Auswirkungen des Hoden-Burgers von gestern Nachmittag.

Eine leichte Übelkeit überkommt mich, die von Minute zu Minute schlimmer zu werden scheint, sodass ich irgendwann gezwungen bin mich zu verabschieden und auf Toilette zu sprinten.

Nähere Einzelheiten überlasse ich der Phantasie derer, die schon einmal eine Lebensmittelvergiftung hatten.

Kurz gesagt: eine schlimme Nacht. Immer wieder versuche ich zu schlafen, nur um von einer neuen Übelkeitswelle erfasst zu werden, während mein Kreislauf kurz davor ist zu kollabieren. Erst nach Stunden sinke ich in einen mit Fieberträumen durchzogenen Schlaf, nur um nach gefühlten 5 Minuten in von Schweiß durchnässten Laken wieder aufzuwachen. Ich weiß kurz nicht wo ich bin, versuche aufzustehen und sinke, während sich alles beginnt zu drehen, zurück ins Bett.

Erst beim zweiten Versuch schaffe ich es, meinen Körper aus dem Bett zu wuchten und mich, schwer aufs Treppengeländer gestützt, nach unten zu schleppen. Ich brauche dringend einen Arzt.

Ich wanke aus der Tür in den Innenhof, wo ich Hakem genau  so vorfinde, wie ich ihn am Abend verlassen habe: mit einem Joint in der Hand und einem Tee in der anderen in seinem Schaukelstuhl.

Er blickt mich mit zusammengekniffenen Augen an.

„Alles ok, Mann?“, fragt er mich und zieht an seiner Tüte.

Statt einer Antwort, breche ich in den Blumenkübel neben der Tür.

Hakem zögert nicht lange, steht auf, ruft seiner Frau etwas zu, sagt mir etwas, dass ich wie aus weiter Entfernung wahrnehme, ohne wirklich zu verstehen was er gesagt hat und folge ihm, als er mir zunickt und in Richtung Straße geht. Ich habe außer meiner Boxershorts, meinem durchgeschwitzten T-Shirt und meinen Schuhen nichts an und wanke hinter Hakem her wie ein Zombie.

Mir ist so schwindelig, dass ich mich beinahe nicht auf den Beinen halten kann. Ich lehne mich kurz gegen eine Mauer um mich auszuruhen, aber Hakem packt mich am Arm und zieht mich weiter.

Ein paarmal bin ich kurz davor umzufallen, sodass Haken  beginnt mich zu stützen und mich durch die sandigen Gassen der Stadt zu schleifen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit gehen wir durch den Hintereingang eines kleinen Lehmhauses in einen mit Säcken, Kisten und allerlei undefinierbarem Krimskrams fast zur Gänze vollgestellten Raum, in dem ein kleiner Mann mit Glatze sitzt, Zeitung liest und ein Haschisch-Pfeifchen raucht.

Hakem setzt mich auf einen Stuhl und beginnt mit dem Mann zu reden, der sich später als Nasir vorstellt.

Nasir beginnt mich zu untersuchen. Fühlt meine Stirn, drückt mir auf dem Bauch herum (was mich fast wieder zum Kotzen bringt), schaut mir in die Augen und verschwindet im Hinterzimmer.

Kurze Zeit später kommt er mit unterschiedlichen Beuteln und Töpfen mit verschiedenfarbigen Pulvern und Kräutern zurück, mischt sie in einer Schale zusammen und kippt kochendes Wasser drüber.

„Trink“, sagt Nasir und gibt mir die Schale, die jetzt mit einer bräunlich-trüben Brühe gefüllt ist.

Das Zeug sieht aus und riecht schlimmer als das, was ich in Hakems Blumenkübel hinterlassen habe. Ich trinke einen Schluck und muss es sofort wieder ausspucken. Der Geschmack ist unbeschreiblich ekelhaft. Bitter, scharf und gleichzeitig durchzogen von einer fauligen Süße.

„Trink!“, sagt er noch mal bestimmt, sogar etwas wütend, und führt mir die Kumme mit sanfter Gewalt wieder an den Mund. Ich erkenne an seinem Blick, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als das Zeug irgendwie herunterzubekommen und, wenn möglich, drinnen zu behalten. Mit aller mir verbliebenen Willenskraft, würge ich die Flüssigkeit herunter, wische mir den Mund in meinem T-Shirt ab und gebe Nasir die leere Schale. Er stellt sie scheinbar zufrieden auf den Tisch, greift seine Pfeife, stopft sie mit Haschisch und etwas Gras voll, zündet sie an, zieht kurz dran und gibt sie mir.

Mir ist von der widerlichen Tinktur so schlecht, dass ich gar nicht die Kraft habe, zu hinterfragen, ob kiffen in diesem Augenblick wirklich die beste Idee ist, also greife ich die Pfeife, ziehe einige Male und merke, wie sich mein Gemütszustand in ein positiveres Stadium wandert.

Ich sehe Nasir und Hakem noch etwas bei Reden zu, während alles um mich herum irgendwie beginnt zu verschwimmen. Wie aus einer Wolke heraus sehe ich, wie sich Hakems Arm um mich legt und er mich von meinem Stuhl hochzieht. Den Rest nehme ich nur noch schemenhaft wahr und schließe die Augen. Kurz darauf blinzle ich noch einmal und sehe, dass wir plötzlich wieder in meinem Zimmer sind. Dann legt sich ein dunkler Schleier über mich.

Als ich wieder aufwache fühle ich mich so erholt wie lange nicht mehr. Noch lange nicht gut, aber erholt.

Ich ziehe mir etwas über und bewege mich vorsichtig aus dem Zimmer nach draußen, immer noch recht benebelt.

Hakem sitzt in seinem Schaukelstuhl und trinkt Tee. Ach ja, und er hat einen Joint in der Hand.

„Hey Mann! Du lebst“, ruft er mir entgegen, während ich auf wackligen Beinen die Treppe herunterkomme.

„Überrascht dich das?“, frage ich, woraufhin er nur mit den Schultern zuckt.

„Nasir meinte nur zu mir, dass du wohl ziemlich fertig warst und du sahst auch echt kaputt aus, Mann“.

Ich bin noch zu matschig im Kopf, um wirklich darauf zu reagieren. „Jetzt geht’s mir auf jeden Fall besser. Ich habe einen mega Hunger. Ich hab seit einem Tag nichts gegessen“.

„Seit zwei Tagen“, berichtigt er mich, „Heute ist Dienstag“.

Ich schüttle verwirrt den Kopf und die Übelkeit kommt für den Bruchteil einer Sekunde wieder zurück.

Dienstag… Verdammt… Was für ein Zeug hatte Nasir mir da eingeflößt?!

Später

Ich habe durch diese ganze Scheiße zwei Tage verloren und beschließe, nicht noch mehr Zeit zu vertrödeln.

Mir ist immer noch etwas schummrig und ich fühle mich ziemlich benommen, wobei ich nicht weiß, ob dies an der Krankheit oder an Nasirs Hexentrunk liegt.

Den grummelnden Magen ignorierend und vollgepumpt mit Aspirin gegen das Fieber, mache ich mich auf den Weg ans Meer.

Moulay Bousselham liegt direkt an einer Lagune, dem Merja Zerga Nationalpark, auch die „Blaue Lagune“ genannt. Bis zu 100.000 Vögel überwintern hier jedes Jahr, darunter Flamingos, Pelikane und Ibise.

Am Strand liegen zahlreiche bunte Fischerboote, in einigen sitzen Fischer und flicken ihre Netze oder reinigen ihren Fang.

Ich komme mit einem von ihnen ins Gespräch und er erzählt mir ein wenig über die Gegend. Er könne mich sogar zu den Flamingos fahren, sagt er. „Alles eine Frage der Bezahlung“.

Natürlich ist es das. Doch wir werden uns schnell einig, ich springe in die blaugestrichene Nussschale und der Fischer schiebt das Boot mit Schwung vom Strand und springt hinter mir her.

Er schmeißt den kleinen Außenborder des Bootes an und wir schippern gemütlich entlang der Küste bis in die Lagune. Die Sonne strahlt auf uns herunter und ich lehne mich zurück und genieße die frische Luft und die Natur um mich herum, während sich der Bug des kleinen Bootes durch das türkisblaue Wasser der Lagune schneidet.

Irgendwann taucht am Horizont eine dünne helle Linie auf, die Schnell breiter wird. Flamingos. Er stellt den Motor aus, um die Vögel nicht zu stören und wir lassen uns langsam schaukelnd treiben. Einige der Vögel blicken neugierig zu uns herüber, während sich die übrigen nicht aus ihrer alltäglichen Routine von Auf-Einem-Bein-Stehen und Chillen stören lassen. Die Geräusche, die sie dabei machen allerdings, klingen nicht so anmutend, wie ihre Statur es zunächst vermuten lässt. Eher wie ein Schwein, das sich verschluckt hat.

Während ich dabei bin Fotos von den Vögeln zu schießen, holt der Fischer seine Haschischpfeife aus der Tasche, die so aussieht, als hätte er sie Gandalf geklaut, und beginnt sie zu stopfen. Es ist vollkommen Windstill, sodass mein Gegenüber schnell in einer kleinen weißen Wolke verschwunden ist.

Er reicht mir die Pfeife und grinst mich an.

Naja, wie heißt es so schön: „When in Rome, do as the Romans do!“.

So geht es hin und her. Meine Augen werden kleiner, mein Grinsen breiter. Ich blicke herüber zu den Flamingos.

Waren die Viecher gerade schon so pink?!

 

Der Ruf der Aale bei Facebook

Im nächsten Teil: 

Marokko Teil 6: Fez

2 Gedanken zu “Marokko Teil 5 – Am Meer, oder: Vom marokkanischen Snoop Dogg, Hinterhof-Schamanen und den pinkesten Flamingos der Welt

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